In einer Woche ist Weihnachten. Der Briefkasten quillt über von Bettelbriefen diverser Hilfsorganisationen, die Geld für Projekte in aller Welt wollen. Ich entsorge das alles unbesehen. Statt dessen lese ich einen Artikel auf Zeit-online zu einer Studie der Hans-Boeckler-Stiftung. Es geht um die Frage, was die Würde des Menschen kostet.
Der Artikel löst eine rege Debatte aus, seitenlang schliessen sich Kommentare an. Ich lese und lese. Und ich möchte jedem einzelnen Kommentator antworten, möchte ihm die Lücken in seiner Argumentation zeigen, möchte Fakten aufzählen die er/sie übersehen hat.
Da gibt es die Hartz-IV-Empfänger, die sich entwürdigt fühlen.
Da gibt es die, die meinen, von Hartz IV könne man (bescheiden, aber ausreichend) leben.
Da gibt es die ehemaligen Studenten die damals von 300/400/250 Euro gut leben konnten.
Da gibt es andere, die behaupten, Hartz-IV-Empfänger hätten keine Würde - und würden auch keinen Wert darauf legen: Alkoholfahne und schäbige Klamotten würden das beweisen.
Zum hundersten Mal lese ich, dass es genug Arbeit gäbe, man müsse sie nur machen wollen.
Zum tausendsten Mal lese ich: "hör' auf zu jammern und such dir einen Job".
Immer wieder taucht die Frage auf: "was ist denn die Würde des Menschen?"
Ist die Würde eines Menschen davon abhängig, was er hat oder was er nicht hat? Davon, was er sich leisten kann und was nicht? Davon, dass oder ob er Arbeit hat, und wenn ja, welche Arbeit? Gibt es "würdelose" Arbeit?
Wenn ein Akademiker die Strasse kehrt, ist das dann "würdelos" oder ist es "entwürdigend"? Und was wird der Akademiker selbt davon halten?
Wird die Antwort darauf nicht von einer Vielzahl ganz anderer Faktoren abhängen? Zum Beispiel
Fragen über Fragen, die man nur im konkreten Einzelfall beantworten kann.
Hat ein Mensch aus sich selbst heraus Würde? Kann ein Mensch seiner Würde entsagen? Kann man einem Menschen die Würde aberkennen, ihn der Würde berauben?
Wer hat mehr Würde: das Folteropfer oder der Folterer? Oder das Regime, das die beiden in die Situation gebracht hat, in der sie sich jetzt befinden?
Vielleicht ist die Würde des Menschen kein Ding-an-sich, sondern liegt in seiner Beziehung zur Umwelt.
Vielleicht drückt sich die Würde eines Menschen in der Art aus, wie er zu seinen Mitmenschen in Beziehung tritt (insofern hat der Kleinunternehmer recht, der sich über die schäbigen Klamotten der Bewerber aus dem Hartz-IV-Milieu beschwert).
Vielleicht drückt sich die Würde eines Menschen in der Art aus, wie seine Mitmenschen zu ihm in Beziehung treten (insofern hat der Hartz-IV-Empfänger recht, dem die Möglichkeit verweigert wird, in ordentlicher Kleidung zum Bewerbungsgespräch zu erscheinen).
Vielleicht will uns Artikel 1 des Grundgesetzes nicht dazu ermahnen, irgend etwas ominöses im Inneren des Menschen nicht anzutasten, sondern dazu, unsere Beziehungen zu unserern Mitmenschen bewusst und sorgfältig, einfühlsam und rücksichtsvoll, tolerant und ehrbar - "würdig" also - zu gestalten.
Fakt ist: das SGB II (Hartz IV) ist entwürdigend! Das ist so gewollt und damals vom Gesetzgeber so verargumentiert worden.
Das Bundesverfassungsgericht hatte Gelegenheit, das Gesetz zu kippen - und hat die Gelegenheit vertan.
"Der Steuerzahler" hinterfragt diese Gegebenheiten nicht - das zeigen die Kommentare zu oben genanntem Artikel.
Die so entstandenen Fakten müssen somit wohl als gesellschaftlicher Konsens akzeptiert werden.
Vielleicht ist die Würde des Menschen schon verloren - für die Hartz-IV-Empfänger wie auch für alle anderen.
Schöne Weihnachten allerseits.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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