D. Walasek

Nur ein Blog

28.09.2010 | 18:08

Possible Germany. Wilco live im Admiralspalast Berlin

Es ist leicht, Wilco zu lieben. Und es ist leicht, Wilco nicht zu lieben. Die, die Wilco nicht nur lieben, sondern vor allem verehren,  fanden sich im Berliner Admiralspalast ein, wo die sechsköpfige Band aus Chicago - deren Mitglieder Jeff Tweedy, Nels Cline und John Stirratt Musikkennern auch solo ein Begriff sind - das letzte Konzert ihrer Deutschlandtour spielte. Begleitet von einer etwas merkwürdigen Atmosphäre.

Den Status einer Band kann man oftmals an der Länge und Akribie ihrer Wikipedia-Artikel ablesen und an deren Verfassern, den Fans, die ihre Dynamik in Statik wandeln, sprich: ihre Begeisterung in Worte bündeln, ihre Hingabe in Details ergießen. Wilco sind eine solche Band. Doch da hört es längst nicht auf. Ein Sandwich-Laden in Toronto, zum Beispiel, benennt all seine Brotscheiben-Spezialitäten nach Songtiteln der amerikanischen Gruppe. Und glaubt man den Kritikern, war bisher jedes Konzert der laufenden Wilco-Tour das Konzert des Jahres. Wilco überall. Sogar Wilco selbst haben sich für ihr aktuelles Album ein Lied auf den Leib geschrieben: Wilco (The Song). Mit ebendiesem begannen sie ihr ausverkauftes Konzert im Berliner Admiralspalast. Man erwartete nicht weniger als eine Zeremonie. Doch vor der Bühne geschah etwas Seltsames.


Autumn de Wilde/ Nonesuch


Und zwar geschah vor der Bühne erst einmal: Nichts. Die Beine vieler Zuschauer zuckten nervös zum Takt, die Hände imitierten Drumsticks, nach jedem Song applaudierten sie ausdauernd. Doch fast niemand traute sich aufzustehen. Sänger Jeff Tweedy schien deswegen etwas irritiert und fragte inmitten des Auftritts „Was ist bloß los mit euch?“ Denn zwischen den zwei Extremen – den der Band hinterher reisenden, lauten Fans aus den Nachbarländern und gar den USA auf der einen und den Sitzplatzenthusiasten auf der anderen Seite – konnte man das bekannte laue Lüftchen durch die Sitzreihen wehen hören. Bei Jesus Etc. unternahm Tweedy nicht einmal den Versuch, das Publikum mitsingen zu lassen. Impossible Germany, schien er sich zu denken.

Auch wenn zwei Stunden Spielzeit für ein Konzert sicherlich genug sind, so vergingen sie bei Wilco viel zu schnell; zu dicht ist der Fundus an Songs geworden, die zum Standardset gehören sollten. Theologians (von A Ghost Is Born), Heavy Metal Drummer (Yankee Hotel Foxtrot), A Shot In The Arm (Summerteeth), Hate It Here (Sky Blue Sky) – Wilco konnten nach Belieben zwischen den Alben hin und her springen. Denn alle sind grandios. Nachdem man Nels Clines – man kann es nicht anders nennen – Fingerspitzengefühl auf der Gitarre bei Impossible Germany und Glenn Kotches Furor an seinem mutierten Schlagzeug während Via Chicago live gehört hat, erscheint es lächerlich, wenn Wilco unter Folk, Rock, Americana und Alternative Country katalogisiert werden.

Trotz eines kleinen Zwischenfalls mit einem Zuschauer, der - während ihn Tweedy bat, das Fotografieren zu unterlassen - prompt erneut blitzte, versuchten Wilco, nach ihren vielen Konzerten schon etwas müde und zerfahren wirkend, sich zu fangen und kraftvoller zu spielen. Und dann platzte endlich im Zugabenblock der aus Unsicherheit und unterdrückter Bewunderung gebundene gordische Knoten: Alle Sitze wurden hochgeklappt, das Johlen wurde lauter. Possible Germany. Und es zeigte sich: Es waren nicht vorrangig die Frauen, die bei Tweedy (dem man mittlerweile das Alter im Gesicht und an den Pfunden ablesen kann) dahin schmolzen, es waren  Männer Anfang dreißig. Zu gern hätten sie am Bühnenrand gestanden, Tweedy mit bewundernd glasigen Augen vor jedem Song eine neue Gitarre gereicht, ihm die Daumen nach oben gezeigt („Knorke Solo!“) und an besonders ergreifend gespielten Stellen übertrieben ungläubig den Kopf geschüttelt angesichts all der sonischen Schönheit. Und dann, als Tweedy ganz real sang „I’m trying to break your heart”, lächelten sie nur weise, sagten „Ach Quatsch, der meint es gar nicht so“ zu sich selbst, so wie man es zu sich selbst sagt, wenn man von seinem heimlichen Schwarm geneckt wird.

‚Tweedy’ bedeutet übersetzt in etwa konservativ. Ergo: bewahrend. Und so bewahrten Wilco ihre Zuhörer an diesem Abend vor schlechter Musik. Die Zeit ist schließlich rar heutzutage.

 

Credit Startseitenfoto: (Pieter Morlion/Flickr)

 
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Kommentare
Popkontext schrieb am 16.06.2011 um 22:53
Sehr schöne Rezension, gut beobachtet & hingehört. Wäre auch fast dagewesen, aber die Zeiten meiner Wilco-Begeisterung liegen schon etwas zurück und da war ich doch zu faul...klingt aber nach einem schönenen Abend!
D. Walasek
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h.yuren hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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tlacuache hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Hans Shan hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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