copland

Blick-Winkel

24.03.2009 | 22:11

Der Freitag und seine Leser – vier Vermutungen



Keine Ahnung, wer die Leser des Freitag, wer die verbliebenen
und wer die neuen sind. Einige kenne ich durch die Community, aber sonst?

Wie aus „gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen“ verlautet, überstieg nach dem
„Relaunch“ die Zahl der Abbestellungen die der neuen Abonnenten erheblich. Und
wie im „neuen Freitag“ zu lesen war, hatte der „alte Freitag“ nur 12.000 Leser,
vor allem Abonnenten.

Erste Vermutung: Der Großteil der Abonnenten des „alten Freitag“ waren
langjährige Überzeugungstäter. Die wussten, was sie am „Freitag“ hatten. Der
war schon als „Sonntag“ kein stromlinienförmiges Mitteilungsblatt des
Kulturbundes der DDR, sondern eine kultur-politische Zeitschrift mit eigenem
Profil und mancher Widerständigkeit, die bei etlichen DDR-„Bürgerrechtlern“ mit
der Lupe zu suchen war.

Nach 1989 wurde der „Sonntag“ zum „Freitag“ – und eine linke
Wochenzeitschrift, wie sie in dem fusionierten Gesamtdeutschland ihresgleichen suchte.
Man kann über die Verortung „links“ streiten – angesichts der aktuellen Herausforderungen
muss man fragen, ob mit dem Begriff „links“ überhaupt noch das Handlungsfeld,
das die ganze von Krisen zerfressene Gesellschaft umfasst und so auch
tatsächlich alle als Akteure, zu beschreiben ist.

Aber es gibt immer verschiedene Sichtweisen. Und der „alte Freitag“ hat die
Gesellschaft nicht durch die Brille des Mainstream beschrieben und sich nicht
jeglichen beliebigen Deutungen alltäglicher wie auch geschichtlicher Vorgänge
geöffnet, sondern diese stets kritisch und auch an die Wurzel gehend, eben
radikal, hinterfragt. Und dabei die Fragen nach den Zusammenhängen, den
Ursachen gestellt. Ohne dabei aber die ganzen Scheinfragen wiederzukäuen, die
konsequent an den wirklichen Zusammenhängen und Ursachen vorbei fragen, wie das
FAZ und ZEIT und andere ausgiebig und in Massenauflage tun. Wer will, kann das
die linke Ausrichtung des „alten Freitag“ nennen. Innerhalb dieser linken
Position gab und gibt es genug Neues, Streitbares, Hinterfragenswertes, was
auch im „alten Freitag“ seinen Platz hatte. Und das

dürfte der Grund der 12.000 Mohikaner gewesen sein, weshalb sie dem „alten Freitag“
die Treue hielten.

Der „neue Freitag“ verkennt schon in seiner Zielsetzung diese Erwartung
komplett. Ich reduziere die Erwartung mal auf meine eigene, weil ich die kenne:
Bisher habe ich den „Freitag“ gelesen, weil er eine pointierte linke (im oben
beschriebenen Sinne) Konzeption hatte. Und ich vermute, das geht anderen Lesern
anderer Zeitungen ähnlich: Wer die FAZ als eigenes Leib- und Magenblatt
abonniert, will nicht den Kapitalismus in Frage gestellt finden, sondern – in
Zeiten unleugbarer Krise – „kluge“ Ideen zur Rettung des Betriebssystems. Im
„Freitag“ will ich aber – angesichts der Krise des Betriebssystems – den
Kapitalismus hinterfragt und in Frage gestellt sehen. Aus allen Blickwinkeln,
mit den strittigsten Auffassungen, mit den hinterfragenswertesten Utopien, aber
in Frage gestellt - diese Grundhaltung erwarte ich. Der „Freitag“ muss kein
Allheilmittel, kein Geheimrezept aus der Tasche ziehen, aber er sollte sich zur
Plattform der Ideenfindung machen, wie diese Gesellschaft zu überwinden ist.
Das ist für mich links. Für mich; andere Leser mögen das anders sehen.

Wenn der „neue Freitag“ nun zunehmend dabei ist, als „Meinungsmedium“ sich
Sichtweisen zu öffnen, die mit einem solchen linken Ansatz nichts zu tun haben,
sondern sich längst abgelegte alte Mäntel aus der „Mitte der Gesellschaft“
 übergeworfen haben, dann verlässt der „neue Freitag“ jede linke Position.
„Im Zweifel links“ – zitierte Jakob Augstein den Begründer des
"Spiegel". Der „Spiegel“ ist nie ein linkes Blatt gewesen, vielleicht
ein liberales, was ja auch schon was war (selbst das kann man, bezogen auf den
„Spiegel“, ohnehin nur in der Vergangenheit schreiben) – offensichtlich aber
waren beide Augstein-Generationen nie „im Zweifel“, um sich denn
"links" positionieren zu müssen. Die Kritik der vielen Kritiker am
„neuen Freitag“ meint eben den Verlust einer klaren, linken Position. Vermute
ich. Und das wird den „neuen Freitag“ viele Leser kosten und mich – um chris97
zu zitieren – meine Zeitung.

Zweite Vermutung: Den „Sonntag“ und den „alten Freitag“ zeichneten eine hohe
Qualität aus – und zwar sowohl bei den gut recherchierten Artikeln, den oft
bedeutsamen Essays und bei (fast) allen Beiträgen das hohe sprachliche Niveau.
Das war ein Verdienst der Redakteure und Autoren. Die sortiert ein kluger
Neueigentümer nicht aus oder verpasst ihnen neue Rangordnungen – auf die baut
er sein ganzes Konzept. Es sei denn, man hat eine ganz andere Zeitung im Sinne
– siehe erste Vermutung. Und der „Sonntag“ wie der „alte Freitag“ waren immer
ein Gesamtkunstwerk. Dazu gehörte die grafisch ruhige, übersichtliche und
trotzdem nie langweilige Seitengestaltung. Dazu gehörte der bewusste Einsatz
der (schwarz-weißen) Fotografie: Nicht bunte Bebilderung, sondern inhaltliche
Ergänzung, oftmals sogar optische Entschlüsselung inhaltlicher Textebenen. Es
könnte sein, dass – wieder ein Bezug zu chris97 – sonnenbeleuchtete, an der
Alster oder sonst wo sitzende, heiße Schokolade oder was auch immer trinkende, den
„neuen Freitag“ Lesende auch einen ästhetischen Verlust erfahren. Die neuen Leser
erfahren das nicht als Verlust, sondern als fatale bunte Gleichheit mit anderen
Medien. Ob solcher Verlust oder solche Gleichheit oder Ähnlichkeit (mit-)
entscheidend für Weiterlesen oder Nichtweiterlesen sind, kann ich nur vermuten,
muss es aber zugleich auch befürchten.

Dritte Vermutung: Die alten, ehemaligen 12.000 Lesern sind Jakob
Augstein vermutlich ziemlich „wurscht“ – zwar nicht als mögliche Abonnenten, aber
doch als Leser mit ihren Erwartungen. Was natürlich niemand nicht öffentlich
zugeben darf. Der „neue Freitag“ interessiert sich für „neue Leser“, für andere
Leser, die ein „Meinungsmedium“, eine Plattform für alles suchen. Ich vermute –
als einer der alten 12.000 Leser - dass die alten 12.000 Leser mehrheitlich
wenn schon ein „Meinungsmedium“, dann eines mit einer eigenen, dezidiert linken
(im Sinne wie oben beschriebenen) Meinung suchen. Und ich vermute, dass
möglicherweise diese alten, antiquierten, kaum oder gar nicht bloggenden Leser,
diese läppischen 12.000, am Ende zumindest in ihrer Zahl mehr gewesen sein
könnten als die neue Leserschaft ausmacht - vielleicht nicht Online, aber dann,
wenn der „neue Freitag“ am Kiosk gekauft oder gar abonniert werden soll, wenn
er sich also als Ware am „Meinungs“Markt realisieren soll (Ja wo leben wir denn?
Ja eben da.).

Vierte und letzte Vermutung. Die Herausgeber des „alten Freitag“ und dessen
Leser haben eine große Gelegenheit verpasst: Sich über die Situation des „alten
Freitag“ rechtzeitig und öffentlich zu verständigen und nach unabhängigen
Möglichkeiten der Erhaltung der letzten linken Wochenzeitschrift in Deutschland
zu suchen – Genossenschaft, Anteilszeichnungen, wie auch immer. Was „Konkret“,
„junge welt“ und andere können, hätten auch die alten Leser des „alten Freitag“
auf die Beine stellen können. Das vermute ich wenigstens.

Nun haben wir das Meinungsmedium, den „neuen Freitag“. Auf die
kritischen Hinweise auch der neuen Leser wird nicht reagiert (A-Z gibt’s immer noch,
auch die unsägliche Perlentaucher-Feuilleton-Sammlung, auch die Chronik, die
daherkommt, als würde ein „Freitag“-Leser die ganze Woche keine Nachrichten hören,
Doppelseiten mit Vorabdrucken statt guter Essays oder wirklich spannender
Interviews usw., von der Berücksichtigung inhaltlicher Kritiken ganz abgesehen)
– man hat ja eine Idee.

1989 gab es eine wunderbare und sehr populäre Karikatur: Ein die Schultern
zuckender Marx mit der Sprechblase: „War halt nur so ´ne Idee.“ „Vermute,“ würde
Dr. Watson wohl sagen, „vermute, Jakob Augstein sollte sich diesen Satz merken…“

PS: Für den Umbruch dieser Seite lehne ich jede
Verantwortung ab und ich entschuldige mich, dass ich ein altmodischer Microsoft-Word-Nutzer
bin; es ist zwar anerkennenswert, dass so ein Multi wie Bill Gates wenigstens
hier die Kritik durch eine inkompatible Software erfährt – aber ich habe keine Zeit, noch mal und noch mal und noch mal…
 
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Kommentare
Magda schrieb am 27.03.2009 um 10:30
Hallo, "Der (Freitag )war schon als „Sonntag“ kein stromlinienförmiges Mitteilungsblatt des Kulturbundes der DDR, sondern eine kultur-politische Zeitschrift mit eigenem Profil und mancher Widerständigkeit, die bei etlichen DDR-„Bürgerrechtlern“ mit der Lupe zu suchen war. " Nana, keine Ressentiments, ich warne davor, weil ich sie selbst manchmal hege. Ansonsten habe ich mir noch einmal den Abschiedsartikel vom alten Freitag geladen. Es scheint schon so gewesen zu sein, dass die Leute einfach zermürbt waren. Das muss ein hartes Arbeiten gewesen sein. Und dann noch einmal neue Mittel zusammenzubringen. Ich verlege mich trotzdem ein bisschen aufs bloggen. Ich habe ein wenig Community-Erfahrung und finde, dass sich - wenn man die technischen Bedingungen verbessert - vielleicht doch noch ein Netz zusammenfindet von Leuten,die sich und anderen was zu sagen haben. Die Welt will man schon gar nicht mehr verändern, höchstens die virtuelle erst einmal hier und jetzt. Beste Grüße Magda
copland
Berlin, Freitag-Leser, als der Freitag noch ohne "der" auskam und auch schon, als der Freitag noch ein Sonntag war.
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Georg von Grote hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Gustlik hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
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antares56 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Pickelhaube hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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fahrwax hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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