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Lieber Copland, ich hoffe, dieser Kommentar erreicht Sie noch. Ich bin gestern ganz zufällig auf Ihre Seite geraten, im Dschungel dieser Community findet man sich ja nicht zurecht. Und ich traute dann meinen Augen nicht, als ich den Satz las, die Spezialisierung zum Unternehmertum nütze der Gesellschaft, "weil sie zu Wachstum führt". Diesen Satz habe ich nicht geschrieben. Nur die erste Hälfte stammt von mir. Daß der Wachstumszwang eine Katastrophe ist, das sehe ich genauso wie Sie. Er ist ja auch eigentlich das, was das Kapital definiert: "Das Kapital als solches", schreibt Marx, "setzt nur einen bestimmten Mehrwert, weil es den unendlichen nicht at once setzen kann; aber es ist die beständige Bewegung mehr davon zu schaffen." Übrigens kann man dasselbe sogar bei Keynes nachlesen, und der findet es auch katastrophal.
In den anderen Dingen stimme ich nicht mit Ihnen überein. Ich weiß nicht, warum ich einen großen Bogen um die Wahrheit einer anderen Gesellschaft gemacht haben soll, wo Sie doch selbst vorher richtig schreiben, daß ich eine solche beschrieben habe. Ich habe auch nicht Unternehmer und Kapitalisten gleichgesetzt. Das tun Sie, weil Sie nicht wollen, das ich nicht die jetzige, sondern eine andere Gesellschaft beschrieben habe. (So heißt ja auch mein Blog auf den Freitag-Seiten: "Die Andere Gesellschaft".) Marx schreibt von der anderen Gesellschaft, in ihr gelte "Jeder nach seinen Bedürfnissen, jeder nach seiner Leistung." Das Argument, daß die Arbeiter dafür zu faul seien, wischt er vom Tisch. Nun wohl, und ich schreibe: "Jeder nach seinen Grundbedürfnissen." Das darüber Hinausgehende ist die Leistung. Was soll daran falsch sein? |
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Lieber Michael Jäger, na klar erreicht mich Ihr Kommentar. Wieso "noch"? Ein Dschungel ist die Community wirklich - da haben es die Autoren in der Print-Ausgabe einfacher :)
"In vorkapitalistischen Zeiten verfügten alle arbeitenden Gesellschaftsmitglieder über ihre eigenen Produktionsmittel. Heute sind diese bei den Unternehmen konzentriert. Das ist eine Spezialisierung, die der ganzen Gesellschaft nützt, weil sie zu Wachstum führt." Das stammt nun wörtlich und ohne Auslassungen aus Ihrem Artikel, sicherheitshalber paste and copy. Und das ist aus meinem Text, auch paste and copy: "Die Vormoderne („vorkapitalistische Zeiten“ M.J.) charakterisiert er als eine Gesellschaft, in der „alle arbeitenden Gesellschaftsmitglieder über ihre eigenen Produktionsmittel (verfügten)“. Soweit, so gut. Und setzt fort: „Heute sind diese bei den Unternehmen konzentriert. Das ist eine Spezialisierung, die der ganzen Gesellschaft nützt, weil sie zu Wachstum führt.“ Da kann ich nun keine Felinterpretation fest stellen. Ich hoffe, das können Sie mir zugestehen. Warum Sie einen Bogen um die andere Gesellschaft machen, die sie da in der Tat beschreiben, weiß ich auch nicht. Die fehlende Wahrheit ist die: Im Kapitalismus sind Ihre guten Ideen nicht umsetzbar. Und das darf man auch einmal aussprechen. Es freut mich ja, wenn wir uns ansonsten einig sind - und ich hoffe, ich finde auch noch spannende Ansatzpunkte in Ihrem Theorie-Blog. Beste Grüße copland |
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Lieber Copland, vielleicht habe ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt. Was ich sagen wollte, ist, daß das mit dem Wachstum von jemandem in meinen Text hineingeschrieben worden ist und ich es erst bemerkt habe, als ich vor ein paar Tagen zufällig Ihren Blog fand und las. - Daß meine Ideen im Kapitalismus nicht umsetzbar sind, weiß ich selber. Sie scheinen zu denken, daß man solche Ideen dann gar nicht äußern sollte. Vielleicht: daß man erst mal irgendwie abstrakt den Kapitalismus abschaffen sollte, eine Abschaffung sans phrase, und dann dürfte man damit anfangen, Ideen über die Andere Gesellschaft zu äußern und umzusetzen. Wenn man ihn aber nicht mit Ideen konfrontiert , die mit ihm unvereinbar sind, wird man ihn nie in die Enge treiben. Er stützt sich nämlich nicht primär auf Waffengewalt, sondern auf den Glauben einer großen Zahl von Menschen in den Metropolen, es gäbe zu ihm keine Alternative. - Ich erlebe es oft, daß Leute so reagieren wie Sie. Mir kommt es immer vor, als ob diese Leute ihre Oppositionsrolle im Kapitalismus verteidigen, wozu er aber natürlich bestehen bleiben muß... Entschuldigen Sie die kleine Polemik.
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Lieber Michael Jäger, da verstehe ich Ihr Erschrecken, wenn ein anderer in Ihrem Text "herumschreibt".
Bitte keine Entschuldigung für Polemik als solche, die gibt doch oft die eigentliche Würze und manchmal auch erst die Klarheit - nur deswegen will ich hier jetzt mal nachhaken, damit wir beide nicht in einem Missverständnis, das dann offensichtlich mindestens häftig auf meine Rechnung geht, erliegen. Ich folge Ihnen völlig, dass man den Kapitalismus mit Ideen konfrontieren muss, die ihn in die Enge treiben. Das Problem - oder vielleicht auch unser Dissens - liegt nicht in dieser Fragestellung, sondern in der Beschaffenheit der Ideen. Ideen, die den Kapitalismus in die Enge treiben, sind - nach meinem Dafürhalten - Ideen, die ihn in seinen Grundkategorien (Warenproduktion, abstrakte Arbeit, Wert und Geld als dessen Erscheinungsform) kritisieren und in Frage stellen. Umverteilungsideen jeglicher Art laufen letztendlich nur auf eine Teilhabe am Mehrwertkuchen hinaus und setzen damit stillschweigend das Funktionieren des Systems voraus. Folgerichtig ist die Linke derzeit ja auch mehr mit Reparaturvorschlägen als mit transzendierenden Ideen befasst. Freilich: "Er stützt sich nämlich nicht primär auf Waffengewalt, sondern auf den Glauben einer großen Zahl von Menschen in den Metropolen, es gäbe zu ihm keine Alternative." Aber die Sache ist noch verzwickter. Der Kapitalismus (oder die Wertvergesellschaftung) funktioniert vor allem als ein gesellschaftliches Fetischverhältnis: der Wert bestimmt alle Bewusstseinsformen - d.h. der Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse ist immer schon in Wertkategorien vorgeprägt - was der eigentliche Grund dafür ist, dass eine große "Zahl von Menschen in den Metropolen (glaubt), es gäbe zu ihm (dem Kapitalismus) keine Alternative". Hier ist kein Platz, das auszuführen - ich empfehle Ihnen, ohne Sie auch nur irgendwie "belehren" zu wollen einen Text von Robert Kurz, der zwar auch schon vor einigen Jahren geschrieben wurde, aber dieses Kernproblem auf den Punkt bringt und auch unseren Dissenz, oder unseren unterschiedlichen Blickwinkel, erklärt: www.exit-online.org/suchenlink.php?tab=schwerpunkte&kat=Der%20doppelte%20Marx%20-%20Kritik%20des%20Traditionsmarxismus&ktext=Subjektlose%20Herrschaft&suchtext=Subjektlose%20Herrschaft Nö, meine Oppositionsrolle muss ich nicht verteidigen. Oppsoition verweist auf politische Formen, und Politik gehört in den kategorialen Zusammenhang der Wertvergesellschaftung, ist also systemimmanent und nicht in der Lage, das herrschende Fetischverhältnis zu durchbrechen. Da bedarf es schon anderer Formen, die noch nicht gefunden wurden. Der Kapitalismus muss nur bestehen bleiben für die "Kritiker" und "Oppositionellen", deren Ideen letztendlich nur auf eine systemimmanente Widerspruchsbearbeiten hinauslaufen... Entschuldigen Sie die kleine Polemik :) |
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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