copland

Blick-Winkel

23.03.2009 | 13:44

Wasser: Wie die Luft zum Atmen



Auch wer in Biologie nicht aufgepasst hat, weiß dass der
Mensch neben vielen anderen Dingen vor allem zwei Lebensmittel benötigt: Luft
und Wasser. In Istanbul ist gerade der Weltwassergipfel zu Ende gegangen. Trinkwasser
ist auf der Erde sehr ungleichmäßig verteilt – Regionen des Wasserreichtums
stehen solche der Wasserarmut gegenüber. So hätte also in einer menschlichen
Welt ein Weltwassergipfel vor allem darüber zu beraten und zu beschließen, wie
die ungleiche Verteilung des Trinkwassers behoben werden kann, wie neue
Wasserquellen erschlossen werden können, wie Trinkwasser sinnvoll und sparsam
eingesetzt werden kann, wie alle Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser
erhalten. Aber wir leben nicht in einer menschlichen Welt. Deshalb wurde in
Istanbul – genau wie bei vorangegangenen Weltwassergipfeln – zwar angestrengt,
letztlich aber doch wieder ergebnislos darum gerungen, etwas eigentlich
Selbstverständliches in die internationale Rechtspraxis einzuführen: das
Menschenrecht auf sauberes Wasser. Es sagt alles über die Verfasstheit unserer
Welt, dass ein solches Recht nicht durchsetzbar ist und vor allem an zwei Fragen
scheitert: Gäbe es ein solches Menschenrecht auf sauberes Wasser, wäre es auch
einklagbar – und es gibt bezeichnenderweise genügend Staaten, die solch ein
einklagbares Recht weder erfüllen können noch wollen. Und es sind die
Interessen der großen Wasser-Multis wie Veolia, Suez und RWE, die von einem Menschenrecht
auf sauberes Wasser ihre Interessen gefährdet sähen. Allein die Tatsache, dass
es einen „Weltwassermarkt“ gibt, sagt alles über unsere gesellschaftliche
Verfasstheit. Wenn alles, selbst das Trinkwasser, „in Wert gesetzt“ werden kann
und in seiner privatisierten Form eine künstliche Verknappung erfährt, wenn ein
Grundlebensmittel zum Gegenstand von Profitkalkulationen wird – dann ist eine
solche Gesellschaft krank. Kapitalismus macht krank, hier stimmt es auf den Punkt.
Täglich sterben 4.000 Menschen an den Folgen unreinen Trinkwassers. Und das nicht,
weil die Weltgesellschaft nicht über die Möglichkeiten verfügt, allen Menschen sauberes
Trinkwasser zur Verfügung zu stellen, sondern weil auch sauberes Wasser zur Ware
gemacht wurde – und diese Ware können sich Millionen Menschen nicht mehr
leisten. In den Zitadellen des Kapitalismus sind die Brunnen noch sauber. Man
trinkt gelassen ein Bier, während der Bericht über den gescheiterten
Weltwassergipfel über den Bildschirm flimmert. Von Kapitalismus keine Rede. Und
man verlässt sich darauf, dass atembare Luft grenzenlos zur Verfügung steht. Wenn
deren Qualität einmal unter einen Mindeststandard fällt, der sie zum Atmen, zum
Überleben geeignet macht (und das ist keine science-fiction, sondern eine
bedrückende Möglichkeit, wenn die profitorientierte Ausbeutung der Natur
fortschreitet), wenn uns also buchstäblich die Luft zum Atmen ausgeht, wird es
Konzerne geben, die saubere Atemluft zur Ware machen werden. Und wir werden auf
Weltluftgipfeln vergeblich das Menschenrecht auf saubere Atemluft einfordern –
und die Gipfel werden nichts als heiße Luft produzieren. Wenn wir nicht vorher
das ganze System zum Teufel jagen.
 
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Kommentare
Kasper schrieb am 26.08.2009 um 23:08
Mir fehlen fast die Worte. Ich habe diesen Blog-Eintrag bereits vor einer Weile in einer Print-Ausgabe des Freitags gelesen und war begeistert!

Ich kann eigentlich gar nichts kommentieren. Mir wurden die Worte aus dem Mund genommen. Genial.
copland
Berlin, Freitag-Leser, als der Freitag noch ohne "der" auskam und auch schon, als der Freitag noch ein Sonntag war.
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Winterkind hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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