"Die Grenze"?! Sehr grenzwertig, was Sat.1 da am 15. und 16. März 2010 zur Prime-Time auf die Flimmerkiste brachte.
Die dürftige Story: 31. Mai 2010 - Terroranschläge auf Öl-Raffinerien erschüttern die Weltwirtschaft. Die Fußball-WM in Südafrika wird abgesagt. In Deutschland gibt es kein Benzin mehr. In Mecklenburg-Vorpommern zerbricht der soziale Frieden. Die Arbeitslosenzahl schnellt hoch. In Rostock sind Linke und Rechte im Quasi-Bürgerkrieg. Die Bundesregierung will den rechten „DNS“-Sieg verhindern, unterstützt scheinbar paradoxerweise aktiv „Die Neue Linke“. Als diese die Landtagswahl gewinnt, spaltet sich das Bundesland als „Demokratische Sozialistische Republik Mecklenburg-Vorpommern“ ab und errichtet, wegen der starken Zuwanderung, wenig später die Mauer. Garniert ist das Filmchen mit Storys wie menschliche Fürsorge wie Abgründe und eine amouröse Dreiecksgeschichte.
Aus den 181 Minuten des zweigeteilten Block-Busters-Light blähte der Sender mittels Werbung für Produkte und das eigene Programm allein den Teil 2 von 90 auf 125 Sendeminuten auf und überschwemmte das Filmchen mittels Product-Placement und Schleichwerbung der übleren Sorte.
Was da allerdings „inhaltlich“ über den Schirm flimmerte, war teils Fiktion, teils der Realität hautnah, teils Pflege liebgewonnener Vorurteile.
Vorurteil: Beispielsweise die stets in makellosem Unschulds-Weiß erscheinenden Rechten samt ihrem Hightech-Equipment oder das marode Ambiente der lotterhaften wie klammen Linken. Oder dass M-V an den politischen Rändern besonders breit wie extrem sei.
Fiktion: Beispielsweise nichts – hat es alles so oder ähnlich schon gegeben: Terror, Versorgungsengpässe, Preisexplosionen, Hyperinflation, Demonstrationen oder Massenunruhen der geschröpften kleinen Leute. Barrikaden, Chaos oder Gewalt. Bauernfängerei, Führer oder Mauer. Hinterzimmerpolitik, Ränkespiele, Spionage, Ablenkung und Verdummung.
Realität: Beispielsweise dauernde Querverweise auf das hauseigene Programm oder die Nachrichten der Konzernschwester N24.
Medienmacht: Nachrichtenleute, die Nachrichtenleute interviewen. Kamerateams, die Kamerateams ablichten. Journalisten, die brav Einladungen folgen aber nichts recherchieren.
Ein BDI-Chef, der der Bundesregierung Tun und Lassen vorschreibt - das Billiglohnland DSR M-V als Preisdrücker für hiesige Arbeitnehmerlohnforderungen. Ein General, der die Bundeswehr für Häuserkampf-unfähig hält.
Summa summarum: Die Klippen des § 130 StGB (Volksverhetzung) wurden wohl nur knapp umschifft, die Pro- und Kontra-Diskussionen erhitz[t]en für einen Moment viele Gemüter. Bei der Bewilligung der 160.000 € Filmförderung des Landes hat man wohl nicht mal in die eigene Richtlinie gesehen. Immerhin stand deren Gewährung vorschriftsgerecht im Abspann. Das Geld ist wohl futsch, sofern man nicht vom Rückerstattungsanspruch Gebrauch macht. 14,2 Prozent Zuschauer für Teil eins und 11,0 Prozent für Teil zwei lassen allerdings auch die Hoffnung zu, dass sich mehr als 85 Prozent anderen Trash reingezogen – oder stattdessen ein gutes Buch gelesen haben.
Fazit 1: Gut, dass der Film in der Zukunft spielt – wenn der 13. Rundfunkänderungsstaatsvertrag knapp zwei Monate Realität – und damit fast jede Art und Menge an Werbung erlaubt ist. Zwar dürfen auch dann nur 20 Prozent der Sendezeit „der Privaten“ Werbung sein – aber auch dabei hat „Die Grenze“ die Grenze deutlich überschritten. Im Teil 2 unterbrachen glatte 35 Minuten Werbung das Schauerspiel. 17 Minuten mehr als erlaubt – oder 35,7 Prozent Werbeanteil.
Die Grenze des guten Geschmacks durchbrach „Die Grenze“ sowieso – und zwar nicht erst seit der „Grenze“.
Fazit 2: Wer sich den Schinken noch mal unterbrechungslos aber nicht werbefrei ansehen möchte: Die Doppel-DVD kam bereits am Tage nach der Fernsehpremiere in den Handel. „Als Bonus enthält die mit einem Wendecover versehene DVD eine Fotogalerie, ein 23-minütiges Making-of und Trailer.“ Wao – „Wendecover“ – wie ist das denn gemeint? Naja, wer’s haben muss – vielleicht die 1000 Komparsen des Films. 15 bis 18 € für die Silberlinge – oder doch lieber auf die Volksaktie warten?
Fazit 3: Sendet lieber das gute alte Testbild. Vor Jahren vernahm man sinngemäß mal den Spruch „Wenn das Testbild Quote bringen würde, würden wir es senden“.
Tja – einen Versuch wäre es wert – und der kostet auch keine 8.000.000 Euro.
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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