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Einige Mutmaßungen über Sex, Pornografie, Zeugungschancen und das Feuilleton
Wie man mit Vorteil vorurteilende Artikel schreibt. Eine unsystematische Reflektion auf Ben Goldacres „Erotik für den Stichling“ ( www.freitag.de/wissen/1040-erotik-fuer-den-stichling ).
Biologische Erotik, kann es das als Studienfach geben?
Die „Stichlingserotik“, das musste sein, würde irgendwann das Feuilleton fluten, denn dieses Fischlein ist eines der verhaltensbiologisch am besten beforschten Lebewesen der Erde, einmal ganz abgesehen vom Menschen selbst, zu dem es verhaltensbiologische Studien, sogar reizvoll geschrieben, en masse et en détail, lange schon gab, bevor überhaupt der Begriff und die Theorie der Verhaltensbiologie entwickelt war.
Der Aufhänger Ben Goldacres: Irgendwo und irgendwie im Vereinigten Königreich des National Health Service stehen Männern Pornoheftchen nicht etwa für das Onanieren, sondern für die Samenproduktion zur Verfügung. Die SUN, der Daily Telegraph und Julia Manning, sie muss eine Politgranate auf der Insel sein, entrüsteten sich. Pornografie, indirekt gestützt aus puritanischen Staatskassen, das sei einfach unerträglich und zudem frauenverachtend. - Die Zeitungen selbst gehören Typen, die sehr wahrscheinlich viel eher Geschäfts- und Auflagezahlen nutzen um sich zu stimulieren. Sie sind Presseerzeugnisse der besonderen Art, die eine spezialisierte Begabung besitzen, über selbst hergestellte Inhalte und die Erfindung von einfachen Wahrheiten und Begebenheiten, Entrüstungspotentiale aufzubauen. Damit lieferten sie wiederum Material für die notwendige Abrüstung durch den Psychiater Goldacre im Guardian.
Einerseits gefällt mir das, denn dieser mediale Mist muss auch so benannt und verspottet werden. Andererseits erweist sich gerade bei diesem Thema, wie schnell auch das vermeintlich aufgeklärtere Prozent der Weltbevölkerung mit Anschluss an die Qualitätspresse, dem Hang zu Vorurteilen und Mutmaßungen erliegt.
Der heilige Onan, ein Gott der Reproduktion?
Nun, genau genommen onanieren die Männer in den Boxen, Zimmern, Besenkammern vor der Samenbank oder dem Fertilisationslabor nicht (Allenfalls dann, wenn man die biblische Mythe wortwörtlich so auslegt, wie sie einst niedergeschrieben wurde. Das führte hier vom Pfade.).
Sie produzieren Samen zum Zwecke der Reproduktion. Einsam und allein, ohne die Frau ihres Lebens, manchmal, vielleicht sogar häufiger, für sie, und für den, hoffentlich gemeinsamen Wunsch, ein Kind in die Welt zu setzen, müssen sie ein Samenprodukt abliefern. - Das ist aber nicht der Sinn und Zweck der Onanie.
Aber halt, schon das ist viel zu idealistisch gedacht, denn der Samenspender ist prinzipiell auch in der Lage, mit seinem Samenpaket, aus Kyrotechnik und geeigneter Nährdilution auferstanden, sowohl eine Leihmutter zu befruchten, als auch einer Frau mit Kinderwunsch, ganz ohne Partner, zu einem Kind zu verhelfen, wenn diese auf anonyme, tiefgefrorene Auswahlsamen zurück greift. Ja, sogar Partnerschaften mit zeugungsunfähigen Männern erhalten so ihr gewünschtes Kind.
In einem diffusen Graufeld wird es etliche Damen geben, die sich nicht auf anonymen Samen verlassen wollen und vom Spender zumindest detailierte biologische und soziale Daten wissen möchten, als Rückversicherung, weit über die üblichen Tests bezüglich der Beweglichkeit und eventueller derzeit analysierbarer, erkennbarer Genfehler hinaus. Samen kann nicht zurück gegeben werden und das Kind auch nicht. - Wir dürfen davon ausgehen, dass auch solche Wünsche, bei genügend Kleingeld im Portfeuille, in irgend einer Ecke der Erde auf höchstem medizintechnischen Niveau erfüllt werden.
Sind reproduktionstechnologisch arbeitende Tiermediziner und Biologen die wahren Dr. Sexe?
Dieses ganze Procedere geht eindeutig über Stichlingsverhalten hinaus, welches doch so genau, vom männlichen Kommentkampf, über das Balz- und Paarungsverhalten, bis zur Fischbrutpflege, analysiert ist. In der biologischen Welt der Ethologie scheint es nur einen Zweck des sexuellen Verhaltens zu geben, nämlich die Fortpflanzung. Dem widerspricht aber, wie häufig Homosexualität (z.B. bei den Stichlingen, aber auch bei Hunden) und zudem eine von den menschlichen Tieren so eingeschätzte Hyper- und Bissexualität, z. B. bei Bonobos, den kleinsten Menschenaffen, zu beobachten ist. - Diese Einschätzungen tragen alle diese menschliche Färbung, gerade weil wir uns ja nicht sicher in unserer Interpretation der Tierseele sein können.
Jedenfalls weicht das strenge soziobiologische und ethologische Denken auf, und den Tierspezies wird so etwas wie Lust, spielerische Erregung und Befriedigung zugebilligt, weil eine Konstruktion im Sinne reiner Fortpflanzung für dieses beobachtbare Verhalten als nicht sehr wahrscheinlich gilt.
Gut, das ist der Stand der Dinge. So springen gekörte Zuchteber lustvoll auf ein Sauenphantom, so liefern Deckhengste an einer Stutenattrappe ihr Sperma ab. Der Geruch rossiger Stuten, die Größe superoptimaler Auslöser für männliche Stichlinge, die Anwesenheit ebenfallls begattungswilliger Konkurrenz, das alles hat mehr oder weniger Auswirkungen auf die männliche, und ich bin überzeugt, auch auf die weibliche Fruchtbarkeit.
Das Krankenhaus der Liebe
Eine ungelöste Frage bleibt allerdings, warum sich bei zeugungswilligen, aber nicht fähigen Paaren, nur das ist ja ganz sicher durch eine Ethik gedeckt, sich die Partner nicht ein wenig treffen können, die sowieso dann zusammen sind.
Liebevoll Hand anlegen ist ja keine Sünde, zumal der Zweck sogar im puritanischen Krankenhaus klar ist, so lange es sich um keine Anstalt der gekränkten und verletzten Liebe handelt. - Das sparte sicherlich die Pornomagazine und steigerte die Potenz, eventuell sogar Menge und Qualität des Spermas. Wie gesagt mit Leihmüttern und Leihvätern verkompliziert sich alles, weil hier auch das Recht mitspielt und die kulturelle Bedeutung der Liebesbeziehung für die Haltung zu Kindern und Wunschkindern.
Warum es doch besser ist auf die Nachfahren Freuds, Kinseys, Hirschfelds, Johanna Elberskirchens, Fromms, Charlotte Wolffs und Oswald Kolles zu hören
Beim Menschen muss allerdings die Sexualität noch ganz anders abgesichert und sinnvoll sein, wenn sie befriedigend sein soll.
Schon mit dem Beginn der menschlichen Kulturen ist klar, - Davor herrscht ein Erkenntnisdunkel, welches eher Mutmaßungen gestattet, die aber sowieso meist den Tatsachen vorgezogen werden. -, Menschen strebten fieberhaft danach, ihre Fruchtbarkeit zu reduzieren und die erlebare Sexualität, als Erfahrung von Nähe und Lust, von der biologischen Zeugung zu entkoppeln. Die biologischen Kalendarien, primitive Suspensorien, ätzenden Kräutertampons zeugen ebenso davon, wie die Technik der Ejaculatio praecox, das Praktizieren langer Stillzeiten, die Erfindung der Pille und alle primitiven und brutalen Methoden der Abtreibung.
Ein Hauptmerkmal des Menschen ist vielleicht gerade sein Streben, die Kopplung der Triebe, auch des Todestriebes und der Aggression, an rein biologische Funktionen aufzuheben!
Ein heftiger, auch wissenschaftlich geführter Streit tobt, ob die Abkopplung und Übertragung der Lust, z.B. auch auf ursprünglich nicht durch den Sexus aufgeladenen Verhaltensweisen und sogar auf Gegenstände Frauen besser gelingt als Männern. Nicht jedoch wird um die Tatsache an sich gestritten. Sie ist auch zu klar erkennbar.
Leser mögen beachten, wir bewegen uns immer noch nicht auf dem fatal komplexen Feld der Liebe, sondern kratzen gerade erst einmal an der äußeren Schale des Beobachtbaren, also an spür- und meßbaren Lust- und Erregungsphänomenen.
Pornografie ohne das Tierreich zu bemühen
Nun kehre ich zu Goldacres Artikel zurück. Pornografie, so ist doch mein nicht ganz erfahrungsloser Eindruck, ist kaum mit der Fortpflanzung verkoppelt. Das Zeigen und Ausmalen der Sexualität ist eher davon weg gerichtet. Aus Pornografie soll in 99,99 % der Fälle, wenn sie konsumiert wird, keine Nachkommenschaft erwachsen. Das glatte Gegenteil ist der Fall.
Woran könnte das urtümlich liegen? - Die dauernde Vermehrung der Art durch Zeugung ist über den langen Zeitraum der Potenz und Zeugungsfähigkeit der relativ alt werdenden Menschentiere kein biologisch sinnvolles Muster mehr. Menschen sind, seit Urzeiten, mit vielen Kindern in eigener Verantwortung, als Väter und Mütter schlicht nahe an der Überforderung, was nicht heißt, dass manche Großfamilien und Familien unter glücklichen Umständen (Versorgung und Betreuung gesichert, Hilfe fast immer erreichbar) mit vielen Kindern vernünftig leben.
Mit relativ großer Sicherheit kann heute angenommen werden, dass in der Urhorde relativ viele miteinander irgendwie verwandte Erwachsene, allerdings mit sehr geringer Lebenserwartung, mit relativ wenigen Kindern lebten. Mehr Kinder und viele Alte wären bei der so starken Ausrichtung der Ernährung auf Proteine, nicht durch zu bringen gewesen. Nur so ist zu erklären, dass ein im Grunde immer sexuell fähiges Wesen über mehrere zehn- oder sogar hunderttausende Jahre nicht etwa ein schnelles Populationswachstum zustande brachte, sondern lange nur existenzgefährdende, sehr geringe Reproduktionsraten erreichte. Die Subspezies Sapiens, Sapiens sapiens waren davon so bedroht wie die ausgestorbene Subspezies Homo neanderthalensis.
Auch aus diesem Grunde schaltet die Menschennatur die weibliche Fruchtbarkeit ab einem gewissen, durch die biologische Alterung und Umweltfaktoren bedingten Zeitpunkt aus. Warum hat das beim vorgeschichtlichen Mann biologisch nicht funktioniert? Vielleicht, weil der in der Regel starb, bevor ein solcher Mechanismus etwas gebracht hätte?
Jedenfalls komme ich zu dem Schluss, dass nur der Mensch auf dieser Erde einen Sinn, einen Blick und ein Gespür für das Pornografische und Erotische entwickeln konnte. - Viele Menschen sind allerdings nicht einmal in der Lage einen Unterschied der genannten Begriffe wahrzunehmen oder zu formulieren, obwohl das doch eine kulturelle und aufklärerische Leistung wäre, die auch ein wenig mehr Lustgewinn abwürfe.
Er, der Mensch, pornografiert sogar die Natur und unterstellt ihr sein eigenes tierisches So-Sein. Das ist natürlich nicht sachlich, nicht logisch, aber auch nicht unbedingt schädlich. Nur zur Kenntnis sollte man es nehmen.
Eine Diskussion darüber, zum Beispiel in der Form Goldacres, bleibt reiner Feuilletonismus, d.h. eine Art Textualität, die einzig und allein zur Unterhaltung und nicht zur Erkenntnis, nicht einmal zur Erkenntnis des Wesens und der Bedingungen der eigenen Lust betrieben wird.
Auf dieser Ebene müssen sich selbst kluge Menschen mit der Frage beschäftigen, ob ihnen nicht die Tiere zuvor gekommen wären und schon lautierten, „bring´ uns den extraordinären Pornostichling, zeig´ uns die Super-Vererber-Sau!“, bevor es überhaupt Menschen gab. Die Tiere sind tatsächlich an solchen Themen nur in unserer Wahrnehmung interessiert, so wie man sich auch auf hunderten Seiten dazu auslässt, ob Tiere eigentlich die Aufnahme in das Himmelreich erlangen können.
Christoph Leusch
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Ach übrigens, gegen Samenstau (der wohl u.U. zu solchen Artikeln, wie diesem, führt) gibt es Hilfe - auch wenn gerade kein/e Partner/in "zur Verfügung" steht - Sie wissen sicher was ich meine.
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Na sowas! Lieber Barshai,
Dann führen Sie ´mal aus. Ich muss mich wirklich kringeln. Aber, schreiben Sie ruhig einmal auf, was Ihnen aufgefallen ist. Dann verstehe ich das auch besser. Nur ankoffern ist nämlich irgendwie geistig nicht sexy. - Aber ich verliere nie die Hoffnung. Liebe Grüße Christoph Leusch |
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hallo,
haben sie schon mal zum natuerlichen verhuetungswissen der menschen und dessen absichtsvolle bzw. bevölkerungspolitische vernichtung recherchiert? Gunnar Heinsohn und Otto Steiger geben da reichlich auskunft in diversen werken. an hand deren ausführungen erkennt man dann schoen, dass erst das politische handeln von "oben" der natur einen richtigen strich durch die rechnung macht mir allen uns heute bekannten konsequenzen, die dann wieder politisches handeln von "oben" zu erforderen scheinen. der politisch handelnde einzelne hat demgegenueber wohl eher alles im griff - dem eigenen. ihre ausführungen zu frueheren reproduktionsraten schienen mir recht fluechtig und am wesentlichen punkt vorbei. relativ stabile populationen sind in der natur an sich gegeben - auch beim tier "mensch". waere das nahrungsangebot ein wirklich relevantes kriterium saehe es heute anders aus in der welt. |
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Quark, iDog,
Weder sind in der Natur stabile Populationen i.d. Regel gegeben, das können Sie sogar aktuell hier im "dF" an am Beispiel der Neozoen oder an Neophyten nachvollziehen, noch hat ihr Einwand irgend etwas mit dem Inhalt meines Artikels zu tun, bei dem es um Pornografie, Erotik und damit eventuell verbundene vermehrte Fruchtbarkeit geht. Zudem geht es eben um die Tatsache, dass Menschen früh ihre Fortpflanzungsfähigkeit unterdrückten und dies einmal aus Not, zum anderen aus einer erreichbaren Loslösung der Lust von den Fesseln der Reproduktion erreichten. Dafür habe ich einige Beispiele angeführt. Sind Sie auch einer der Geschädigten der Theorie des Jungmännerüberschusses? MfG Christoph Leusch |
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hallo columbus,
ihre kritik am besprochenen artikel zur "vermehrten fruchtbarkeit" durch pornographie finde ich ungeachtet des folgenden durchaus nachvollziehbar - dies nur um missverstaendnissen vorzubeugen. den recht aussagearmen ausgangsartikel hatte ich selbsverstaendlich gelesen. zunaechst eine gegenfrage: wie ist man oder kann man ein "Geschädigter der Theorie des Jungmännerüberschusses" sein? ... besser worauf beziehen sie sich damit in diesem zusammenhang konkret ? sollte dies etwa mit dem neozoon zu tun haben? ... der mensch ( hier: junger mann) als eine sich selbst (nach 1500 irgendwo) einschleppende spezies?... ein humoriger zynismus? ich habe auch den von ihnen erwaehnten aktuellen krisenbericht zum phaenomen der neozoen im wissensteil ueberflogen, muss aber sagen, dass der aehnliche defizite aufweisst wie der von ihnen hier kritisierte artikel zur "stichlingspornographie", also an aehnlich feuilltonistischen eigenschaften leidet, indem er sich ausschliesslich auf das durchschnittliche eine promille der neozoen bezieht, das pulikumswirksamen schrecken bzw. selbstkritische betrachtungen zum menschlichen eingriff in eine oekologische balance zu erzeugen vermag. was aber die neozoen oder neophyten besipielhaft mit einer generellen instabilitaet von populationen zu tun haben, bleibt mir bis dato verschlossen? entschuldigen sie meine naive frage. aber bei noezoen scheint es sich doch eher um eine menschenverschuldete regionale neupopulation zu handeln, die allenfalls einen seltenen sonderfall darin antreffen kann keinen natuerlichen feind zu haben, nicht wahr? hingegen spricht man in bezug auf die adaptionsfaehigen 1-10 % dieser populationen dann durchaus zb. von "stabilen nephyten". natuerlich hat es sicher auch irgendwann mal keine menschen gegeben - richtig. aber soweit ich erfahren konnte haben sich menschen ueber lange zeitraeume eben tatsaechlich nicht nennenswert vermehrt - sie sprachen es ja selber an. daten aus dem bezüglichen werk von heinsohn und steiger ( "die vernichtung der weisen frauen") deuten auf einen relativ stabilen demographischen verlauf zb. vom fruehen altertum bis ins spaete mittelalter hin, der allenfalls durch seuchen leichten schwankungen ausgesetzt war. aus regional begrenzten, meist kirchlichen aufzeichnungen aus dem mittelalter zb. werden fast identische sterbe- und reproduktionsraten ersichtlich. mein "einwand" hat dann auch in sofern etwas mit ihrem artikel zu tun: mich hat ein detail in ihrer ausführung ueberrascht, in dem sie meinen, nur durch "die so starken Ausrichtung der Ernährung auf Proteine" und das so begruendete problem nicht "mehr Kinder [...] durchbringen zu koennen" erkläre sich, "dass ein im Grunde immer sexuell fähiges Wesen über mehrere zehn- oder sogar hunderttausende Jahre nicht etwa ein schnelles Populationswachstum zustande brachte, sondern lange nur existenzgefährdende, sehr geringe Reproduktionsraten erreichte." sie setzen also, wenn ich sie woertlich nehmen darf, eine natuerliche anstrengung des menschen voraus sich zu vermehren bzw. ein beinahe scheitern in dieser anstrengung bis nahe zur existenzgefaehrdung der gattung - hier vielleicht in anlehnung an das adaptionsproblem der neozoen. mich wuerde interessieren auf welche anthropologisch-ethnologischen quellen sie sich dazu beziehn. wie ich schon sagte, scheint ihre aussage der immer noch gaengigen auffassungen von der existenzsicherung duch viele kinder in armen oder gar notgebeutelten regionen zu widersprechen. natuerlich koennte diese auch reine folklore sein oder sich bzw. nur auf zeiten nach besagter unterrueckung des wissens um natuerliche kontrazeptions beziehen. ich fragte mich also wie sie die beschriebene reproduktionsproblematik mit der einbeziehung des meiner meinung nach recht profunden ebenfalls jahrtausende alten wissen der menschen um kontrazeption, das sich gerade vor der neuzeit sicher nicht nur auf "primitive Suspensorien, ätzende Kräutertampons" etc. bezogen hat ( siehe dazu zB. birgit seyer: mit pflanzen verhueten und darin den 15 seitigen literaturnachweis), und ihrer schlussfolgerung "Schon mit dem Beginn der menschlichen Kulturen [....] Menschen strebten fieberhaft danach, ihre Fruchtbarkeit zu reduzieren ..." kausal oder historisch zusammenbringen. einerseits haben also die menschen über weite strecken im bemuehen gegen aeussere unbill ihrer meinung nach reproduktionsschwierigkeiten, andereseits wird alles getan, um "Lust, von der biologischen Zeugung zu entkoppeln" und "Fruchtbarkeit zu reduzieren". sehen sie das als chronologie? für mich erklaert sich ein effort zur kontrazeption ethnologisch aus dem beduerfnis kindersterblichkeit und -toetung wegen akutem resourcenmangel sozusagen am keim zu ersticken und kulturhistorisch aus dem beduerfnis einer reasonablen selbstregulation der reproduktion ohne auf sexualitaet in hoher frequenz verzichten zu muessen. da sind wir nicht weit auseinander. wenn sie mich dann explizit noch einmal auf ihr thema "Pornografie, Erotik" verweisen - ich habe durchaus bemerkt welches ihr thema ist, verwundert mich im weitern kontext der hinweis: "Menschen sind, seit Urzeiten, mit vielen Kindern in eigener Verantwortung, als Väter und Mütter schlicht nahe an der Überforderung". hierbei geht es ihnen dann thematisch bedingt weniger um die gruende der ploetzlich hier auftauchenden vielen kinder als um die "urtümliche" bedingtheit der pornographie. wenn die pornographie ihrer meinung nach nun so begruendbare auf eine ablenkung der sexualitaet von der fortpflanzung hindeutet bzw. eine reaktion auf eine nun stattfindene ueberreproduktion darstellte, so waere ja im umkehrschluss ein verbot aller fortpflanzungshemmenden praktiken, wie wir sie aus einschlaegigen werken der fruehen neuzeit kennen, durchaus als reproduktionssteigernde maßnahme zu bezeichnen. gehen wir von der gegebenheit dieser absicht als notloesung aus einer belegten, katastrophalen entvölkerung aus, eraebe sich am ende wohlmoeglich doch ein zusammenhang zwischen urspruenglicher, bevölkerungspolitischer kriminalisierung von kontrazeption, masturbation, abtreibungen etc. und der nach einer mehrere jahrhunderte solchermaßen gesteigerten reproduktionsrate sich anschliesenden bremsung derselben durch erneute liberalisierung der sexualitaet inklusive der technischen entstehung und entkriminalisierung der modernen pornographie, des schwangerschaftsabruchs etc. und sogar der tendenzioesen allgegenwart und aktzeptanz pornographischer inhalte, relativ offener, gar oeffentlicher sexualitaet. vielleicht konnte ich ihnen nun meinen "einwand" zum thematischen zusammenhang naeher bringen. in ihrer antwort vermitteln sie nun den eindruck, der sprunghafte anstieg der europaeischen population seit dem 15. JH koenne mit einem noezoonartigen phaenomen zusammenhaengen. das verstehe ich, wie oben angedeutet nicht. ich nehme an sie werden mich aufklaeren. natuerlich teile ich indes ihr bedauern darueber, dass zeitgenoessische samenspender nicht durch die dame ihres herzens unterstuetz werden koennen wo doch sogar ziegenboecken die anwesenheit eines stimulierenden weibchens bei der samenproduktion zugebilligt wird. ebenfalls mit freundlichen greussen und der hoffnung auch den rest des rezeptes zu erfaheren solange es nicht pellkartoffeln sind ... ihr iDog |
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Lieber iDog,
Selbst ganz bekannt Tierarten und Wildtierarten schanken in der Population gewaltig. Es sind eben Zyklen, die von vielen Umwelteinflüssen gesteuert werden und natürlich auch von den Reproduktionsbedingungen der jeweiligen Art. Je kleiner und zahlreicher die Arten, desto häufiger und größer sind die Schwankungen. Bei Pflanzen ist das noch viel ausgeprägter und bei der biologischen Mikrowelt fast die Regel. Denken Sie einmal an ein Löwenrudel. Durch den Pascha werden viele Löwinnen trächtig und werfen Junge. Die haben aber nur dann eine Chance, im Rudel oder als Selbstständige Neugründer, wenn sie in der Lage sind ein viel größeres Areal mit viel mehr Jagdbeute zu bejagen. Die Folge einer hohen Geburtenziffer in einem Jahr sind dramatisch. Diese Pascha Sexualität hat übrigens in sich schon eine hohe Hürde gegen die allzu schnelle Vergrößerung der Population, weil sich eben nur das Alpha-Tier fortpflanzt. Oft werden nicht alle Löwinnen trächtig, häufig sind einzelne weibliche und männliche Tiere erstaunlich unfruchtbar und der Löwennachwuchs stirbt schnell, wenn nicht genügend Futter beikommt. Klar ist, dass selbst bei dieser Großkatze die natürlichen Mechanismen nicht ausreichen, weil die Territorien längst zu klein wurden und auf ihnen menschliche Nutzungsansprüche lasten, die die Löwenbiologie nicht im Programm hatte. Der Mensch muss eingreifen, weil er schon viel früher an anderen Stellschrauben im Ökosystem drehte. Die Anspielung mit den Jungmännern bezog sich auf Heinsohn und seiner "Theorie" von den überzähligen jungen und zornigen männlichen Muslimen. Ich schreibe extra "Theorie", weil Heinsohn bisher keine schlagkräftigen Beweise liefern konnte. Angesichts seiner Mutmaßungen, verwundert nämlich die unglaubliche Duldsamkeit der übervölkerten Länder auf die sich das bezog, gegenüber den real miesen Verhältnissen dort. Das glatte Gegenteil der Heinsohn Ableitungen, er fürchtet und warnt vor dem universellen Kampf der Jungmännerhorden, trat ein und lässt sich beobachten, bis zur Spitze, dass die zahlenmäßig schwachen und alten Europäer und Amerikaner am Hindukusch glauben zuschlagen zu müssen. In meinem Text und auch in dem Goldacres, geht es aber um die recht einfach zu beschreibende, aber schwer kausal zu begründende Beoabachtung, dass die Gattung Mensch früh versuchte, die Sexualität in allen ihren Facetten von der Reproduktion zu entkoppeln, weil einerseits Lust (Erotik) mit großer Nähe, nach Wiederholung und Ausgestaltung, ästhetisch, religiös, kulturell und auch trashig, strebt. Das ist nicht unbedingt ein Biokonzept, wie man z.B. bei den Großkatzen sehen kann, andererseits die proteingestützten Frühmenschen durch hohe Geburtenraten stark gefährdet waren. Dann kam das Korn, die Sesshaftigkeit und das Bier als Nahrungs und Lockerungsmittel für eher starr sippengebundene Jungsteinzeitler (kleiner Witz, bezieht sich auf Josef H.Reichholf). Die zuckerbasierten, zusätzlichen Nahrungserträge führten zur ersten Populationsvermehrung, raus aus der prekären Situation, relativ direkt vom Aussterben bedroht zu sein, bei kleinsten Änderungen im Nahrungsangebot und den Umweltbedingungen. Wein und Bier, trockenes Korn, lassen sich lagern. Die Sündenverbote strenger Religionswächter aller Kulturen hängen viel eher mit der Macht und der Gewinnabschöpfung zusammen. Die betroffenen Armen versuchten mit allen Mitteln, aus der Spirale, meine Lust und meine Nähe zum Partner zeitigt Folgen, heraus zu kommen. Die Herrschaft über eine große Zahl von über jahrhunderte vorwiegend händisch arbeitenden Menschen, vom Kind auf dem Feld oder in der Werkstatt, bis zu den Alten am Spinnrad und Webstuhl, lag im Interesse der Oberschicht. Die Peuplierung hatte ja noch bei den friederizianischen Ansiedlungsbemühungen eine Rolle gespielt und wo keine auszubeutenden Menschenmassen zur Verfügung standen, wie z.B. im Süden der USA, importierte man Sklaven. Das selbst die strengsten Gebotsreligionen erfindungsreich sein konnten, um dem Dilemma aus dem Weg zu gehen, zeigen die komplizierten und trickreichen Mühen, die im alten Testament, in der Thora, angewendet werden, um nicht vom Gebot gedeckte menschliche Möglichkeiten, doch zu integrieren. Das geht manchmal sogar durch einen rituell hergestellten Neclect. - Mein Hinweis auf den Onan der Bibel. Der wesentliche Grundgedanke ist aber, Diskussionen um Pornografie und Erotik nicht mit einer pseudobiologistischen Sicht zu betreiben. Ich schrieb ja, dass viele Menschen, das ist jedenfalls meine Meinung, nach bestem Wissen, Erfahrung und Gewissen, nicht ausreichend unterscheiden. Auf der Suche nach dem "Porno-Tiermodell", es gibt ja dazu auch ein gedanklich wesentlich anspruchvolleres Analogieprojekt aus der Filmwelt, nämlich Isabella Rossellinis, "Green Porno", obwohl es sich da mehr um ästhetisch abgefilmte Tier-Sexualität handelt, entdecken wir nichts, ausser unseren eigenen Blick. Liebe Grüße Christoph Leusch |
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hallo columbus,
das biokonzept der grosskatzen in ehren und auch gewisse zyklische schwankungen von populationen einzelner gattungen anerkenned ( brisantes beispiel : der eisbaer - anstieg um grob 500% in den letzten 50 jahren ) erstaunt mich, dass in ihrer antwort der ansatz eines menschlichen "biokonzepts" der selbstregulierung durch kontrazeptive techniken in weiten teilen der kulturgeschichte unbeachtet bleibt. bevölerungspolitisches eingreifen in dasselbe indes bestaetigen sie mit den bekannten oekonomischen gruenden, die unter anderen eben auch H. und S. angeben. dass ich den grundgedanken ihres artikels verstand habe, sollte klar sein, genauso wie mein interesse bezuglich des darin enthaltenen details zum menschlichen reproduktionskonzepts, das nicht nur wie bei den loewen als phaenomen grundsaetzlich beobachtbar ist, sondern auch ebenso durch den menschen hoechstselbst gestoert werden kann, der machtpolitisch so anscheinend andere prioritaeten durchzusetzen zumindest temporaer faehig ist, als das "natuerliche" reproduktionskonzept vorzugeben vermag, bis sich dazu spaeter eine gegenbewegung mit wohlmoeglich wiederum kultureller, gleichfalls machtpolitischer absicht auszubilden vermag. ich denke, ich bin hier recht nah an ihrem thema, bestaetige es gewissernmaßen, ergaenze es um seinen aspekt des absichtsvollen oekonomisch-politischen. die weltweiten umsaetze der pornoindustrie liegen laut internet um die 20 milliarden. was den "jungmaennerüberschuss" angeht, so habe ich natuerlich das entsprechende werk von heinsohn auch gelesen, dessen interpretation und ansatz ich hier aber nicht en detaille thematisieren moechte, da es nicht in den rahmen ihres artikels passen wuerde. ich wunderte mich lediglich ueber diese pauschale vermutung ihrerseits, zumal der so gennante "youth bulge" ein junges phaenomen ist und den bereich der ueberreproduktion bzw. die bevölkerungsexplosion seit dem 15. jh. betrifft. was dieses phaenomen geopolitisch bereits hervorgebracht haben koennte in bezug auf ihr thema ist klar. was es ansonsten noch hervorbringen wird, ist sicher wie sie sagen nicht der glauben "die zahlenmäßig schwachen und alten Europäer und Amerikaner am Hindukusch [...] schlagen zu müssen", sondern wenn ueberhaupt dann umgekehrt die irrealitaet des atlantischen glaubens gegen diesen youth bulge jemals gewinnen zu koennen. ich hatte den eindruck, dass dies die befürchtung heinsohns ist. mit freundlichen gruessen iDog |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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