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KrisenLog

05.09.2010 | 19:23

Sarrazins Lauf

 

 

Was tun, wenn Volkswirtschaftler Amok laufen? Die „Debatte“ der Hetztiraden Sarrazins zeigt einmal mehr, wie der rechtspopulistische Diskurs die öffentliche Meinung überschwemmt, indem er Ressentiments bedient und das autoritäre Begehren, nach unten zu treten, anstachelt. Gegen diese Dynamik, die sich auf einer rein emotionalen Ebene entfaltet, hilft kein Widerlegen und Argumentieren. Das Begehren hat sich dem Zugriff des Verstandes längst entzogen – Aufklärung zwecklos.

Exemplarisch deutlich wurde diese Eigenschaft des Rechtspopulismus im Plasberg-Talk „Hart aber Fair“ am 1. September. Die 75-minütige Diskussion war geradezu daraufhin angelegt, Sarrazin sachlich zu widerlegen. Gleich in dreifacher Hinsicht wurde das auch umgesetzt – und doch waren am Ende die Äußerungen der Zuschauer, die das Studio via Web-Kommentar, E-Mail und Telefon erreichten, überwiegend zustimmend. Vier Millionen haben die Talkshow gesehen; die Zahl der Web-Kommentare lag mit 8000 fast dreimal so hoch wie im Durchschnitt der vergangenen „Hart aber Fair“-Sendungen.

Am gewichtigsten war wohl die Stellungnahme des Statistischen Bundesamtes, das anhand von Rechenbeispielen die Abenteuerlichkeit von Sarrazins Zahlenakrobatik verdeutlichte. Die Methoden, die er anwende, seien „mehr als zweifelhaft“. Man sollte annehmen, dass die Angelegenheit damit erledigt ist. Jede andere Publikation, die sich im Wesentlichen auf Zahlen des Statistischen Bundesamts bezieht, wäre nach einer solchen Beurteilung vom Tisch. Wer möchte schon Zahlenwerke studieren, die offensichtlich fehlerhaft recherchiert und statistisch unzulässig interpretiert sind. Sarrazins Buch kletterte wenige Tage nach Veröffentlichung auf Platz zwei der Spiegel-Bestsellerliste.

Auch das Statement der Psychologin Elsbeth Stern, die Sarrazin als wissenschaftliche Referenz für die Erblichkeit von Intelligenz angeführt hatte, ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Er habe "Grundlegendes über Erblichkeit und Intelligenz nicht verstanden" und die Ergebnisse ihrer Forschung falsch interpretiert. Frank Plasberg sekundierte: „Die Frau hat Ihnen die Luft rausgelassen.“ Auch das lässt Sarrazin-Fans offensichtlich unbeeindruckt.

Gleich zu Beginn der Talkrunde demontierte sich der Autor selbst, indem er von der Entstehungsgeschichte des Buchs erzählte. Er habe sich bei der Lektüre des Integrationsberichts der Bundesregierung darüber gewundert, dass in der Präsentation die Ergebnisse nicht nach Volksgruppen getrennt aufgeführt seien. Unerhört, dass da jemand Zahlen präsentiert, ohne nach den von Sarrazin gebildeten Kategorien Osteuropäer, Asiaten, Türken und Araber, sowie Muslime und andere zu trennen. Nach ergebnisloser Beschwerde beim Bundeskanzleramt macht sich Sarrazin daran, selbst eine solche Kategorisierung vorzunehmen. Als Zahlenbasis dient ihm dabei der Mikrozensus des Statistischen Bundesamts. Worüber er nicht spricht: In Anlage und Methodik jeder Datenerhebung werden Themenfelder und Forschungsziele festgelegt. Die Ergebnisse lassen daher im besten Fall nur zuverlässige Aussagen über diese Themenfelder zu. Eine Übertragung der Zahlen auf andere Themenfelder muss zwangsläufig zu Verzerrungen und Fehlinterpretationen führen.

Nun ist der Mikrozensus ausdrücklich eine Mehrzweckstichprobe, und das Statistische Bundesamt listet als Ziele der Untersuchung Aussagen über die wirtschaftliche und soziale Lage der Bevölkerung, Erwerbstätigkeit, Arbeitsmarkt und Ausbildung auf. Aussagen über Themen wie Einwanderung und Integration werden nicht aufgeführt. Es gibt also in der Anlage der Erhebung überhaupt keine methodische Grundlage für Aussagen über Migrationsthemen, geschweige denn für Aussagen über einen so hochkomplexen sozialen Prozess wie die Integration von Immigranten.

Was macht also der Volksgruppen-Statistiker? Er nimmt einzelne Messergebnisse über Staatsangehörigkeit, Schulabschluss, Ausbildung und Berufstätigkeit und bastelt daraus ein neues Forschungsdesign ex post, also nach der Datenerhebung. Da im Mikrozensus Daten über Spracherwerb, Engagement in Vereinen und anderes mehr, was möglicherweise für die Messung von Integration relevant sein könnte, nicht erhoben werden, muss ihm sein Konzept von Integration etwas schmal geraten: Integration ist bei Sarrazin offensichtlich einfach identisch mit dem ökonomischen Erfolg einer Person. Wer Karriere macht, integriert sich; wer arbeitslos wird, ist integrationsunwillig. In Abgleich mit den Volksgruppenkategorien will er daraus Ergebnisse ableiten, die zu seinen bekannten Aussagen über Türken und Araber, sowie über Muslime im allgemeinen führen.

So hanebüchen und ganz offensichtlich von rassistischem Eifer getrieben das alles sein mag, die Sarrazin-Fans freuen sich und sind sichtlich erleichtert darüber, dass so etwas im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stehen kann. Zusätzlichen Drive erhält der Rechtsruck von einer diskursiven Umstülpung des Dominanzverhältnisses. Die dominante rassistische Position erscheint als unterlegene und repressiv niedergehaltene Position, die von einer kleinen aber mächtigen politischen Elite mit Hilfe von Political-Correctness-Zensur, moralischer Verdammung, etc. beherrscht wird. Die Geste rassistischer Diskriminierung wird als Tabubruch hingestellt, als rebellische Heldentat – als wäre sie nicht ohnehin Bestandteil alltäglicher opportunistischer Praktiken im Dominanzverhältnis. Gleichzeitig werden in den Debattenpositionen die Bezeichnungen „sachlich“ und „emotional“ vertauscht. Der Mann der Statistik erscheint als sachlicher kühler Kopf, während seine Kritiker als aufgeregt schimpfende Gefühlsmenschen dargestellt werden; etwa von Cora Stephan in einem Kommentar im Deutschlandradio Kultur am 3. September.

Was tun? Gibt es ein Mittel, Sarrazins Lauf zu beenden? Wenn die Versuche der Aufklärung offensichtlich nur dazu beitragen, das Ressentiment im Mittelpunkt des öffentliches Interesses zu halten und zu verstärken, weil auf diese Weise die emotionale Ebene, auf der der autoritäre Diskurs funktioniert, nicht zu erreichen ist, was geht dann noch?

Möglicherweise fand die Band „Die Ärzte“ bereits vor mehr als fünfzehn Jahren eine passende Antwort: Man sollte diese Leute als die beschränkten Idioten, die sie sind, ansprechen und der Lächerlichkeit preisgeben. Das funktioniert nicht nur gegen Stiefelnazis. Und es kann Anwendungen davon geben, die so vielfältig sind, wie die Gesellschaft, die man mit Recht multikulturell nennt. Auch gegen die, die verbogene Statistiken mit der selben Absicht einsetzen, mit der Anfang der 90er Jahre Naziskins ihre Stiefel eingesetzt haben: um denen, die sie als abweichend definiert und ausselektiert haben, ins Gesicht zu springen.

 

 

 
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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 05.09.2010 um 20:55
Vielen Dank für die Versachlichung des Themas. Sehr gelungener Blog mit dem ich auch inhaltlich voll übereinstimme.
der arme berliner schrieb am 06.09.2010 um 09:58
...Sachlich geschrieben. ich habe die zitierte Sendung auch gesehen. dabei ging es tatsächlich um die kruden Thesen hinsichtlich der Vererbbarkeit vin Intilligenz. Aber, und das ist der Mangel in der Diskussion, dabei blieb auch diese Runde stehen. Das die Analyse des Ist-Zustandes hinsichtlich der Integration so falsch nicht sein kann, zeigen ja gerade jetzt die Reaktionen der Politik: Da wird mehr "Strenge" angemahnt, mehr Konsequenzen für die Migranten. Ob Merkel, Gabriel, Bosbach - Sie alle betonen da plötzlich diesen Asspekt des Einforderns
von Integration. Warum wohl?
Ich empfehle sehr den Kommentar von Barbara John im Tagesspiegel vom 5.9.2010. Sie bringt es sehr bildhaft auf den Punkt: Integration findet nicht vorrangig in staatlich finanzierten Projekten statt, mit denen sich da übrigens selber eine Integrations-Industrie gebildet hat, sondern in den konkreten Nachbarschaftsbezihungen im Kiez, am Arbeitsplatz usw. Es ist der vielgescholtene Kleinbürger, der Integration leisten muss, weil er sich ihr nicht entziehen kann. Das er dabei oft alleine gelassen wurde, zuwenig aufgeklärt ist und er sich deshalb "meckernd" ein negatives Klischee von Integration bildet - Das wird ihm dann gerne zum Vorwurf gemacht. Integration bedeutet veränderung, veränderung sind immer mit Mühen verbunden und haben zunächst einen negativen Saldo, denn der Kiezbewohner muss ich an die neuen Mitmenschen gewöhnen.
Da verändern sich mit dem Zuzug von Menschen aus fremden Kulturen ganz konkrete Lebensumstände der Einwohner: Und nicht immer gleich zum Positiven.
Wenn du hier ins Forum schaust siehst du auch die Klischees derjenigen, die spiegelbildlich zu Sarrazin ebenso hetzen: Wer sich nachdenklich äußert, wird ganz schnell in die rechte Ecke abgeschoben. Es gibt zu viele schnelle Antworten in der Frage der Integration und zu wenig Bereitschaft, Fragen zu stellen. Und zwar auf allen Seiten.
Querdenker schrieb am 06.09.2010 um 12:25
Für diejenigen, welche die Sendung nicht gesehen haben: Sarrazin wurde eben nicht sachlich widerlegt.

In populistischer Art und Weise wurde gleich zu Beginn das EINZELSCHICKSAL von Asli Sevindim (sympathische WDR-Moderatorin) und ihrer Familie eingespielt, um Sarrazins Interpretation von STATISTIKEN zu widerlegen.

Danach konnte man eigentlich ausschalten, denn Friedman ist menschlich wirklich in keiner Diskussionsrunde zu ertragen, und Sarrazin rheotorisch und logopädisch auch nicht.

Bei der Stellungnahme des Statistischen Bundesamt ging es übrigens konkret um den Zeitraum der von Sarrazin angestellten Modellrechnung von 120 Jahren, nicht um die Methodik oder den Mikrozensus selber.
Frank Linnhoff schrieb am 06.09.2010 um 15:14
Geheimrat Goethe sagte es schon: es gibt Lügner, gemeine Lügner und Statistiker.

Ich wußte bis vorhin nicht, dass Herr Sarrazin auch Statistiker ist, wußte auch nichts von der Vorgeschichte zu seinem Buch. Da geht mir nun ein Licht auf.

Herr Sarrazin äußert sich seit Jahren in bewußt hämischer, abwertender und verletzender Art über viele meiner Mitbürger und Mitbürgerinnen, dabei Zwiespalt und Unfrieden säend. Diese Saat erblüht bei den Menschen, die keinen Kontakt mit der Wirklichkeit haben, die in einer Fiktion gefangen und von dumpfen Ängsten bestimmt sind. Sie glauben insbrünstig, dass Herr Sarrazin -dieser Prophet des Untergangs-, sie von ihren Leiden erlöst. Dagegen helfen leider keine sachlichen Argumente.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 06.09.2010 um 16:12
Allgemein möchte ich nur bemerken, dass seine Polemik gegen die "Kopftuchmädchen", die von "türkischen Gemüsehändlern" "produziert" werden, das Hinterletzte ist. Er ist disqualifiziert. Man kann nur hoffen, dass SPIEGEL und BILD; die öffentliche Meinung nicht noch zu Sarrazins Gunsten drehen. Beim SPIEGEL geht das so ganz sachte, bei der BILD wird gerade die dicke Berta in Stellung gebracht. Alice Schwarzer äußert sich über das Kopftuch.
Alien59 schrieb am 06.09.2010 um 16:14
Auch Frau Schwarzer möchte für ihr neues Buch Reklame machen.
Mir grauts - die nächste Runde wird eingeläutet.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 06.09.2010 um 16:41
Hab ich doch im Radio gehört. Heute äußert sie sich nur zu Kachelmann. Dieses Porno bei Bild ist demnach jetzt also feministisch okay, oder was?
Alien59 schrieb am 06.09.2010 um 16:57
Auch bei ihr scheint zu gelten: zuerst kommt das Geld, dann kommt die Moral.... (ich weiß, eigentlich heißt's anders).
da5id
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Logbuch
13:13
kenua hat gerade einen Kommentar geschrieben.
13:12
kenua hat gerade einen Kommentar geschrieben.
13:08
goedzak hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Helena Neumann hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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antares56 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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