Vor wenigen Minuten erzählte mir ganz im Vertrauen die Rekordhalterin im Vanillekipferlausstechen und Möchtegernreporterin Rosemarie von Mürbeteig eine Geschichte, die an den Safranfäden herbeigezogen sein könnte. Nikolaus Pfaffenhütchen, ein erzkatholisches Mamisöhnchen aus dem Bäckerhandwerk, könnte nicht nur Weckmänner in allen europäischen Variationen backen. Bei ihm findet man immer auch eine Prise Hirschhornsalz oder einige Tropfen Rosenwasser hinterm Ohr. Er ist Mitte Dreißig und wenn er nicht gerade Hutzelbrotteig knetet, dann ist er in der Adventszeit im Club der Weihnachtsmänner schwer aktiv. Auch in diesem Jahr stellt er sich wieder in den Guten Dienst der Aktion: Wai - Weihnachtsmann all inclusive. Rosemarie nahm eben kaum Luft beim Erzählen und stach dabei vermutlich schon im Geiste weiter Plätzchen aus. Jedenfalls soll Pfaffenhütchens Honigkuchenpferdlächeln bereits in einigen kleinen Ortschaften legendär sein und weiblichen Fans freuen sich jedes Jahr aufs Neue, wenn er an der Haustür klingelt. Nicht nur der Duft seiner verlockenden Zimtsterne sorgt für eine Buchung. Nur Rosemarie soll ihn bis heute nicht in ihre Backstube gelassen haben, geschweige denn in ihr Schlafzimmer. Und mir, der amtierenden Spekulatiuskönigin, lief dieser Nikolaus bis jetzt auch noch nicht über den Weg. Seit Montagmittag steht im Büro des Clubs der Weihnachtsmänner laut Frau Makrone das Telefon nicht mehr still. Man kann sich vor Anfragen nicht mehr retten. Alle wollen den unmoralischen Nikolaus buchen. Rosemarie kennt die Sekretärin des Clubs vom Glühweintrinken, das jährlich im Pfefferkuchenhaus angeboten wird. Am Montag stand in der Zeitung ein Artikel, der nun alle weihnachtlich aktiven Gemüter erregt. Weihnachtsmann wurde handgreiflich In der Ortschaft Nikolaushausen war ein angetrunkener Weihnachtsmann mit Mehl im Bart im Dienst. Außer, dass Puderzucker auf dem Mantel haftete, roch er aufdringlich nach Glühwein mit Schuss. Und duftete dezent nach Rosenwasser hinter den Ohren, so die Aussage des Opfers, ein sündig wirkender Rauschgoldengel, der auf dem Heimweg eines Auftritts auf dem hiesigen Weihnachtsmarkt war. Der angetrunkene Weihnachtsmann lief vermutlich mit seinem prall gefüllten Sack in Richtung Einsatzort Ecke Lebkuchenhochhaus und knallte zunächst völlig orientierungslos in der Sternengasse mit dem frierenden Rauschgoldengel zusammen. Hätte er die Dame vom Begleitservice Engel nur angerempelt, hätte sie keine Anzeige bei der Polizei erstattet. Laut Polizeibericht griff der Weihnachtsmann nicht nur beherzt an die Flügel, um wieder auf die Beine zu kommen. Außerdem wollte er sie gegen ihren Willen wärmen, weil sie am ganzen Körper zitterte. Sie wehrte sich vehement gegen diesen auffälligen Trick des stark alkoholisierten Weihnachtsmanns. Dabei brach ein historischer Flügel aus der Raritätensammlung des Begleitservices Engel. Es waren Federn einer adeligen Weihnachtsgans aus dem 17. Jahrhundert. Zeugen werden nun dringend gesucht. Angeblich war es nicht der erste Übergriff auf einen Engel. Voriges Jahr soll laut Aussage des Opfers pikanterweise auch ein Weihnachtsmann mit Rosenwasserduft hinter den Ohren in der Elisenunterführung einen Rauschgoldengel bewusst angerempelt haben, um ihn absichtlich zu belästigen. Dieser trug ein teures Designerstück aus dem Hause Schneeflocken. In diesem Fall kam es laut Insiderwissen aus dem Begleitservice Engel zu keiner Anzeige, da sich Täter und Opfer anscheinend sehr intim kannten. Rosemarie meinte, dass Frau Makrone diesen Beitrag mit total verbranntem Spritzgebackenes verglich und sich dazu verhalten zeigte. Dieser Artikel könne nur Nikolaus gelten, dem lüsternen und meist gebuchtesten Mitglied des Clubs. Angeblich soll die Makrone auch ihren Chef zitiert haben. Es wäre auch der erste Eindruck des Vorstandsvorsitzenden des Clubs der Weihnachtsmänner Prof. Dr. Sebastian Spitzbub gewesen, als er den Artikel im WT (Wolkenfreier Tageblatt) entdeckte und ließ sich sofort mit dem Oberengel, der Chefin Maria Engelsauge vom Begleitservice Engel, verbinden. Keine Ahnung was nun passiert. Nikolaus P. wurde zumindest noch nicht suspendiert und von seinen Ämtern z.B. in der Nachwuchsförderung „Kleine Nikoläuse plötzlich ganz groß" entbunden. Soviel zu Rosemarie von Mürbeteigs Gespräch. Gleich hat Nikolaus Pfaffenhütchen wahrscheinlich Feierabend, schläft dann einige Stunden und wirft sich erneut in sein Weihnachtsmann-Outfit, um vielleicht auch an unserer Türe zu klingen. Eine meiner WG-Mitbewohnerin hat ihn für heute Abend für uns gebucht... Renate Florentiner ist schon eine verrückte Nudel. ©Corina Wagner, November 2011
Kultur : Alle Jahre wieder
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