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Der Nebel sehr großer und sehr kleiner Zahlen und die Öffentlichkeit
Die Initiative der amerikanischen Milliardäre (Billionäre) kommt zu einem sehr passenden Zeitpunkt, wenn auch der in Frage kommende Beitrag von ca. 100-150 Milliarden US Dollar als Vermögensgrundstock der Stiftungen, verglichen mit der angehäuften staatlichen Schuldenlast der USA und dem fehlenden, aber in Zukunft irgendwie aufzubringenden Geld für eine soziale US-Krankenversicherung, eine sehr kleine „Gabe“ sind.
Andere Reiche waren in der Finanzkrise durch ihr Gebahren in Verruf geraten. Für einen Moment, ein paar Monate, ärgerte sich auch ein, seit Tocqueville immer wieder als großzügig-vergesslich beschriebenes, amerikanisches Volk in seinen öffentlichen Medien und auf den Millionen Bloggerseiten im Web, über Manager, Banker und Spekulanten, die selbst während ihrer letzten Arbeitstage für ihre heruntergewirtschaften Unternehmungen nicht bereit waren auf persönlichen Luxus, bezahlt auf Rechnung der Einleger, der Betriebe, des Staates, zu verzichten, und Erfolgs- wie Abgangsprämien einstrichen, auch wenn nach einer Firmenübernahme plötzlich ein Drittel, die Hälfte oder sogar alle Angestellten und Arbeiter der ehemaligen Belegschaft entlassen wurden.
Dieses öffentliche Image wird von den sympathisch auftretenden Eheleuten Gates und dem eher im Hintergrund wirkenden Warren Buffett nun verbessert. Gewaltige Summen der Mildtätigkeit und philanthropischen Hilfstätigkeit scheinen im Spiel zu sein.
Keineswegs kann man den Milliardären absprechen keine guten Ziele zu verfolgen! Gerade diese Superreichen arbeiten im Stiftungswesen schon länger zusammen. Sie entwickelten für ihre Stiftungen klar formulierte Vorgaben und sicherten sich rechtzeitig die Unterstützung befreundeter, in der Öffentlichkeit beliebter oder sehr bekannter Persönlichkeiten, vom Pop-Sänger bis zum Ex-Präsidenten Clinton. Und sie kooperieren mit einigen großen NGOs.
Das Stiftungsmodell
Die Beteiligten überschreiben sehr große Teile des Privatvermögens an ihre Stiftungen, deren Zwecke und Ziele sie aber weiterhin voll und ganz, selbst kontrollieren können. Die benannten Ziele und Zwecke müssen denen einer Liste des Steueramtes der Vereinigten Staaten entsprechen. - Diese Liste ist sehr allgemein gehalten.
Umgekehrt erfolgt dann eine weitgehende Steuerbefreiung. Die staatliche Steuerbehörde unterscheidet noch zwischen „operierenden“ Stiftungen, also solchen, die selbst ein gemeinnütziges Geschäft betreiben möchten und dafür Einahmen, Spenden und natürlich auch öffentliche Subventionen oder Zuschüsse einsammeln (mehr staatliche Kontrolle, gewisse Besteuerung), und jenen, die im Rahmen ihrer Zwecke und Ziele, große Spenden (Grants) an Personen und Institutionen ihrer Wahl weiter geben (kaum staatliche Kontrolle). Eine solche, „nicht-operierende“, Stiftung ist die Bill und Melinda Gates-Foundation.
Der Rahmen. Globale Unsicherheit, obwohl wieder viel großes Geld verdient wird
Auch wenn, die Finanzwirtschaft und die Investorenökonomie derzeit wieder an Fahrt gewinnt, weil sich die Hauptbeteiligten längst wieder auf das gegenseitige Treu und Glauben und den ungefähren Wert ihrer nun, von den wirtschaftlich größten Ländern staatlich abgesicherten Assets verständigen konnten. Auch wenn die Geschäfte mit Geschäftsanbahnungen, dieser wirklich lukrative Markt der guten Provisionen und teuren juristischen Verträge (Claims abstecken, nennt sich das bei Sloterdijk.), wieder viel Geld abwirft, sogar die Industrieproduktion wieder anzieht, bleiben trotzdem die gewachsenen sozialen Klüfte, z.B. in der US-Gesellschaft, z.B. in Europa, viel massiver jedoch in der dritten Welt und den Schwellenländern, bestehen.
Der globale Blick weitet nur den Horizont für die Vorstellung, dass nicht Missmanagement der Staaten eine Rolle bei der Genese sozialer Schieflagen die größte Rolle spielt, sondern das gegenwärtige Wirtschaftssystem an sich. - Eine Schwäche aller Kritiker dieser Verhältnisse ist und bleibt jedoch, dem bestehenden Welt- Modell allenfalls eine weitgehend theoretische Alternative entgegen halten zu können.
Die Stiftungen machen sich medial gut. Aber im Prinzip arbeiten sie ausschließlich für die aufgestellten Ziele ihrer Gründer. Sie kumulieren mittlerweile eine Macht, an der kaum jemand vorbei kann, weder amerikanische Präsidenten, noch internationale Organisationen.
Die Bill und Melinda Gates-Stiftung, -Warren Buffett muss man sich derzeit immer dazu denken-, verfügt im Bereich Gesundheit etwa über das gleiche Budget wie die eigentlich zuständige Unterorganisation der Vereinten Nationen. - Was sollen Sie, die gut gesinnten Milliardäre, anderes tun, als so gut wie möglich wohltätig zu handeln? Aufessen lassen sich die Vermögenswerte von ihnen und ihren Angehörigen nicht, und Dollars durch Spekulation zu generieren oder zu verlieren, beschäftigt nur Investmentbanker und Spekulanten an Warenbörsen, aber doch nicht gestandene Unternehmer und wahre Philanthropen.
Für welche sozialen Missstände gibt es was?
Sehr interessant ist auch die doch sehr unterschiedliche Verteilung der Mittel der Gates-Stiftung für Projekte.
Ganz oben an steht der Gesundheitssektor und die Welternährung, die Landwirtschaft. - Hier arbeiten die Stiftungen mit den großen Unternehmen zusammen, deren Aktienpakete die Grundlage für die frei verfügbaren Mittel der Stiftungen auswerfen (Dividenden, Geschäftsprofite aus dem Anlagevermögen in Aktien, Währungen, Immobilien und Resourcenlizenzen).
Mechanisch gedacht, bekämpft man den Welthunger mit je zwei, drei gentechnisch veränderten Reis-, Mais-, Kartoffel-, Soja- und Weizensorten, dazu entsprechend gezüchteten, hocheffizient arbeitenden „Fleischeinheiten“, - Huhn auf Reis, Steak und Tostadas, Schnitzel an Pommes -, für die die grünen Biotechnologen der Großfirmen vollmundig neuerliche große Ertragsteigerungen, auch auf eher schlechten Böden, versprechen. Da genügt es dann, die drei, vier wichtigsten Saatgut- und Agroprodukthersteller im Boot zu haben, bzw. mit der eigenen, lockenden Finanzkraft der eingesetzten Mittel auf diese einwirken zu können.
Versprechen werden abgegeben, obwohl schon heute die Landwirtschaft mehr Nahrungsmittel-Kalorien, von den anderen essentiellen Dingen hier einmal ganz abgesehen, liefern könnte, als weltweit wirklich gebraucht würden.
Nur der Realismus, dass weiterhin ein kleinerer Teil der Weltbevölkerung mehr essen und sonstwie nahrungstechnisch verbrauchen möchte, - z.B. auch frei wegwerfen können möchte, verschwenden möchte-, als immer nur pappsatt zu sein, hält die Illusion aufrecht, eine bald an ihre Wachstumsgrenze kommende Weltbevölkerung bräuchte exorbitant viel mehr an landwirtschaftlicher High-tech-Produktion, bräuchte diesbezüglich einen weiteren „Quantensprung“.
Gleichzeitig wird die Bekämpfung von HIV und seinen Folgen zu einem philantropischen Kampf mit großen Millionensummen an Ausgaben, die vor allem wieder in die Firmen gehen, die schon als Aktienwerte so überaus erfolgreiche Wertsteigerungen hinter sich haben.
Effizienznachweis
Man könnte nun sagen, das ist doch egal, Hauptsache es wird geholfen. Wie steht es aber mit der Effizienz und dem Fortschritt durch private Wohltätigkeit?
Klare Hinweise auf ein deutlich besseres, privates Management der Hilfen und Gaben sind nirgendwo rund um den Globus zu finden, auch wenn natürlich jede Stiftung Vorzeigeprojekte kennt und diese ins Rampenlicht rücken möchte.
Im Geist der philanthropischen Stiftungsgründer ist ein wenig von dem Enthusiasmus übrig geblieben, der da lautet, man müsse nur ausreichend Geld und Material aufwenden, dann sei jedes Ziel erreichbar. Analog dem Mondlandungsprogramm im Sinne der Kennedy-Philosophie, geht es gegen AIDS (HIV) und gegen den Hunger in der Welt. - Wir erinnern uns, schon die ausgerufene UN-Dekade scheiterte damit kläglich.
Dass im übrigen die Gelder für das Mikrofinanzgeschäft (Kleinkredite, Junus-Bank) und für die Schulbildung in den Entwicklungsländern, die z.B. Gates-Stiftung derzeit ausschüttet, genau betrachtet, eher dürftig ausfallen, hat gute Gründe.
Im Bildungsbereich fallen hohe, kontinuierlich zu erbringende Personal- und Strukturerhaltungskosten an, die sich die beglückten Entwicklungsländer häufig nicht leisten können oder wollen (das ist dann immer hochpolitisch!). Bei der Mikrofinanzierung lassen sich zwar sofort positive örtliche Wirkungen messen, aber im medialen Blick bleiben diese Erfolge eher unspektakulär, weil sie weitgehend einer lokalen Subsistenzwirtschaft dienen.
Die Milliardäre gehen mit dem technisch-wirtschaftlichen Grundverständnis ans Werk, von dem auch viele Menschen ohne Kapitalien und natürliche viele, die nicht wohltätig spenden wollen, sondern an ihre Gewinne denken, implizit ebenfalls ausgehen. Sie arbeiten mit einem Kapitaleinsatzmodell und halten sich damit für projektorientiert und erfolgreich. Viel verfügbares Kapital wird in definierte Aufgaben und Sachleistungen gesteckt, die aber ohne nachhaltig personell besetzte regionale Strukturen und ohne ein soziales Umfeld, nur sehr kurzfristig funktionieren.
Zumindest die Pressewelt müsste das Verfahren, die gewählte Methode, kennen, denn sie entspricht häufig der Art und Weise, wie ein neues Hochglanz-Presseprodukt am Markt lanciert werden soll oder Relaunches häufig stattfinden. Gerade Herr Poschardt sollte aus eigener Erfahrung berichten können.
Das System der Gabe
Ob nun der Journalist Ulf Poschardt oder der Philosoph Peter Sloterdijk sich mit ähnlichen, gewagten Thesen vor die Öffentlichkeit stellen, bleibt letztlich völlig egal. Beide Male ging und geht es vorwiegend um einen guten persönlichen Ausgangspunkt für neue öffentlich-rechtliche und privatmediale Einladungen. „Dem Affen Zucker geben“, heißt das Spiel. Dazu braucht es Thesen die provozieren, sonst wäre es ja völlig langweilig.
Herr Poschardt muss seinen Einstand als „kreativer Direktor“ bei der Welt, gebührend mit einem kreativen und medialen Knall feiern. Denn nichts sichert solche Plätze besser, als gute oder sogar die ganz schlechte Publicity, sowie unbelegbare und wenig von Sachlichkeit geprägte Behauptungen.
Wie aus guter Philanthropie schlechte sozialphilosophische Thesen abgeleitet werden
Im Ansatz Sloterdijks und Poschardts liegt ein grundlegender Denkfehler, den beide nicht wahrnehmen wollen.
Lautet das Ziel einer Stiftung, einer "Gabeinstitution", nämlich nicht Gewinnorientierung, das ist ja die eigentliche Idee des Non-Profit, dann fallen die bisher messbaren Spielregeln für Erfolge, nämlich Profit aus einer Geschäfts- oder Spekulationstätigkeit pro Zeiteinheit weg, und die Stiftungen stehen vor genau den gleichen Dilemmata wie die Staaten und Regierungen, oder wie die international eigentlich zuständigen Organisationen der UN.
Soziale Investitionen verlangen immer einen beständigen Strom an Einnahmen aus Steuern und Abgaben, um dauerhaft (nachhaltig) zu funktionieren. Ohne ein solches Einnahmesystem, sei es aus Steuern, sei es aus stetig neuen Schenkungen, bricht das System, immer im Rahmen der bestehenden Wirtschaftsordnung gedacht, zusammen. - So einfach kann ökonomisches Denken sein.
Ich wage einmal die Prognose, dass das Modell der Stiftung partiell allenfalls gerade genau so erfolgreich sein kann, wie die staatliche oder überstaatliche Intervention.
Geht es um dauerhafte Verantwortung, operiert man auf dem gleichen, umfänglichen und differenzierten Niveau wie es die modernen Sozialstaaten tun, bleibt auch einem privaten Gabessystem nichts anderes, als Regeln für kontinuierliche und vor allem sichere Einnahmen aufzustellen und diese dann gesellschaftlich durchzusetzen.
Allerdings könnten wir im voll ausgebauten „System der Gabe“, betätigten wir uns einmal als utopische Sozialforscher, keine Unterschiede zum Bürokratismus, zu den Reibungsverlusten durch einen Wust an entscheidungslenkenden, sachfremden (politischen, medialen und ökonomischen) Erwägungen, feststellen.
Eventuell wächst sogar der Anteil an Willkür, an Entscheidung nach Sympathie und Antipathie der Philanthropen und ihrer Berater, im Vergleich mit dem Modell der auf vielen Ebenen öffentlich kontrollierbaren Struktur des sozialen Systems staatlichen Handelns, das dazu immer noch an Gesetze und demokratische Parlamente gebunden bleibt (Die Rechenschaftslegung erfolgt auf vielen Ebenen).
Die globale Effektivität der denkbaren Mega-Stiftungen sänke unweigerlich, ohne den weiteren und vor allem kontinuierlich gestalteten Mittelzufluss. Der erforderte dann bald entsprechende Einnahmegesetze und die Macht der Kontrolleure wüchse.
Die Bill- und Melinda Gates Stiftung ist veranlagungstechnisch völlig transparent. Aber, wohin die Gelder gehen, wer initiativ wird, mit was und warum, das unterläge, sollte sich die eher bornierte Fantasie der Poschardts dieser Welt durchsetzen, dem freien Willen der jeweiligen Stiftungsgründer und ihrer Räte.
Sehr fortschrittlich klingt das neue Heilsmodell des konservativen Feuilletons daher nicht. Eher klingelt und bimmelt es überall ein wenig gefährlich. So, als sehnte sich eine gewisse Gruppe von Menschen, die sich persönlich für besonders leistungsfähig hält, nach einer poststaatlichen Welt, in der ihr freier Wille selbstverständlich nur Gutes tut und jeder ihrer Gedanken schon natürlich hochwertig ist.
Die meisten Science-fiction Weltszenarien aus Hollywood und die Klassiker der SF-Weltliteratur sind da realistischer und ehrlicher, was die tatsächlichen Folgen und die Leistungsfähigkeit solcher privater Machtsysteme angeht, als es je der Karlsruher Philosoph und sein Nachsprech aus Berlins Pressewelt sein können.
Christoph Leusch
PS: Zu diesem Beitrag regte mich Alem Grabovacs Artikel "Disneyland und Sloterdijk"(www.freitag.de/politik/1031-presseschau-zu-milliardaere-spenden-haelfte-ihre-vermoegens )
an. Ich hoffe, ich konnte seinen interessanten Gedanken dort noch ein bisschen was beifügen.
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Ich als Milchbube mach mal 'ne Rechnung auf, damit das mit dem Geld konkreter wird:
Angenommen Du besitzt eine Milliarde Euro und Du lässt diese auf der Bank Deines Vertrauens ein Jahr lang liegen. - Bei dieser Geldmenge kriegst Du immer Sonderkonditionen, das ist auch bei kleinen Beträgen mit ein paar Hunderttausend Euro üblich. - Du handelst also Zinsen in Höhe von 5 Prozent aus, so ergibt das einen Zinsgewinn vor Steuern von 50 Millionen Euro. Ein Haufen Geld wirkt wie ein Staubsauger, der das Weltgeld an sich reißt und wieder Zinseszinsen erbringt. Und nun kommen diese Bürschchen daher, die im Artikel "gut gesinnte Milliardäre" genannt werden, und wollen sich moralische Anerkennung erkaufen. Dass solche Geldanhäufungen möglich sind, zeigt, dass die Steuergesetzgebung ganz auf diejenigen zugeschnitten ist, die nicht mehr wissen, wohin mit der Kohle. Die Dagobert Ducks haben mit allergrößter Wahrscheinlichkeit über ihr Lobbyistensystem auf die sie fördernde Gesetzgebung, die sich in den vergangenen Jahrzehnten etablierte, Einfluss genommen. Kurz: Das System der Demokratie funktioniert eigentlich anders als über freiwillige steuerbegünstigte Spenden irgendwelcher Kapitalisten. Die gewählten Parlamentarier, die Vertreter des Volkes, müssten sich die Entscheidungsgewalt wieder aneignen und im Diskurs über die Verwendung der finanziellen Mittel entscheiden, die sie durch veränderte Gesetze in die Lage versetzte, nicht nur Mangelverwaltung zu betreiben. Lässt man sich aufs Spendenwesen ein, ist das ein Zeichen der Kapitulation, der Kapitulation vor der Idee der Demokratie. |
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Lieber Achtermann,
Ja, es ist ein Zeichen einer Kapitulation. Andererseits glauben bestimmt einige Neoliberale und Neokonservative fest daran, so die für sie leidige poltische Diskussion um soziale Fragen endlich los werden zu können. Für soziale Probleme ist man politisch in einem "Gabesystem" einfach nicht mehr zuständig. Das schwingt ja sogar bei Sloterdijk mit, der nun vielleicht kein Neocon ist. Wenn er so auf die Effizienz und vor allem die moralische Tugend der Gabe setzt. Poschardt, das ist dann nur die verwässerte Form für ein politisches Feuilleton aus 2/3 Bild in Hochglanz und einem Drittel Text als Umläufer. Liebe Grüße Christoph Leusch |
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Lieber Herr Leusch,
sehr gerne habe ich Ihren Artikel gelesen, weil in ihm — wie immer bei Ihnen — der Versuch kenntlich wird, den Dingen auf den Grund zu gehen und sie einzuordnen und nicht, wie man das leider sonst allzu häufig antrifft, die Schablone bereits daliegt und die Welt anschließend halbwegs hinein-gepuzzelt werden soll. Vorab allerdings einmal zwei Bemerkungen dazu, die mir ganz spontan einfielen: Auf der Seite The Giving Pledge, gewissermaßen die home base der Abgeber, findet man unter dem Button 'about' (ein direkter Link dorthin ist leider nicht zu bewerkstelligen) folgenden allgemeinen Hinweis zur Sache: The Giving Pledge is an effort to invite the wealthiest individuals and families in America to commit to giving the majority of their wealth to the philanthropic causes and charitable organizations of their choice either during their lifetime or after their death. (...)Es handelt sich hier also um eine gegenüber der Öffentlichkeit erklärte moralische Verpflichtung, einen nicht explizit bestimmten Teil seines Vermögens noch zu Lebzeiten oder per Verfügung von Todes wegen an im weitesten Sinne gemeinnützige Organisationen zu verausgaben. Es handelt sich hierbei ganz ausdrücklich nicht um eine rechtsverbindliche Abrede, es wird auch keine 'Super-Stiftung' eingerichtet oder das Geld von vornherein zusammengelegt (pooling) und gemeinsam verwaltet. In der Sprache der hiesigen Juristerei würde man dazu Gefälligkeitsverhältnis sagen: Jemand erbringt eine Leistung zugunsten eines andern, ohne, daß irgendein Beteiligter (egal ob Empfänger oder Erbringer) deshalb woraus auch immer zu irgendetwas verpflichtet wären (wobei Delikte natürlich ausgenommen sind, das sollte aber ohnehin klar sein). Im tatsächlich idealen Fall spenden also die, die auf der nämlichen Seite ausgewiesen sind, tatsächlich zugunsten des guten Zwecks. Es muß allerdings nicht der Fall sein. Darüber hinaus ist eben deswegen auch bislang gar nicht klar, welche Summen wirklich in Rede stehen. Bei Buffett weiß man's, bei den Eheleuten Gates auch. Ich weiß also nicht, woher die Zahlen stammen, die da kursieren, und auch nicht, wie die zustandekamen. Und ich erinnere auch daran, daß diese Riesenvermögen niemals so wie bei Onkel Dagobert im Geldspeicher liegen oder auf dem Sparbuch oder unter dem dann doch etwas größeren Plumeau. Warren Buffett hat zB nominal 30 oder 40 Milliarden Dollar gespendet. Das bedeutet aber mitnichten, daß er auf diese Summe einen Scheck ausgestellt und ihn der Gates Foundation überreicht hat. Was er getan hat war, der Gates Foundation die Aktien seiner Firma Berkshire-Hathaway zu übertragen. Aktien sind keine Zahlungsmittel und nur unter ganz bestimmten Bedingungen auch nur Zahlungsmitteläquivalente und unterliegen, wie der eine oder andere von uns sicher schmerzlich wissen dürfte, der kontinuierlichen Neubewertung, d.h. ihr Wert schwankt ständig. Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob ich jemandem 40 Milliarden in Form von Zahlungsmittel(äquivalente)n schenke oder ob ich ihm 40 Milliarden an Aktien übertrage. Ich will hier niemandem Schlechtes nachsagen, aber solche Dinge sollte man doch im Hinterkopf behalten. Der zweite Punkt betrifft die berühmte »demokratische Aufsicht«, von der immer wieder geredet wird, vornehmlich dann, wenn damit der durchaus unklar bleibenden Hoffnung Ausdruck verliehen werden soll, daß es, wäre es nur demokratisch genug, per se schon keinerlei Bedenken mehr gäbe. Was heißt in dem Zusammenhang »demokratische« Aufsicht oder Verwaltung, deren Mangel im Falle der amerikanischen Spender (und nicht nur bei denen) als ein regelrechter Eklatant beklagt wird? Ich habe das, um ehrlich zu sein, schon immer für ein reichlich schwaches Argument gehalten. Wurde nicht auch der Afghanistan-Einsatz ganz und gar demokratisch verabschiedet, so wie das unsere Rechtsordnung vorsieht? Haben wir nicht gerade im Verlaufe der sog. Finanzkrise erlebt, daß auf regulärem demokratischem Wege die Rettungsmilliarden locker gemacht wurden? Wo war denn da die Aufsicht? Nicht vorhanden? Stimmt zu sehr wesentlichen Teilen, aber wer sagt uns, daß dieses Nichtvorhandensein nicht die Ausnahme, sondern die Regel, also das Betriebsgeheimnis der Demokratie ist? Was mir bei solchen Gelegenheiten stets in den Sinn kommt ist, wie der alte Caesar sich des römischen Senats entledigte: Er hat ihn nicht einfach ausgeschaltet, denn das hätte ganz ohne Zweifel die Rebellion bedeutet, sondern er hat die Zahl der Senatoren von 250 auf 900 erhöht. Es gibt, wie ich meine, also wesentlich mehr zu bedenken als das bloße Fehlen 'ausreichender' Stimmenzahlen oder die ewigen Lobbyisten, die alle schöne demokratische Theorie ganz praktisch hintertreiben. Viele Grüße, Josef Allensteyn-Puch |
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Guten Mittag,
Das ist völlig klar. Die Kampagne der Milliardäre ist tatsächlich nicht eine, die sich auf ein institutionelles Recht stützt, sondern eine freiwillige Angelegenheit, bzw. eine Absichtserklärung. Da muss zwischen der Gates-(Buffett) -Stiftung und dem Anliegen der Initiative, die aber weitgehend in einer Personalunion auftritt, unterschieden werden. Ein weiteres Ziel der Initiative, das ich nicht würdigte, ist ja die weitere Erhöhung der finanziellen Inputs durch Spenden an die Stiftung. Sie haben es auf den Punkt gebracht, die Erträge aus den überschriebenen Aktien reichen nicht für die ehrgeizigen Ziele und es stellt sich eben die Frage nach dem Umfang der Aktivitäten (auch personell) und der Nachhaltigkeit. Ein sehr passendes Beispiel, welche Schwierigkeiten auftreten, lieferte z.B. die Finanznot einiger Elite-Stiftungsuniversitäten in den USA, deren Assets plötzlich nicht mehr genügend Erträge ergab, um den Betrieb mit der bestehenden Personalausstattung weiter zu führen. Die Stiftungen sind vielleicht eine Ergänzung des guten Sozial- und Wohlfahrtsstaates, aber dessen Differenzierung und Komplexität (vorwiegend personengstützt) können sie niemmals erreichen. Daher auch mein Widerspruch gegen die platte These, solche pirvatwirtschaftlichen und dazu noch weitgehend freiwilligen "Gabeformen" wären ein Ideal für das Sozialsystem. Was die Milliarden, oder Billionen an Staatsgarantien für das Fiananzsystem angeht, so glaube ich, es war diese Furcht vor dem "Too big to fail" und die unverhohlene Drohung der Banker, die die Parlamente zu Abnickmaschinen machte, die dafür noch nicht einmal Einblick in die getätigten Transaktionen bekamen. Die Rettungsbeträge wurden relativ willkürlich und durch Abschätzungen ermittelt, die die Investmentbanken selbst mitbestimmten. Derzeit schließt sich der kurz angelupfte Vorhang wieder ganz und ein neuer privatwirtschaftlicher Finanzzyklus beginnt. Die Schuldenstände der Staaten bleiben jedoch, nun auf einem neuen, noch höheren Niveau und sie werden diejenigen zur Kasse bitten, die sich wirtschaftlich nicht verstecken können. Liebe Grüße Christoph Leusch |
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Lieber Herr Leusch,
großen Dank für diese luziden Ausführungen, und ebenso Ihnen, j-ap. Wenn solche Ideen hierzulande wirklich Fuß fassen sollten, werden sie vermutlich stärker hohl-ideologisch überhöht werden als in den U.S.A. Im Fall von Herrn Sloterdijk dürften eine Überdosis Nietzsche, Antikenrausch und Spenglerismus der Elite-Sozialromantik zugrundeliegen, im Falle von Herrn P. sollte man immer folgendes Zitat aus einem seiner Bücher präsent haben: "Ungares Zeug provokant vortragen und dabei ernst dreinblicken, während man sich schieflachen möchte, entspannt und schont die geistigen Verdauungsorgane. In den seltensten Fällen wird der Mist dadurch wertvoller. Das ist keine Arroganz, sondern nur die pointierteste Parodie auf jede Form von Kommunikation." Herrn P. erlaubt uns also, ihn verlustlos zu überspringen. Mit freundlichen Grüßen |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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