copland

Blick-Winkel

24.02.2009 | 14:06

Einen anderen Kuchen backen.



Auch Michael Jäger träumt im Freitag vom 19. Februar
2009 den Traum vom bedingungslosen Grundeinkommen.

Wie er feststellt, handelt es sich bei der derzeitigen Wirtschaftskrise um eine
„Grundsatzkrise“ – besser und genauer müsste man wohl von einer Systemkrise
sprechen. Aber dann wären Antworten auf der Tagesordnung, die das „System“ in
Frage stellen. Michael Jäger will lieber „grundsätzliche Antworten“.

Und er findet eine: Das bedingungslose Grundeinkommen. Und meint, darin etwas
grundsätzlich Neues gefunden zu haben: „Wir hätten eine Gesellschaft, in der
die minimale Einkommenshöhe nicht als Folge ökonomischer Bedingungen und
Prozesse zustande käme…, sondern in der sie selbst die Ausgangsgröße wäre. Alle
anderen Größen hätten sich ihr kompatibel zu machen. Zuerst haben nämlich alle
ein Recht auf die volle Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse.“

Was Michael Jäger beschreibt, ist eine andere Gesellschaft, jedenfalls keine,
die auf der Verwertung des Werts und der Profitmaximierung  als Existenzbedingung des Kapitals beruht –
man könnte auch sagen: Michael Jäger beschreibt eine Gesellschaft jenseits des
Kapitalismus.

Um diese Wahrheit macht Michael Jäger aber einen großen Bogen, um zu einer
seltsamen Beschreibung der derzeitigen Verhältnisse zu

gelangen. Die Vormoderne („vorkapitalistische Zeiten“ M.J.) charakterisiert er als
eine Gesellschaft, in der „alle arbeitenden Gesellschaftsmitglieder über ihre eigenen
Produktionsmittel (verfügten)“. Soweit, so gut. Und setzt fort: „Heute sind
diese bei den Unternehmen konzentriert. Das ist eine Spezialisierung, die der
ganzen Gesellschaft nützt, weil sie zu Wachstum führt.“

In der Tat braucht das Kapital, um als gesellschaftliches Verhältnis überhaupt
existieren zu können, stetiges Wachstum. Worin angesichts des Menschen- und
Umweltzerstörenden Wachstumszwangs allerdings der Nutzen für die Gesellschaft
bestehen soll, teilt Michael Jäger nicht mit. Er setzt "Wachstum"
unhinterfragt als eine der Gesellschaft nützliche Konstante.So ist ihm denn
auch nicht der Erwähnung wert, dass das globalisierte Kapital den Erdball längst
umrundet und seine Wachstumspotentiale damit ausgeschöpft hat – nicht der
einzige, aber ein entscheidender Grund für die derzeitige Systemkrise.

Nun empfiehlt Michael Jäger noch, die Unternehmer, die dank dieser
„Spezialisierung“ zu den reichsten Menschen der Gesellschaft werden, einen
Preis dafür zahlen sollen: „etwas geringere Gewinne, damit niemand vonSozialhilfe
leben muss“, was dann „nur gerecht“ wäre.

Kapitalistische Betriebseinheiten und deren Manager, die „Unternehmer“, gleichzusetzen,
birgt einen bedenklichen Fehlschluss: Zwar nicht expressis verbis und zugleich
sehr „höflich“ formuliert hören wir doch das von der Mainstream - Journaille gepflegte
Märchen von der „Gier“ der Banken, der Unternehmen und der Manager. Abgesehen davon,
dass wir damit nicht weit vom „raffenden Kapital“ entfernt sind, erzählt uns
dieses Märchen, dass es vom guten Willen der Unternehmen und Unternehmer abhängig
wäre, wie sie sich verhalten. Es ist aber in erster Linie der Zwang zur
Profitmaximierung, der Banken, Unternehmen und Unternehmer so handeln lässt wie
sie handeln. „Etwas geringere Gewinne, damit niemand von Sozialhilfe leben muss“,
ist ein moralischer Appell an Strukturen und deren Handlungsgehilfen, die
keinen moralischen, sondern ökonomischen Kriterien folgen.

„Zuerst haben nämlich alle ein Recht auf die volle Befriedigung ihrer
Grundbedürfnisse.“ Da hat Michael Jäger uneingeschränkt Recht. Aber wenn diese
nicht konkret (Wohnen, Kleidung, Ernährung, Bildung, Kultur usw.) eingefordert
werden, sondern in Geldform "umgerechnet" und so in die Form des
Grundeinkommens konvertiert werden, verpflichtet er die Befriedigung der Grundbedürfnisse
auf die Wert- und Geldform. Also auf die bestehenden Verhältnisse.

Aber unter diesen Verhältnissen sind die menschlichen Grundbedürfnisse eben
nicht zu befriedigen. Das wird unabweisbar, wenn man das Kapital als globales
Verhältnis betrachtet: Die in Afrika und Asien verelendenden und täglich
verhungernden Menschen sind – fern der Befriedigung auch der einfachsten
Lebensbedürfnisse - nicht nur aus jeglicher Kapitalverwertung bereits herausgefallen,
sondern mit „etwas geringeren Gewinnen“ auch nicht mehr zu retten. Wenn ein
Teil von ihnen noch zu Hungerlöhnen dem Kostensenkungswettlauf des
globalisierten Betriebskapitals dienen darf und damit zu den Gewinnen in den
Metropolen beiträgt, heißt das doch nicht weniger, als dass sie das
„bedingungslose Grundeinkommen“ zum Beispiel in Deutschland mitfinanzieren
sollen. Was ist daran „nur gerecht“?.

Die Anhänger und Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens setzen, ohne
das zu erwähnen, immer das weitere Funktionieren des Kapitalismus voraus. So
auch Michael Jäger. Ohne das unkritisch angebetete Wachstum keine Gewinne, von
denen dann in "gerechter" Weise ein kleiner Teil abgegeben werden
soll, um wenigstens in den Kapitalmetropolen ein bedingungsloses Grundeinkommen
finanzieren zu können.

Abgesehen davon, dass im Kapitalismus die Grundbedürfnisse der Menschen niemals
zum „Gründungsakt der Ökonomie“ werden können, wäre die Finanzierung eines
bedingungslosen Grundeinkommens sofort obsolet, sobald sich eine große Mehrheit
der Menschen entscheiden würde, von ihm leben zu wollen. Das bedingungslose
Grundeinkommen setzt gerade die Fortsetzung der bestehenden Verhältnisse
voraus.

Und unter den fortbestehenden Zwängen der Profitmaximierung fiele ein solches
immer auf Hartz-IV-Niveau aus. Ich kann da nichts Neues entdecken, lieber
Michael Jäger. Nur ein Verschwenden von widerständischen Energien in ein
fragwürdiges Projekt, das statt einer Überwindung menschenunwürdiger Verhältnisse
deren Konservierung zur Voraussetzung hat.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist „nur gerecht“ und nur möglich, wenn es
global durchgesetzt wird. Dann aber ginge es eigentlich nicht mehr um ein Grundeinkommen,
sondern um konkrete Grundbedürfnisse.

Es geht eben nicht darum, den ohnehin immer kleiner werdenden Kuchen (das ist
der eigentliche Inhalt der zu erlebenden Systemkrise) anders zu verteilen,
sondern einen neuen, anderen zu backen.

Was freilich ein neues Thema wäre.
 
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Kommentare
Michael Jäger schrieb am 06.04.2009 um 13:31
Lieber Copland, ich hoffe, dieser Kommentar erreicht Sie noch. Ich bin gestern ganz zufällig auf Ihre Seite geraten, im Dschungel dieser Community findet man sich ja nicht zurecht. Und ich traute dann meinen Augen nicht, als ich den Satz las, die Spezialisierung zum Unternehmertum nütze der Gesellschaft, "weil sie zu Wachstum führt". Diesen Satz habe ich nicht geschrieben. Nur die erste Hälfte stammt von mir. Daß der Wachstumszwang eine Katastrophe ist, das sehe ich genauso wie Sie. Er ist ja auch eigentlich das, was das Kapital definiert: "Das Kapital als solches", schreibt Marx, "setzt nur einen bestimmten Mehrwert, weil es den unendlichen nicht at once setzen kann; aber es ist die beständige Bewegung mehr davon zu schaffen." Übrigens kann man dasselbe sogar bei Keynes nachlesen, und der findet es auch katastrophal.
In den anderen Dingen stimme ich nicht mit Ihnen überein. Ich weiß nicht, warum ich einen großen Bogen um die Wahrheit einer anderen Gesellschaft gemacht haben soll, wo Sie doch selbst vorher richtig schreiben, daß ich eine solche beschrieben habe. Ich habe auch nicht Unternehmer und Kapitalisten gleichgesetzt. Das tun Sie, weil Sie nicht wollen, das ich nicht die jetzige, sondern eine andere Gesellschaft beschrieben habe. (So heißt ja auch mein Blog auf den Freitag-Seiten: "Die Andere Gesellschaft".) Marx schreibt von der anderen Gesellschaft, in ihr gelte "Jeder nach seinen Bedürfnissen, jeder nach seiner Leistung." Das Argument, daß die Arbeiter dafür zu faul seien, wischt er vom Tisch. Nun wohl, und ich schreibe: "Jeder nach seinen Grundbedürfnissen." Das darüber Hinausgehende ist die Leistung. Was soll daran falsch sein?
copland schrieb am 07.04.2009 um 14:12
Lieber Michael Jäger, na klar erreicht mich Ihr Kommentar. Wieso "noch"? Ein Dschungel ist die Community wirklich - da haben es die Autoren in der Print-Ausgabe einfacher :)

"In vorkapitalistischen Zeiten verfügten alle arbeitenden Gesellschaftsmitglieder über ihre eigenen Produktionsmittel. Heute sind diese bei den Unternehmen konzentriert. Das ist eine Spezialisierung, die der ganzen Gesellschaft nützt, weil sie zu Wachstum führt." Das stammt nun wörtlich und ohne Auslassungen aus Ihrem Artikel, sicherheitshalber paste and copy.

Und das ist aus meinem Text, auch paste and copy:
"Die Vormoderne („vorkapitalistische Zeiten“ M.J.) charakterisiert er als
eine Gesellschaft, in der „alle arbeitenden Gesellschaftsmitglieder über ihre eigenen Produktionsmittel (verfügten)“. Soweit, so gut. Und setzt fort: „Heute sind
diese bei den Unternehmen konzentriert. Das ist eine Spezialisierung, die der
ganzen Gesellschaft nützt, weil sie zu Wachstum führt.“

Da kann ich nun keine Felinterpretation fest stellen. Ich hoffe, das können Sie mir zugestehen.

Warum Sie einen Bogen um die andere Gesellschaft machen, die sie da in der Tat beschreiben, weiß ich auch nicht. Die fehlende Wahrheit ist die: Im Kapitalismus sind Ihre guten Ideen nicht umsetzbar. Und das darf man auch einmal aussprechen. Es freut mich ja, wenn wir uns ansonsten einig sind - und ich hoffe, ich finde auch noch spannende Ansatzpunkte in Ihrem Theorie-Blog.

Beste Grüße

copland
Michael Jäger schrieb am 07.04.2009 um 19:10
Lieber Copland, vielleicht habe ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt. Was ich sagen wollte, ist, daß das mit dem Wachstum von jemandem in meinen Text hineingeschrieben worden ist und ich es erst bemerkt habe, als ich vor ein paar Tagen zufällig Ihren Blog fand und las. - Daß meine Ideen im Kapitalismus nicht umsetzbar sind, weiß ich selber. Sie scheinen zu denken, daß man solche Ideen dann gar nicht äußern sollte. Vielleicht: daß man erst mal irgendwie abstrakt den Kapitalismus abschaffen sollte, eine Abschaffung sans phrase, und dann dürfte man damit anfangen, Ideen über die Andere Gesellschaft zu äußern und umzusetzen. Wenn man ihn aber nicht mit Ideen konfrontiert , die mit ihm unvereinbar sind, wird man ihn nie in die Enge treiben. Er stützt sich nämlich nicht primär auf Waffengewalt, sondern auf den Glauben einer großen Zahl von Menschen in den Metropolen, es gäbe zu ihm keine Alternative. - Ich erlebe es oft, daß Leute so reagieren wie Sie. Mir kommt es immer vor, als ob diese Leute ihre Oppositionsrolle im Kapitalismus verteidigen, wozu er aber natürlich bestehen bleiben muß... Entschuldigen Sie die kleine Polemik.
copland schrieb am 09.04.2009 um 14:06
Lieber Michael Jäger, da verstehe ich Ihr Erschrecken, wenn ein anderer in Ihrem Text "herumschreibt".
Bitte keine Entschuldigung für Polemik als solche, die gibt doch oft die eigentliche Würze und manchmal auch erst die Klarheit - nur deswegen will ich hier jetzt mal nachhaken, damit wir beide nicht in einem Missverständnis, das dann offensichtlich mindestens häftig auf meine Rechnung geht, erliegen.

Ich folge Ihnen völlig, dass man den Kapitalismus mit Ideen konfrontieren muss, die ihn in die Enge treiben. Das Problem - oder vielleicht auch unser Dissens - liegt nicht in dieser Fragestellung, sondern in der Beschaffenheit der Ideen. Ideen, die den Kapitalismus in die Enge treiben, sind - nach meinem Dafürhalten - Ideen, die ihn in seinen Grundkategorien (Warenproduktion, abstrakte Arbeit, Wert und Geld als dessen Erscheinungsform) kritisieren und in Frage stellen. Umverteilungsideen jeglicher Art laufen letztendlich nur auf eine Teilhabe am Mehrwertkuchen hinaus und setzen damit stillschweigend das Funktionieren des Systems voraus. Folgerichtig ist die Linke derzeit ja auch mehr mit Reparaturvorschlägen als mit transzendierenden Ideen befasst.

Freilich: "Er stützt sich nämlich nicht primär auf Waffengewalt, sondern auf den Glauben einer großen Zahl von Menschen in den Metropolen, es gäbe zu ihm keine Alternative." Aber die Sache ist noch verzwickter. Der Kapitalismus (oder die Wertvergesellschaftung) funktioniert vor allem als ein gesellschaftliches Fetischverhältnis: der Wert bestimmt alle Bewusstseinsformen - d.h. der Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse ist immer schon in Wertkategorien vorgeprägt - was der eigentliche Grund dafür ist, dass eine große "Zahl von Menschen in den Metropolen (glaubt), es gäbe zu ihm (dem Kapitalismus) keine Alternative". Hier ist kein Platz, das auszuführen - ich empfehle Ihnen, ohne Sie auch nur irgendwie "belehren" zu wollen einen Text von Robert Kurz, der zwar auch schon vor einigen Jahren geschrieben wurde, aber dieses Kernproblem auf den Punkt bringt und auch unseren Dissenz, oder unseren unterschiedlichen Blickwinkel, erklärt: www.exit-online.org/suchenlink.php?tab=schwerpunkte&kat=Der%20doppelte%20Marx%20-%20Kritik%20des%20Traditionsmarxismus&ktext=Subjektlose%20Herrschaft&suchtext=Subjektlose%20Herrschaft

Nö, meine Oppositionsrolle muss ich nicht verteidigen. Oppsoition verweist auf politische Formen, und Politik gehört in den kategorialen Zusammenhang der Wertvergesellschaftung, ist also systemimmanent und nicht in der Lage, das herrschende Fetischverhältnis zu durchbrechen. Da bedarf es schon anderer Formen, die noch nicht gefunden wurden.
Der Kapitalismus muss nur bestehen bleiben für die "Kritiker" und "Oppositionellen", deren Ideen letztendlich nur auf eine systemimmanente Widerspruchsbearbeiten hinauslaufen... Entschuldigen Sie die kleine Polemik :)
copland
Berlin, Freitag-Leser, als der Freitag noch ohne "der" auskam und auch schon, als der Freitag noch ein Sonntag war.
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