13
]
Goodluck Jonathan, der christliche Vizepräsident, derzeit amtierend für den kranken muslimischen Präsidenten Umaru Yar’Adua, hat heute ohne Angabe von Gründen das Kabinett aufgelöst. Umaru Yar’Adua hatte im November Nigeria ohne offizielle Machtübergabe an seinen Vize verlassen, um in Saudi-Arabien medizinische Behandlung wegen einer Herzbeutelentzündung in Anspruch zu nehmen. In Nigeria, dem bevölkerungsreichsten afrikanischen Land mit etwa 200 verschiedenen Ethnien, leben etwa gleich viele Christen und Muslime - das politische Gleichgewicht in der regierenden People's Democratic Party, der sowohl Umaru Yar’Adua wie Jonathan Goodluck angehören, wurde bisher dadurch gewahrt, daß Präsidenten und Vizepräsidenten jeweils abwechselnd Muslime und Christen sind, die jeweils für zwei vierjährige Amtszeiten gewählt werden können. Umaru Yar’Adua war erst 2007 gewählt worden. Seit Jahren kommt es im Norden von Nigeria immer wieder zu blutigen Konflikten zwischen Christen und Muslimen, die eigentlich aber Konflikte um knappe Ressourcen wie Wasser und fruchtbares Land sind, zuletzt von muslimischen Fulani gegen christliche Berom. Scheinbar gelingt es derzeit durch das entstandene Machtvakuum nicht, die Konflikte wirksam zu befrieden, dem erwähnten Massaker ging ein weiteres voran, bei dem Muslime die Opfer waren. Weitere Konflikte gären im Nigerdelta, der Heimat von Goodluck Jonathan, wo die Bewohner mehr Anteile an den Ölgewinnen fordern - hier konnte offenbar blutige Auseinandersetzung gerade knapp vermieden werden. Immerhin ließ das Militär verlauten, nicht in die Politik in Form eines Militärputsches eingreifen zu wollen. Die Kabinettsauflösung in Nigeria ist den deutschsprachigen Zeitungen keine Meldung wert, auch bei ARD und ZDF war nichts zu finden.
Goodluck Jonathan übernahm die Regierungsgeschäfte erst Anfang Februar, es hätte einiges für eine frühere Machtübernahme gesprochen, was aber Anhänger von Präsident Yar’Adua zu verhindern suchten, der offenbar kurz nach dem Machtwechsel nach Nigeria zurück kehrte, aber seit November nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen wurde.
Also die englischsprachige Presse:
Über Hintergrund und Folgen der Gewalt:
|
|
Eventuell warten die deutschen Berichterstatter erst ab, wie sich die Situation weiter entwickelt?
Oder der Vorfall war - verglichen mit thailändischen Aufständen und anderen News - nicht spektakulär genug? Wie auch immer, Sie haben trotz, oder gerade wegen(?) Lantenhammer diese Neuigkeit ins Netz gestellt. Ich werde aber trotzdem jetzt den Computer ausschalten und wünsche Ihnen eine gute Nacht! |
|
|
"Der frühere Präsident George W. Busch begleitete seine ehemalige Außenministerin Condolezza Rice zu dem 15. jährlichen Thisday Awards-Treffen, zur Feier von Nigerias goldenem Geburtstag als unabhängige Nation. Während der eine oder andere davon ausging, dass Bush den nigerianischen Diktator Muhammadu Buhari feiern würde oder die nigerianischen Öl-Eliten, wie bereits kurz davor am 24. Februar, reisten Obamas Staatssekretär für afrikanische Angelegenheiten, Johnnie Carson und US-Botschafter Robin Sanders zu einem „geheimen", unangekündigten Treffen auf dem Anwesen des in Verruf geratenen früheren Präsidenten General Ibrahim Babangida. Beide Treffen sind enttäuschend für alle, die eine aufrichtigere und transparentere Afrikapolitik erwartet hatten."
Zitat aus "NIGERIA-POLITIK DER USA Afrika braucht starke Institutionen, nicht starke Männer" vom 15.3.2010 www.epochtimes.de/articles/2010/03/15/556569.html |
|
|
Ein weiteres Beispiel, wo man sich fragen kann, warum bestimmte Nachrichten NICHT verbreitet werden.
Uber das letzte Massaker hingegen wurde berichtet. Mir scheint oft, Afrika-Politik ist oft etwas unterbetreut, aus welchem Grund auch immer. Ich halte das fuer kurzsichtig, ich denke, Afrika, gerade auch Nigeria, wird in den naechsten Jahrzehnten noch viel wichtiger werden. |
|
|
Das geht mir ähnlich - es wurde in der deutschsprachigen Tagespresse auch NUR über das letzte Massaker berichtet - daß Anfang des Jahres ebenfalls in Jos ein weiteres stattfand, bei dem etwa 300 Muslime getötet wurden, bzw. daß seit Jahren dort blutige Auseinandersetzungen stattfinden, war keine eine Meldung wert. Da kann man schon böse Gedanken über eine Berichterstattung entwickeln, die zunehmend auf 'DerIslamistunserUnglück' abzielt.
Was meinem Eindruck nach gerade für Nigeria absolut zu kurz greift - die Hintergründe scheinen mir weit eher in Auseinandersetzungen um Lebensraum zwischen verschiedenen Ethnien zu liegen. Gepaart mit einem mächtigen wirtschaftlichen Gefälle und galoppierender Korruption. Gerade Nigeria ist ja nun sowohl wirtschaftlich wie auch ob der Tatsache, daß es das bevölkerungsreichste Land Afrikas ist, wirklich nicht ganz unwichtig. Mich beunruhigt, daß alle deutschsprachigen Tageszeitungen in einen solchen Stupor verfallen sind - früher hatten wenigstens Die Zeit mit Bartholomäus Grill und Andrea Böhm und auch die NZZ wirklich sachkundige und sehr ausführliche Hintergrundartikel. Mit der derzeitigen Form der Berichterstattung, die nur noch dann in Aktion tritt, wenn das Blut in Strömen fließt oder Naturkatastrophen und Hungersnöte geschehen, wird auch ein Bild eines ganzen Kontinents gezeichnet, das so nicht zutrifft. Ich finde es auch erschreckend, daß kaum einzelne Länder differenziert betrachtet werden, sondern ein ganzer Kontinent verloren gegeben wird. |
|
|
Dame, das erste der beiden Massaker wurde wohl in der Presse erwähnt - allerdings zum Teil auch so dargestellt, dass die Religionszugehörigkeit nicht erkennbar war.
|
|
|
UPDATE:
Nachdem am Montag in der Ölstadt Warri zwei Autobomben explodierten und es gestern zu einem weiteren Angriff in Jos kam, bei dem mindestens 13 Christen getötet wurden, scheint es derzeit zu keinen weiteren Unruhen zu kommen. Die Kabinettsauflösung wird als notwendiger Schritt zu mehr Autorität für den amtierenden Vizepräsidenten gewertet. Die Anhänger von Umaru Yar’Adua scheinen Goodluck Jonathan auch im Hinblick auf die Wahlen im nächsten Jahr, nach denen sie lieber einen muslimischen Kandidaten für weitere vier Jahre im Amt sähen, bislang sehr gebremst zu haben und organisieren nun Demonstrationen gegen ihn. Der Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka hält die Kabinettsauflösung für überfällig: 'I think he's been as delicate as anybody who's in charge of country like Nigeria can be.' sagte er dem BBC World Service. 'In fact, I think he's erred on the over-cautious side. This should have happened a very long time ago. He has to compel those who have been behind this macabre charade to come out in the open.' Ähnlich interpretiert die Al Jazeera Korrespondentin Yvonne Ndege: 'The cabinet has been packed with a raft of appointees - appointees of Yar'Adua - and many people thought the acting president really hasn't been able to assert his authority or gain the credibility that's needed to lead Nigeria' 'Many of the so-called Yar'Adua loyalists were in many of the key positions: in particular, the petroleum ministry, the finance ministry - basically the ministries where real money is. And Goodluck Jonathan has been under pressure from advisers to dissolve the cabinet in the manner he did ... and to begin to consolidate his position and put people into position whereby they would be not just loyal to him but loyal to the agenda that he's going to set.' news.bbc.co.uk/2/hi/africa/8573178.stm www.guardian.co.uk/world/2010/mar/17/nigeria-acting-president-sacks-cabinet english.aljazeera.net//news/africa/2010/03/20103183255713731.html Der guten Ordnung halber: ich habe im Artikel ein paar Kleinigkeiten verändert, die aber den Sinn nicht verändern und sie deswegen und um der besseren Lesbarkeit halber nicht eigens gekennzeichnet. |
|
|
Nachdem, was ich gelesen habe, hat wohl auch die Frau des Noch-Präsidenten ein erhebliches Interesse daran (gehabt), dass er möglichst lange im Amt bleibt.
Die Frage steht ja offen, ob er noch lebt. |
|
|
Liebe Alien59,
bitte tragen Sie Ihr Wissen bei, meins über Nigeria ist nämlich sehr übersichtlich. |
|
|
Liebe Alien59,
bitte tragen Sie unbedingt Ihr Wissen bei, meins über Nigeria ist nämlich sehr übersichtlich. |
|
|
Meins auch - ich tue mein Bestes.
|
|
|
Baba Go-Slow
Eine Einschätzung der vielen Herausforderungen, die vor Goodluck Jonathan liegen: www.guardian.co.uk/global/2010/mar/19/nigeria-goodluck-jonathan-umaru-yaradua Nigeria hat offenbar gestern seinen Botschafter aus Libyen zu dringenden Beratungen zurück gerufen, nachdem Muammar Gaddafi, bis vor kurzem Chef der African Union, den Vorschlag machte, Nigeria nach dem Vorbild Indiens in ein muslimisches und ein christliches 'Homeland' zu teilen. Die Teilung Indiens machte 1947 etwa 12 Millionen Menschen heimatlos, mindestens 200.000 starben, Recht und Gesetz brachen völlig zusammen. Gaddafi hält diesen Schritt aber für eine 'historic, radical solution that could benefit Nigeria'. Von ihm unbeachtet blieb dabei offenbar die nigerianische Geschichte: 1967 verursachte der Versuch einer Abspaltung des Südostens von Nigeria durch die Igbo einen Krieg, in dem etwa eine Million Menschen starben. news.bbc.co.uk/2/hi/africa/8575383.stm english.aljazeera.net/news/africa/2010/03/2010318173536716209.html |
|
|
Die Frage, die ich mir immer mal stelle: ist Gaddafi zurechnungsfähig?
|
|
|
Ein paar Fundstücke:
'Mit offenen Karten' www.youtube.com/watch?v=42bSGkS7qtI&feature=PlayList&p=0CE0F3E2EA9875F1&index=4 Nigeria und Öl www.youtube.com/watch?v=PhoXKSbrgO0 Der Erzbischof von Jos und der Emir von Wase bemühen sich gemeinsam um Frieden www.missio.de/de/aktionenundkampagnen/monat-der-weltmission/reportage-1/friedensstifter-in-nigeria.html Und eine deutsch/westafrikanische Erfolgsstory 'Knirsch und Glanz' www.brandeins.de/archiv/magazin/wir-wollen-nichts-von-ihnen-aber-wir-haben-was-fuer-sie/artikel/knirsch-und-glanz.html |
Ausgabe 07/12
16.02.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen