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KrisenLog

22.08.2009 | 23:05

Die Krise als spotlight benutzen!

Der Kapitalismus ist immernoch periodisch krisenhaft, und es gibt offensichtlich kein Mittel dagegen. Allerdings sollte man nicht vergessen, dass die Hauptprobleme, die die kapitalistische Wirtschaftsweise macht, nicht nur in der Krise, sondern ebenso im Normalbetrieb auftreten.

Immerhin taugt die Krise dazu, schlaglichtartig einige ideologische Selbstverständlichkeiten zu problematisieren, die vor dem zweiten und endgültigen Ausbruch der Krise im September 2008 noch paradigmatisch, also unsichtbar waren. So scheint es uns normalerweise selbstverständlich, ja geradezu natürlich, Waren zu produzieren und sie nach den Verhältnissen von Angebot und Nachfrage zu tauschen. Alternative Formen gesellschaftlicher Artikulation von wirtschaftlicher Tätigkeit sind im Normalbetrieb nicht nur weit ausserhalb jeder wirtschaftspolitischen Debatte, sondern erscheinen als überflüssige utopische Luxusfantasien, die sich vielleicht Science-Fiction-Autoren oder Jugendliche in ihrer Rebellionsphase leisten.

Seit die Staaten dazu übergegangen sind, in einer Art klammheimlicher Notstandsregierung Banken und anderen Privatunternehmen Geldbeträge bis zu dreistelligen Milliardensummen zuzustecken, erscheinen all die selbstverständlichen und ganz basalen Alltagspraktiken des Kapitalismus plötzlich in einem anderen Licht. Das Paradigma des Wirtschaftsliberalismus flackert, das heisst, es wird sichtbar und erkennbar als eine Möglichkeit einer Wirtschaftsweise. Und dadurch fällt auf, es ist möglicherweise nicht die beste, denn nun kann man offen sehen, dass Kapitalismus im Grunde nichts anderes ist, als gesetzlich geregelter Raub. In einem Ruck wird mal eben etwas ursprüngliche Akkumulation nachgeholt, auf Kosten der nächsten Generationen von Steuerzahlern. Als ob die mit den Konsequenzen der Zerstörung der planetaren Lebensgrundlagen nicht schon genug Arschkarte zugespielt bekommen hätten (aber das ist eine andere Geschichte).

Die offiziell gültige Begründung für die unglaublichen Transfers gesellschaftlichen Reichtums ist stets, es sei im allgemeinen Interesse, diese Banken und Unternehmen zu stützen, weil ihr Bankrott unabsehbare Folgen für die gesamte Wirtschaft hätte. Und das bringt uns zum zweiten großen Problem des Kapitalismus, das in der Krise plötzlich in grelles Licht getaucht wird: die Abwesenheit von Demokratie in der Wirtschaft.

Denn wenn es im öffentlichen Interesse sein muss, Banken und andere Unternehmen zu retten, dann heisst das offensichtlich, dass die Angelegenheiten des Kreditwesens und der Warenproduktion öffentliche Angelegenheiten sind. Trotzdem werden die Entscheidungen in Banken und Privatunternehmen hinter verschlossenen Türen und von einer Hand voll Kapitalbesitzern und Spitzenmanagern getroffen, die weder gewählt wurden, noch ihre Entscheidungen vor irgendeiner Öffentlichkeit zu verantworten haben. Die öffentlichen Angelegenheiten des Kreditwesens und der Warenproduktion werden also der Willkür privater Interessen überlassen. Und diese wenigen privaten Entscheider werden dafür mit öffentlichen Geldern ausgetattet.

Aber das ist noch nicht alles. Denn der Kapitalismus hat eine Art systemisches Personalbüro in Betrieb, das stets die geldgierigsten und machtbesessensten alten Männer in genau diese Positionen der Entscheidungsträger spült. Übrigens hat es wegen des systematischen Charakters dieser Selektion des Spitzenpersonals überhaupt keinen Sinn, den Zeigefinger auf die moralischen Defizite bestimmter Flicks, Zumwinkels, Ackermanns und Buffets zu richten. Denn das virtuelle Personalbüro des Kapitalismus würde im Fall einer erfolgreichen Skandalisierung nach ihrer Ablösung dafür Sorge tragen, dass diejenigen, die ihnen nachfolgen, mindestens ebenso machtgeil und rücksichtslos ihre privatbornierten Interessen durchboxen.

 
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