Im zweiten Teil meiner Sammlung sind die restlichen Geschichten und wiederum Fotos der Naqshbandi-Scheichgräber sowie einer tuvinischen Ovaa. Dies zeigen, wie sich, trotz unterschiedlichr Religion der spirituelle Audruck gleicht:
"Der Pferdeschwanz: für die tuvinischen Jäger und Schafhirten war das Pferd seit Urzeiten Transportmittel und Freund. Auch der Pferdeschwanz hat seinen Nutzen. Wenn ein Tuvinier den Gipfel eines Berges erklommen hat, steigt er vom Pferd und ruht sich erst einmal aus. Er zieht einige Haare aus dem Schwanz und bindet sie um einen am Ovaa befindlichen Zweig. Ovaa nennt man einen heiligen Platz, in dem sich ein Steinhaufen befindet und der durch Zweige markiert ist. Wenn er das also macht, zeigt er, dass er den Berg erfolgreich bzwungen hat. Gerät ein tuvinischer Reiter in Schwierigkeiten und wird aus dem Sattel geworfen, wird ihn das Pferd mit seinem Schweif auffangen.
Berichtet von Semjon Chrygalowitsch Chaptuu, geboren am 2. Februar 1913. Aufgeschrieben am 16. Juni 1990 im Museum von Kyzyl."
"Der Yakschwanz: Tuva ist ein gebirgiges Land und das Yak ist ein Tier, das auch an steilen Gebirgshängen gut zurechtkommt. Der wichtigste Körperteil des Yak ist sein schöner und zotteliger Schwanz. Wenn es getötet wird, macht man Topfhenkel aus dem Schwanz.
Erzählt von Kenden Yasatujewitsch Khomushku, geboren am 23. Februar 1916 in Ulan-Ude, Burjätien, aufgeschrieben am 17. Mai 1975 im Museum von Kyzyl."
So "besonders" ist das Yak übrigens auch in der tibetischen Tradition: "Das gesamte Leben der Nomaden ist auf ihre Herden ausgelegt, sodass sie ihre Yaks “Norbu” – Schatz - nennen. Sie ernähren sich nicht nur von Fleisch und Milch der Tiere, sondern stellen einen großen Teil ihrer Ausrüstung aus den Schlachtresten her.Da das Yak im Leben der Nomaden eine solch zentrale Rolle spielt, ist es auch in der Kunst vertreten, so findet man Wandmalereien und Schnitzereien mit dem imposanten Tier."
Der Schwanz der Ziege. Der Ziegenschwanz ist kurz. Bei Neumond, so wird gesagt, soll ein starker Mann den Schwanz herumdrehen. Dann fängt sie an zu schreien, und ihr Geschrei erreicht den Mond. Das sollte man tun, denn Amryraga-Moos, der den Mond verschluckt hat, hat Angst vor Ziegengeschrei. Das habe ich selbst gehört und gesehen. Außerdem kann die Ziege mit ihrem Geschrei das Wetter vorhersagen.
Erzählt von Sergei Soibunowitsch Khertek, 25. Juli 1919- 17. Juli ry 1987" Aufgeschrieben am 7. August 1987 in Kochetowo, Distikt Tandy.
Der Hundeschwanz: Man sagt, daß der Hund das erste Haustier war, das der Mensch sich abrichtete. Der Hund ist eines derTiere, die dem Menschen am nächsten stehen. denn er wacht über das Leben seines Herrn. In Tuva gibt es die Sitte, wenn ein Hund gestorben ist, seine Schwanzspitze abzuschneiden. Wenn dann der Herr/ die Herrin im Zustand der Sünde stirbt und die Qualen des Höllenfeuers erdulden muss, ist die Hundeseele in der Lage, die Seele ihres Herrn/ihrer Herrin zu erreichen. Die reine Hundeseele kann das.trifft die Hundeseele dann mit der Seele ihres Herrchens/Frauchens zusammen, kann der Hund seinen Schwanz in kaltes Wasser tauchen und seine/ihre Seele kühlen oder, falls nötig, den Schwanz in heißes Wasser tauchen und die Seele wärmen.
Erzählt von Chash oglu Lundup Oyun, 1892-1993 aus Pezegey, Distrikt Tandy. Aufgeschrieben" am 17. September 1967 im Museum.von Kyzyl.
Der Schafschwanz: Die tuvinischen Schafe fe haben große Schwänze, die als Nahrung und Medizin genutzt werden. In der Küche Tuvas gilt der Schafschwanz als Delikatesse. Erzählt von Sembil oglu Kendentschik (rya4-t77fl. Aufgeschrieben am 4. August 1973 in Khondergey, Distrikt Dzun-Khamtchik.
Der Eselsschwanz: Vor langer Zeit gab es keine Esel in Tuva. Sie kamen mit den chinesischen Händlern ins Land. Nach 1921, als die Volksrepublik Tuva gegründet worden war, gingen die Chinesen nach Hause und nahmen die Esel mit. Aber das ist schon in Ordnung, denn die Tuvinier haben keine Verwendung für Eselsschwänze. Auch wenn der Esel einen recht großen Penis hat, so ist sein Schwanz im Verhältnis dazu kurz. Übrigens gibt es keine Haustiere ohne Schwanz. Erzählt van Balchyool oglu Dazy-Bilbi, geboren in Torgalyg, Distrikt Ulug" Khern 1902-1979.
Leider ist dieser Kulturraum, in dem sich Schamanismus, Buddhismus und Islam durchdringen, hier viel zu wenig bekannt. Aber das wird sich hoffentlich noch ändern.
Bildnachweis:
1. Ovaa, im Museum von Kyzyl, (c) tuvaovaa.com/
2. Grabstätte von Scheich Abdul Khaliq Ghijduvani, Ghijduvan, Usbekistan, (c) Dr. Dagmar Schatz
3. Grabstätte von Scheich Arif ar-Rivgari, Rivakar, Usbekistan, (c) Dr. Dagmar Schatz
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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