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Nicht einmal ein halbes Jahr ist vergangen, trotzdem steht jetzt schon fest: Im Admiralspalast fand eines der besten Konzerte 2010 statt. In kammermusikalischer Begleitung spielte die amerikanische Komponistin und Harfenistin Joanna Newsom eine kleine Auswahl aus ihrem aktuellen Dreifach-Album "Have One On Me" und zog das Publikum mit melodisch-zarten Fäden an ihren musikalischen Webstuhl - das Ergebnis: ein berauschender Stoff.
Das erste, was Joanna Newsom hört, als sie die Bühne des Admiralspalastes betritt und sich an ihre Harfe setzt, ist ein Vorwurf. Sie sei zu spät, schallt es aus den hinteren Reihen, in den vorderen gibt es vereinzelte Buh-Rufe. Sie reagiert ganz natürlich: "Nicht so spät". Sie lächelt dezent. Sie fährt sich durch die Haare. Das Publikum liegt ihr sowieso zu Füßen. Auch sitzend. '81, das mit vier Minuten zu den kürzesten Songs in ihrem Repertoire gehört, zupft sie solo an der Harfe zum Warmwerden, um danach die Band auf die Bühne zu bitten und sogleich vorzustellen. Zwei der Musiker kennt man bereits: Ryan Francesconi (Gitarre, Banjo, Laute) und Neal Morgan (Percussion). Sie gestalteten das Vorprogramm, da der eigentliche Support, der phantastische Alasdair Roberts, in Berlin leider nicht dabei sein konnte.

Photo: Annabel Mehrin/ Pitch Perfect
Joanna Newsom in eine Schublade zu stecken ist schwer. Man bräuchte schon eine ganze Kommode, denn was soll man schon hineintun, wenn man in der einen Hand "Psych Folk", in der anderen "New Weird America" hält, beides aber viel zu groß ist, um hineinzupassen. Am besten, man überlässt Frau Newsom selbst die Aufgabe, ihre Materialien zu wählen, sie zu bearbeiten und sie anschließend zu verstauen. Folkloristisch, archaisch, klassisch - oder einfach nur: anmutig und wunderbar filigran - knüpft sie einzelne Melodien zu einer Klangtextur, wo andere einen Klangteppich ausbreiten würden. Posaunist Andrew Stain, der aussieht wie ein junger Art Garfunkel, fügt mit den beiden Streichern ein paar edle Muster hinzu, während Francesconi damit beschäftigt ist, seine Einsätze zu timen: Während der Stücke muss er mehrmals sein Instrument wechseln, greift ab und zu zum falschen, um es gleich darauf wieder abzusetzen und das eigentliche zu nehmen. Wie in einem Grimm'schen Märchen webt Joanna Newsom mit ihren Harfensaiten einen magischen Umhang um die Zuschauer herum, sodass man nicht anders kann, als in Phantasien abzudriften, in denen Patrick Wolf und Owen Pallett zu mehr oder weniger polyphonen Rhythmen händchenhaltend durch einen Wald hüpfen. Wer die Studioaufnahmen nicht mag, muss sich zwangläufig - und spätestens bei Good Intentions Paving Company - eingestehen, dass die Harfenistin live in einer anderen Sphäre spielt.
Dabei war nicht die Harfe das erste Instrument, das die 28-jährige Kalifornierin erlernte, sondern das Piano - an das sie während des Konzerts auch immer wieder wechselt. Trotzdem bleibt der Fokus immer auf dem 47-saitigen Instrument, das in der Bühnenmite thront. Und sich leider auch verstimmt. Die lange Pause, die Newsom zum Stimmen braucht, nutzen ihre Mitmusiker als Plauschrunde, in der die Zuschauer, überwiegend Hornbrillen-Studenten, Fragen stellen dürfen. Ob zum Beispiel noch Stairway To Heaven gespielt werden würde. Wahrscheinlich ist damit Kingfisher gemeint, aber nein, wird es nicht. Verschüchtert haucht Newsom ab und an ein paar Worte in eine fast heilige Ruhe hinein. Doch wenn sie ihr Schweißhandtuch im Elvis-Stil ins Publikum werfen würde, müsste man mit Massenpanik rechnen. An diesem Abend gehen sowieso mehr Gläser zu Bruch als Songs gespielt werden.
Jahrelang musste sich Joanna Newsom negative Kommentare zu ihrer ungewöhnlichen Stimm(farb)e anhören. Seit einiger Zeit jedoch scheinen die Kritiker milder zu werden: Die Sängerin habe nun ihre Manierismen im Griff und sei dadurch zugänglicher geworden. Was sie übersehen: Bei Newsom sind Stimmlippenknoten festgestellt worden, was ihren Gesangsstil entscheidend verändert hat. Was natürlich nichts an der Tatsache ändert, dass sie auch bei schwierigsten Gesangspassagen, zwischen Oktaven springend, jeden Ton trifft, ihre Stimmbänder geschickt in die Tonstruktur hineinstrickt. Elf Songs ist ihr Set lang. Nach Peach, Plum, Pear (aus ihrem von Van Dyke Parks arrangierten Album Ys, 2006) ist das Publikum ganz dem Taumel erlegen, klatscht, pfeift, stampft Joanna Newsom für eine Zugabe zurück. Danach entschwindet sie fast klammheimlich, hinterlässt jedoch nicht nur eine Kommode, nein, einen ganzen Schrank voll prächtig gewebter Klangkleider - sodass sich jeder auf dem Heimweg noch etwas Märchenhaftes übersteifen kann, bevor es hinausgeht in den kühlen Alltag.
Setlist
'81 - Have One On Me - Easy - Soft As Chalk - The Book Of Right-On - In California - Inflammatory Writ - Good Intentions Paving Company - Autumn - Monkey And Bear - Peach, Plum, Pear
Baby Birch
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Wäre ich auch gern dabei gewesen ... Danke für den Bericht.
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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