8
]
Die Mode dieses Sommers: Staat ist wieder in. Zumindest sofern es um die Rettung "systemwichtiger" Marktteilnehmer und die Ankurbelung der Autokonjunktur geht. Das heißt freilich noch lange nicht, dass auch in anderen Bereichen das bis vor kurzem noch allgemein akzeptierte Credo "sowenig Staat wie nötig - soviel Markt wie möglich" aufgegeben wurde. Mit der Schuldenbremse hat man vielmehr in einer Situation, in welcher ein Anstieg der Staatsausgaben zugunsten der zockenden Klassen unvermeidbar ist, für einen verstärkten Sparzwang gesorgt.
Gleichzeitig werden Steuersenkungen versprochen und es ist zu befürchten, dass dies sogar ernst gemeint ist. Der absehbare Kahlschlag, der bei einer Verwirklichung dieser Pläner bei staatlichen Leistungen folgen muss und die Schwächung des Staats als handlungsfähiger Akteur in vielen (weiteren) Bereichen wird gerne in Kauf genommen, so sie nicht ohnehin ein impliziter Zweck ist. Die Krise könnte in einer Art Treppenwitz damit enden, dass das konservativ-wirtschaftsliberale Programm der sukzessiven Schrumpfung der Staatsmacht auf die Rolle eines ohnmächtigen Wasserträgers von Wirtschaftsinteressen weiter beschleunigt wird.
Damit wäre man einem Ziel einen großen Schritt nähergekommen, welches mit schon fast bewundernswürdiger Stetigkeit von einer unheiligen Allianz konservativer und wirtschaftsliberaler Kreise seit den Siebzigern verfolgt wird. Damals verfasste der vielen sicher auch in anderem Kontext bekannte US-Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington zusammen mit Michael J. Crozier und Joji Wakanuki im Auftrag der trilateralen Kommission einen Bericht zu den Problemen der Regierbarkeit in entwichelten Staaten. Das Ergebnis lautete kurz gesagt, dass Staat und Politik durch eine überzopgene Anspruchshaltung der Bürger überfordert werden.
Man könnte die Ergebnisse und die allgemeinen Entwicklungen seit Ende der Sechziger allerdings auch unter einem ganz anderen Blickwinkel betrachten - der Bedrohung bestehender wirtschaftlicher Verhältnisse und gesellschaftlicher Hierarchien durch Bürger, welche das Versprechen der Demokratie ernst nehmen. Und genau dies war der Punkt, an dem ein starker Staat auch für Konservative zum Feindbild wurde. Zumindest überall dort, wo eine unter starkem Druck und aufmerksamer Beobachtung einer kritischen Öffentlichkeit stehende demokratische Regierung bestehende Privilegien und Pfründen zu bedrohen schien.
Auch wenn die Staatsquote noch eine beträchtliche Weile weiter stieg, kann man den langfristigen Erfolg der resultierenden anhaltenden Kampagne gegen den "verschwenderischen und ineffektiven" Staat nur als eindrucksvoll bezeichnen. Unter dem Druck wirtschaftlicher Interessen, freiwillig gleichgeschalteter Medien, welche jedes Eingreifen des Staates gerne unter dem Schlagwort Populismus verbuchten sowie wissenschaftlicher Handlanger, deren Motive wohl zwischen von herrschaftstechnischen Allüren geförderter Überzeugung und purem Eigennutz changierten, verlor jeder Versuch der sozialen und demokratischen Gestaltung des Gemeinwesens auf politischem Wege seine Legitimation, Unterstützung und Erfolgsaussichten.
Die SPD, der wichtigste politische Träger einer derartigen Gestaltung der Gesellschaft durch das Mittel des Staates in der BRD kapitulierte unter Schröder schließlich schlicht und einfach. Seitdem sind auch in ihr die Kräfte am Ruder, welche das der Elitenherrschaft so wunderbar förderliche Märchen von der prinzipiellen Unfähigkeit des Staates nachbeten und entsprechend handeln. Und ein Umdeneken hat auch angesichts der Ergebnisse der folgerichtig betriebenen laissez-faire-Regulierungspolitik nicht stattgefunden. Stark zeigt sich der Staat auch in dieser Situation nur dort, wo das ökonomische Interesse der (kapitalbesitzenden) Eliten bedroht ist. Im übrigen wird unter maßgeblicher Beteiligung des finanzpolitischen Aushängeschilds der SPD, Steinbrück (horrible dictu!), die weitere Fesselung demokratisch bestimmmter Finanz- und Wirtschaftspolitik durchgeboxt.
All dies unter dem Deckmäntelchen gerade jener Verantwortlichkeit, welche man so beseitigt. Hier werden in einer Situation, welche die Unhaltbarkeit der herrschenden marktradikalen Lehre zeigt verfassungsrechtlich wirksame Fakten geschaffen, die sie praktisch gesetzlich verewigen sollen. Auch wenn es bei vielen Linken nachvollziehbare Vorbehalte gegen einen bei entsprechender politischer Steuerung potentiell durchaus autoritären und gefährlichen Staat gibt - wer nicht erkennt, dass dieser in seiner demokratischen Verfasstheit auch die wahrscheinlich größte Gefahr für etablierte Interessen darstellt, hat wenig von den Vorgängen der letzten Jahrzehnte verstanden.
|
|
Interessanter Beitrag
"Hier werden in einer Situation, welche die Unhaltbarkeit der herrschenden marktradikalen Lehre zeigt verfassungsrechtlich wirksame Fakten geschaffen, die sie praktisch gesetzlich verewigen sollen" Welche Alternative gäbe es denn? Der Staat ist hemmungslos verschuldet. Sein Handlungsspielraum ist durch Globalisierung und zunehmenden Standortwettbewerb stark eingeschränkt. "Auch wenn es bei vielen Linken nachvollziehbare Vorbehalte gegen einen bei entsprechender politischer Steuerung potentiell durchaus autoritären und gefährlichen Staat gibt" Ja da habe ich durchaus vorbehalte |
|
|
Die "hemmungslose Verschuldung" des Staates liegt ja vielleicht auch nicht zuletzt an der sogenannten "Entlastungspolitik", die dessen Einnahmen sogar in wirtschaftlich guten Zeiten sehr beschränkt. Davon, dass diese aufgrund des "globalen Standortwettbewerbes" unvermeidbar ist, bin ich keineswegs überzeugt. Schließlich gibt es durchaus Länder mit höherer Staatsquote, die deshalb nicht wirtschaftlich völlig darniederliegen. Warum muss den für uns immer das jeweils wirtschaftsliberalste Modell statt bspw. die skandinavischen Staaten das Modell sein? Das zeigt doch vor allem, wie erfolgreich der konservativ-wirtschaftsliberale Kampf um die Diskurshoheit war.
Und wie es scheint, wird der Staat doch vor allem wieder autoritär, wenn man ihn den Kräften überlässt, welche ihn andererseits was Steuern und Regulierung angeht auf die Rolle eines Nachtwächters reduzieren wollen. |
|
|
Das der Staat zunehmend autoritär wird, wenn die soziale Fürsorge immer schwächer wird ist nur logisch, da umso größer das Prekariat ist vor allem Krrminalität ansteigt aber auch ein Stück weit "revolutionäre Energie" freigesetzt wird.
Es ist kein Argument eine höhere Staatsquote ( vor allem wenn man bedenkt dass der DDR ihre Staatsquote auch nicht so gut getan hat) zu haben, nur weil andere dies auch haben. Un in Zeiten eines globalen Standortwettkampfes kann sich Deutschland glücklich schätzen über Vorteile wie eine gute Infrastruktur, stabiles Ausbildungssystem, fügsame Arbeiter und Gewerkschaften, politische Stabilität etc verfügt und sich daher einen Sozialstaat noch leisten kann. Aber das wird nicht so bleiben. Am Ende wird auch Deutschland, wie es bereits getan wurde Abstriche machen müssen um eben dem Kapital weiterhin eine Anlagemöglichkeit zu bieten ohne das es den Sozialstaat eben nicht finanzieren kann ( vom Schulden zurückzahlen gar nicht erst zu reden). Das gilt mehr noch für den Kapitalismus in der Krise |
|
|
Hallo Chris,
"da umso größer das Prekariat ist vor allem Krrminalität ansteigt" das solltest Du vielleicht erklären oder anders formulieren, weil man sonst meinen könnte, du meinst, wer in prekären Verhältnissen lebt ist auch kriminell (ich gehe davon aus, das Du es so nicht gemeint hast) Mir ist nicht ganz klar, was Du vertrittst. Mehr Staat wäre wünschenswert ist aber nicht möglich oder mehr Staat ist nicht nötig und steht der Entwicklung im Weg, wird aber bald ohnehin nicht mehr zu finanzieren sein. Oder etwas ganz anderes? |
|
|
entschuldige bitte, ich habe den Beitrag in aller Eile verfasst.
Ich wollte damit ausdrücken, dass diejenigen die am unteren Ende der Gesellschaft ihr Dasein zu fristen haben eher dazu neigen die Regeln dieser Gesellschaft zumindest teilweise ( aus Not) zu übertreten. In meinem Beitrag wollte ich vor allem ausdrücken, dass das einfache hin zum Sozialstaat der 70er nicht mehr möglich ist, was natürlich erst einmal schlecht ist, weil dies viele Menschen in die Armut stürzt. Aber für mich ist der Staat auch nicht das positive Ende der Geschichte. Ich bin der Ansicht das es gilt sinnvollere Formen eines Gemeinwesens zu entwickeln und der Staat ein national aufgeladenes Relikt des Absolutismus ist. Von daher kann ich den Verlust des Sozialstaates eher verschmerzen |
|
|
Entschuldigen brauchst Du dich nicht, wir sind ja unter uns und mein Leben nicht sehr prekär.
Wie kommst Du auf den Gedanken, das es nicht mehr möglich ist zum Sozialstaat der 70er Jahre zurückzukehren (obwohl uns hier der eine oder andere wohl sagen kann, wie damals auch nur mit wasser gekocht wurde). Das wird uns immer eingehämmert, vor allem Bertelsmann und die INSM sind da sehr aktiv an der Propagandafront, so nach dem Motto: alles zu teuer und die Leute werden nicht gefördert und nicht gefordert. Das hört sich immer solange gut an, bis jemand die Argumente mal auseinandernimmt. Was sind denn sinnvollere Formen des Gemeinwesens? Ich frage aus Interesse, weniger aus Skepsis. Dem Staat stehe ich ambivalent gegenüber. Zum einen will ich ihn stark um die Lebensverhältnisse aller sichern zu können, zum anderen will ich ihn raus aus meinem Leben, wenn er versucht Kontrolle darüber auszuüben. |
|
|
Nun das Geheimnis des Sozialstaates ist eine umfangreiche Besteuerung von Arbeits- und Kapitaleinkünften. Dazu kam noch ,dass der Staat im Grunde genommen kaum Geld brauchte, da es kaum Arbeitslose ( Vollbeschäftigung) gab. Also einerseits große Einnahmen und wenig Ausgaben. Aber selbst hier hat der Staat immer wieder, dadurch das er massig Infrastruktur aufgebaut, Unternehmen subventioniert etc, Schulden gemacht. Aber seit den 70er jahren, drehte sich das ganze um. Die Arbeitslosigkeit stieg Konjunktur unabhängig immer weiter an, das Wirtschaftswachstum schrumpft immer weiter zusammen. Also einerseits werden die Anforderungen an den Staat immer größer und andererseits werden mögliche Einnahmequellen geringer, vor allem weil das Kapital bei solch mageren Wachstumsraten kaum Anlagemöglichkeiten sieht ( und letztendlich sein Glück in Immobilien suchte) und vor allem auch größere Kapitalvermögen in Steueroasen fliehen un da hatte Steinbrück schon recht wenn er meinte, lieber "25 auf x als 50 auf nix". Dazu kommt noch dass immer öfter Unternehmen ihr Glück in deregulierten Ländern suchen ( auch wenn das nicht immer läuft), wo die Besteuerung geringer ausfällt. Der Staat ist im internationalen Standortwettkampf gezwungen Kapital anzulocken, um sich zu finanzieren. Bedenken wir die übe eine Billion Euro Schulden, die in den nächsten Jahren stark ansteigen wird. Die muss irgendjemand bezahlen.
Zu aller erst ist der Staat ein Instrument der Herrschaft, er schreibt mir vor was ich darf und nicht darf. Eine Beleidigung für jeden, der für sich Beansprucht ansatzweise über Vernunft zu verfügen. Mein zweiter Punkt ist die Kritik an der Indirekten Kommunikation. Wir kommunizieren im gesellschaftlichen Bereich anders als im Privaten nur indirekt über Staat, Gesetz, Politik, Markt miteinander. Diese ist meiner Meinung durch direktere Formen der Kommunikation zu ersetzen, um sich wieder besser zu verstehen und einander kennen zulernen. Einen Masterpaln habe ich natürlich nicht, ich kann nur vorschlagen andere Wege von Gesellschaft auszuprobieren, Wege die dem Menschen, den Möglichkeiten des Menschen ,eher angemessen sind |
|
|
Selbstverständlich schreibt der Staat dir in einem gewissen Maße vor, was du tun kannst und was nicht - ich möchte dir ja keinen Schock versetzen, aber wir leben in einer komplexen Gesellschaft, deren Regulierungsbedarf man sicherlich nicht mit einem kindischen "ich mag nicht" negieren kann. Die politisch zu beantwortende Frage, um die wir nicht herum kommen, ist doch gerade, was und wie reguliert wird.Wenn man das per se ablehnt und sich in irgendwelche Selbstverwirklichungsillusionen flüchtet, muss man sich natürlich nicht wundern, wenn am Ende die immer gleichen gut organisierten Interessen das Sagen haben.
Und dein dauerndes Kapitalgerede hört sich an, als ob du aus den Standardverlautbarungen der Arbeitgeberverbände zitieren würdest. Es ist aber eben nicht so, dass alle den Steuer- und Leistungssenkungswettlauf mitmachen oder untergehen - ich habe ja schon ein Beispiel genannt, welches du interessanterweise souverän ignorierst. Ich höre bei dir eigentlich nur genau die Phrasen, mit welchen die Kapitalseite hierzulande seit Jahren ihre Renditeaussichten zu fördern sucht... |
Ausgabe 07/12
16.02.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen