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Vor anderthalb Jahren kam die Nachricht überraschend: Randy Newman könne seine Europakonzerte wegen eines Rückenleidens nicht spielen. Nun hat es der amerikanische Komponist doch noch geschafft. Im Berliner Admiralspalast gab Newman sein einziges Konzert in Deutschland - und präsentierte sich als Sigmund Freud der Popmusik, der am Piano zynisch-melancholisch die Dissonanzen der amerikanischen Volksseele aufzeigte.
In einer unbekannten niederländischen Dokumentation sieht man eine Sequenz, in der zwei alte, ergraute Herren – wie bei einem Kaffeeklatsch beieinander sitzend – versuchen, den jeweils anderen zu beleidigen und gleichzeitig an Selbstmitleid zu übertreffen. Es sind zwei der bedeutendsten Komponisten der Popmusik, Van Dyke Parks und Randy Newman. Das Thema des Gesprächs: Ihre "bread and butter"-Jobs, mit denen sie sich über Wasser halten müssen. Konkret meinen sie damit die Auftragsproduktionen für andere Musiker, Buchungen für Arrangements, und am Wichtigsten: Filmmusikkompositionen. Newman und Parks – seit den Sechzigern enge Freunde – werfen einander ironisch vor, sich durch ihre Auftragsarbeiten immer mehr zu erniedrigen. Als Solokünstler haben sie es nämlich beide nicht "geschafft"; doch Randy Newman war eindeutig der Erfolgreichere. Short People, 1977 auf Little Criminals erschienen, wurde zu einem Charthit; Grammys, Emmys und ein Oscar sind auch schon in seinem Besitz. Und so drehte sich in Berlin thematisch passend und semi-autobiographisch der gesamte Abend um das (stereotypische) Los eines Musikers: Den Aufstieg (It's Money That I Love), den Höhepunkt (Lonely At The Top) und den Fall (I'm Dead (But I Don't Know It)). Solo am Piano spielte Newman 33 Songs auf zwei Stunden Spielzeit verteilt, gab eine Handvoll Anekdoten sowie ein Dutzend mündlicher Randnotizen zum Besten - nicht überraschend, denn wer seine Auftritte kennt, weiß, dass er sein Publikum niemals mit weniger nach Hause entlassen würde.

Photo: Pamela Springsteen/ Nonesuch
Der Begrüßungsapplaus war ihm sichtlich unangenehm. Newman konnte es kaum abwarten, das Publikum durch die ersten Piano-Klänge verstummen und es seine Absichten wissen zu lassen: It's Money That I Love. Hauptberuflich ist Newman nämlich Ironiker, staubtrocken, genau wie der Klang im Admiralspalast an diesem Abend. Kein Hall, der das Verstehen des Textes - den wunderbar verschrobenen Kläff-Gesangsstil Newmans ausgenommen - hätte stören können. Das Verlegen von Short People (in dem kleine Menschen für das Übel der Welt verantwortlich gemacht werden) an den Anfang des Sets ließ keinen Raum mehr für Antizipation. Somit konne es nur noch bergauf gehen: Mit Marie spielte Newman kurze Zeit später eines der ergreifendsten und ehrlichsten Lieder in seinem Katalog und rief nochmals ins Bewusstsein, warum er nur dann am besten ist, wenn er sich selbst am Piano begleitet. Jedoch implizierte gerade diese Ernsthaftigkeit, mit der er ebenjenes und thematisch ähnliche Stücke vortrug, gleichsam die Frage nach dem offensichtlichen Zwiespalt in seinen Textaussagen: Zum einen stilisiert sich Randy Newman zum Kritiker einer sozialen und politischen Bigotterie, indem er sämtliche Euphemismen umkehrt und somit einen grellen Scheinwerfer auf die dunklen Seiten eines jeden richtet. Zum anderen ist er ein Mann der einfachen Worte und solch peinlicher Alltagsphrasen, dass er sich eigentlich selbst über diese lustig machen müsste. "Every city the whole world round will just be another American town/ Oh, how peaceful it will be, we’ll set everybody free", heißt es da zum Beispiel im ambitionierten Political Science. "I miss you/ And I still love you so" dagegen im simplen Text von I Miss You.
Diesem Spannungsfeld der Bedeutungskräfte ausgeliefert saßen nun auch die Zuhörer im ausverkauften Admiralspalast. Mit Ragtime und Dixieland-Sound verbreitete Newman einen herben New-Orleans-Duft im Saal - musikalischer Old Spice, sozusagen. Zwischen die großen Themen der Antike und Moderne (love, loneliness, L.A.) streute er Bemerkungen und Geschichten ein, wobei er ohne Vorbehalte "four-letter-words" benutzte. Zwischen den Songs flüsterten einige Zuschauer: "Verstehen Sie ihn? Er nuschelt so." - "Ja, er verschluckt die Wörter ganz schön." Hätte die Mehrheit des Publikums dieses Verständnisproblem, hätte Randy Newman wohl zwangsläufig ein unbefriedigendes Konzert abliefern müssen: Der Fokus lag eindeutig auf den Texten und dem Storytelling. Die Musik seiner (strukturell sehr ähnlichen) Popstücke war zweitrangig, und dessen war sich Newman natürlich sehr wohl bewusst, sodass er scherzte, sein Ziel sei es, nach dem Tod unter die Top-100-Komponisten aufgenommen zu werden.
Zu hören gab es an diesem Abend ebenso die Songs von einem seiner eher unbekannten, dennoch stärksten Alben, Bad Love (The World Isn't Fair, The Great Nations Of Europe, I'm Dead). Auch Good Old Boys (1974) war mit vier Liedern gut vertreten (wobei Louisiana 1927 alle anderen vorgetragenen Songs dieses Albums übertrumpfte und Rednecks gänzlich fehlte), ebenso Sail Away (1972), von dem sogar die Hälfte gespielt wurde, und die Kernstücke des letzten Werks Harps And Angels (2008). Das als Coverversion hinlänglich bekannte You Can Leave Your Hat On konnte im Original noch an Anzüglichkeit gewinnen und ein paar Lacher entlocken, bevor Newman das Publikum bei I'm Dead (But I Don't Know It), einem Abgesang auf in die Jahre gekommene Musiker wie ihn selbst, die Chorus-Passagen singen ließ. Kurz darauf folgte eine Pause, die geradezu dazu einlud, ein vorausschauendes Resümee für das gesamte Konzert zu ziehen: Die ersten Einwände - nämlich dass fast alle Songs Randy Newmans nach einem variationsarmen Schema funktionierten, sich Akkordfolgen nach dem gleichen Prinzip wiederholten und sogar die spontan eingestreuten Dissonanzen schon "vorherhörbar" waren - waren bald vom Tisch. Newman verstand es, durch Anekdoten und rhetorisch geschickt inszenierte Selbstkritik die Monotonie zu brechen. Was für die erste Hälfte des Auftritts galt, konnte dann ebenso für die zweite übernommen werden: Eine wunderbar lebendige Retrospektive seiner Songs von den frühen Siebzigern bis zur aktuellen Veröffentlichung, eine Seelenschau ins Individuum und ins Kollektiv, eine in 33 Stücke zerlegte Autobiographie eines 66-Jährigen, der gar nicht anders konnte, als Musiker zu werden.
Und so rauschte es im zweiten Teil des Sets weiterhin gewohnt aus dem Steinway-Flügel, schickte Newman mit Baltimore und I Love L.A. große Wellen ins Menschenmeer hinaus, glättete die Wogen mit Dixie Flyer. Nach Sail Away strich Randy Newman dann endgültig die Segel. Hoffentlich kommt er doch nochmal bald an der Spree vorbei - versprochen hat er es jedenfalls.
Setlist
It's Money That I Love - Mama Told Me Not To Come - Living Without You - Short People - Birmingham - Marie - The Girls In My Life Pt. 1 - The World Isn’t Fair - Guilty - The Great Nations Of Europe - Harps And Angels - Real Emotional Girl - You Can Leave Your Hat On - I’m Dead (But I Don’t Know It) - Political Science - (Pause) - Last Night I Had A Dream - Love Story (You And Me) - In Germany Before The War - Baltimore - You’ve Got A Friend In Me - I Miss You - I Love To See You Smile - Losing You - Dixie Flyer - Laugh And Be Happy - God's Song (That's Why I Love Mankind) - Louisiana 1927 - Lonely At The Top - I Love L.A. - Feels Like Home
A Few Words In Defense Of Our Country - I Think It's Going To Rain Today
Sail Away
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Danke für den liebevoll-kritischen Bericht. Ich liebe Randy Newman!
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Vielen Dank für den Kommentar! Ja, das war das einzige Deutschlandkonzert, das am 3. Mai im Berliner Admiralspalast stattfand.
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Toller Konzertbericht, freue mich danach schon auf meine nächsten Konzertbesuche ;-)
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Sehr schöner Bericht über das Konzert von Randy Newman. Schade, habe nichts davon gewusst, hätte mich glatt auf den Weg gemacht. Danke!
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Von "dilettierender Schreiberling" kann bei diesem Text nun wirklich nicht die Rede sein. Schön und kenntnisreich geschrieben. Vielen Dank dafür.
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Neid, Neid , Neid,
da wär´ich gerne gewesen. Newman ist einer,- ach ich mag garnix sagen, Dein Bericht ist ja deutlich genug. Vielen Dank dafür, der Mann hat´s so verdient wie kaum wer. mfg, cf |
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Besten Dank für all die Kommentare!
(@koslowski: Soweit ich weiß, war das Konzert schon weit im Voraus ausverkauft - musste sogar von der Passionskirche in den Admiralspalast verlegt werden.) |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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