copland

Blick-Winkel

27.02.2009 | 20:35

Opel, die Staatsgrenze und ein Grenzhüter



Natürlich beschäftigt es die Beschäftigten bei Opel, ob sie
künftig noch bei Opel beschäftigt sein werden. In einer Zeit, in der kein
Systemwechsel ansteht und auch nicht diskutabel ist (siehe den an der
Staatsgrenze stehenden Jakob Augstein im aktuellen Freitag), ist das
nachvollziehbar. Und die Politik beschäftigt sich mit Opel, weil Bundes- und
Landtagswahlen anstehen.

Wie das Rennen ausgeht, weiß im Moment niemand.

 

Aber mit den „Opel-Rettungs-Modellen“  wird ein interessanter Blick möglich auf die Konzernstruktur
eines multinationalen Unternehmens.

Opel ist gerade mal noch eine Automarke, aber kein
eigenständiges Unternehmen.

Opel ist eine europäische Produktsparte bei GM, bestehend
aus Entwicklungs-, Herstellungs-, Marketing- und Verkaufsabteilungen. Die
Erlöse aus den Autoverkäufen fließen folgerichtig in die Konzernzentrale von GM
und gehen dort in das cash-flow-Management ein. Von dort erhält Opel wiederum
die benötigten Mittel, um seine eigene Produktion aufrecht erhalten zu können –
zumindest so lange, wie GM noch amerikanische Staatsgelder erhält; bleibt die
aus, gehen die Abteilungen Opel zusammen mit GM pleite.

 

Damit sind Opel und GM natürlich nur ein Beispiel, aber ein
signifikantes für einen seit Jahren stattfindenden Strukturwandel. Es gab auch
in der Mitte des 20. Jahrhunderts bereits im großen Stil international tätige
Konzerne. Diese waren aber noch auf ihren nationalen Standort konzentriert – im
Ausland aufgebaute Standorte oder Zukäufe dienten vor allem der Eroberung neuer
Marktanteile und hatten meist die komplette Fertigungstiefe der Konzernmutter. Und
diese hatten ihren Bezug in der jeweiligen Nationalökonomie.

 

Heute ist der Markt aufgeteilt. Heute geht es nur noch um
aggressive Verdrängung von Konkurrenten. Hauptmittel dieses
Verdrängungswettbewerbs ist die Kostensenkung. Und die wird ermöglicht durch
die Auflösung der nationalen betrieblichen Einheiten durch die Verlagerung
beliebiger Produktionsbereiche an Standorte, wo bestimmte Teilprozesse der Produktion
am kostengünstigsten zu bewerkstelligen sind. Die Entwicklung der
Kommunikationstechnik und die stark gesunkenen Preise für Kommunikation und
Transport ermöglichen die zeitnahe (just in time) Steuerung global verteilter
Produktions- und Vermarktungsprozesse.

Dazu kommt unter dem Stichwort Outsourcing die Auslagerung
bestimmter Bereiche an Dritte. Die Logik bei Outsourcing-Entscheidungen heißt:
Wo der Konzern aus welchen Gründen auch immer die konkurrenzbedingt notwendige
Kostensenkung nicht durchsetzen kann, wird ausgelagert. Und der neue
Zulieferant bekommt die Preise geboten, die der konzernintern erwarteten
Kostensenkung entsprechen.

 

Was da aber seit geraumer Zeit und in stetig wachsender
Größenordnung passiert, ist die Verwandlung von nationalökonomisch
eingebundenen Betriebseinheiten in Strukturen einer transnationalen
Betriebswirtschaft. Einen Bezug zur Ökonomie ihrer „Gastländer“ haben sie
nicht, sie sind auch der Einwirkung von Staat und Politik weitestgehend
entzogen (letztere liefern sich einen internationalen und auch regionalen
Wettlauf, wer den Multis die besten Verwertungsbedingungen bietet – das nennt
sich dann Standortpolitik bzw. Standortwettbewerb).

 

Die „betrieblichen Einheiten“ sind keine solchen mehr, ihre
„Einheit“ stellt sich erst und überhaupt nur wieder her auf Kapitalebene – Opel
erscheint so nur noch als Erlös- und Kostenfaktor im cash-flow-Management von
GM.

 

Angesichts der Größenordnung dieses Prozesses – wir dürfen
wohl mittlerweile von weit über 60.000 Multis ausgehen; die größten 200
realisierten schon in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts mit knapp 19
Millionen Beschäftigten (das waren damals ein knappes Prozent aller
Beschäftigten der Welt) etwa 25% der globalen Wirtschaftstätigkeit – lösen sich
die Nationalökonomien auf und werden reduziert auf Kleinproduktion und
Dienstleistungen, die lokal gebunden sind.

 

Damit aber verlieren auch Staat und Politik ihre
Handlungsbasis – der „ideelle Gesamtkapitalist“, wie Marx den Staat nannte und
diese Rolle als unverzichtbar zum Erhalt und zur Reproduktion des gesamten
Systems definierte, hat ausgedient.

Auch deshalb stehen Politik und Staat hilflos vor dem
Problem Opel und können nichts anderes anbieten, als mit Papiergeld das Leiden
zu verlängern.

Das Geschrei der Rüttgers & Co., dass „deutsche
Steuergelder nicht nach Amerika abfließen dürfen“, offenbart die Hilflosigkeit
gegenüber diesen transnationalen Strukturen.

 

Der Staat ist auf die Rolle des Krisenverwalters reduziert
und die Politik liefert die gefällige Begleitmusik.

 

Erst hier hat Jakob Augstein wieder Recht: Der Staat steht
an seiner Grenze.

Die Sorgen, die er sich macht, sind allerdings völlig
unbegründet: Was die Politik großmundig verkündet, kann der Staat nicht mehr
leisten  – weder bei Opel noch beim
„System“.

Irdisches PS: Kann mir mal jemand verraten, weshalb ich hier niemals einen ordentlichen Umbruch bekomme?
 
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Kommentare
Jakob Augstein schrieb am 01.03.2009 um 22:42
... lieber copland, wenn ich das geschrieben hätte, hätte man mich wieder als neolib in die große ideologie-tonne getreten ;)

(Und zum irdischen Problem: Wenn wir schon gegen die weltweiten Umbrüche nichts tun können, wollen wir hier wenigstes für welche im Netz sorgen! wir tun unser Bestes.)
copland schrieb am 23.03.2009 um 14:31
vielleicht, lieber Jakob Augstein, da ist ein Zeitschriften-Eigentümer halt verdächtiger als ein Blogger :). Meine Kritik an Deinem Artikel richtete sich ja nicht gegen die "Staatsgrenze", die ich hier ja auch "aufrufe" (wenn auch aus meinem Blick-Winkel), sondern gegen Scheinalternativen innerhalb des "Betriebssystems" - siehe auch und viel besser Robert Kurz im aktuellen Freitag auf Seite 1. Die "Gesellschaft" läuft doch nach den gleichen Prinzipien, die die Krise hervorgebracht haben. Wenn wir weiter in der Box oder Matrix (oder im "Verblendungszusammenhang" - Adorno) der Werttvergesellschaftung denken, werden wir immer nach "Lösungen" im Kapitalismus suchen statt nach tatsächlichen Alternativen. Ich verstehe ja den Eigentümer einer Zeitschrift, die sich - auch wenn sie der Freitag ist - halt verkaufen muss. Ich glaube aber nicht, dass angesichts seiner Leserschaft der Freitag verlieren würde, wenn er sich konsequenter radikalen, eben an die Wurzel gehenden Ansätzen öffnen würde. Und die gibt es ja. Ratlos bis wütend macht mich immer wieder, wenn so getan wird, als hätte noch niemand über Transformationsmöglichkeiten nachgedacht und die dafür als Voraussetzung unverzichtbare Kritik an den Kategorien der Wertvergesellschaftung entwickelt. Siehe zum Beispiel exit-online.org/ Dass Robert Kurz hier im Freitag schreibt und schreiben kann, ist sehr gut, aber die zusammenfassenden Interviews, die mehr Zusammenhänge liefern, werden offensichtlich immer nur von Zeitungen in Lateinamerika oder - Ausnahme - mal von Heises Teleopolis geführt. Wäre doch mal ein Thema für den Freitag...

Herzliche Grüße
lukasheinser schrieb am 01.03.2009 um 23:03
Ich bin mir relativ sicher: Wenn ich nicht von meiner Wohnung aus auf ein Opel-Werk blicken würde (und mein erstes Auto kein Kadett E gewesen wäre), wäre ich der Meinung, dass da eben ein Unternehmen an der eigenen Marktunfähigkeit gescheitert ist.

So sehe ich es natürlich etwas anders, aber es ist natürlich eine schwierige Angelegenheit, über die Zukunft eines solchen Unternehmens zu befinden. Im Prinzip wäre es jetzt unfair, Opel scheitern zu lassen, weil die Firma zum ersten Mal seit mindestens 15 Jahren wieder brauchbare Autos im Programm hat.
copland
Berlin, Freitag-Leser, als der Freitag noch ohne "der" auskam und auch schon, als der Freitag noch ein Sonntag war.
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