Was ist schlimmer als eine Krise? Ganz einfach – der Versuch, deren Ursachen zu beheben. Zumindest, man sich in der Rolle eines „Finanzdienstleisters“ befindet und das alte Geschäftsmodell mit seinem traumhaften Renditen von 25% auf das Eigenkapital und mehr eigentlich doch nicht aufgeben will. Ist ja prinzipiell auch verständlich. Immerhin weiß man jetzt, dass man die Sache nur toll genug treiben muss, um sich paradoxerweise dadurch gleichzeitig eine Versicherung gegen die resultierenden Risiken zu verschaffen. Und selbst wenn einmal die Spekulation nicht Ausmaße erreicht haben sollte, die ihre Liquidation durch den Markt unmöglich macht, hat man immer noch einen Schnitt gemacht von dem Normalsterbliche nicht einmal träumen können und wird deshalb persönlich kaum ins Elend stürzen.
Deshalb ist es auch nur zu verständlich, dass die relevanten Akteure angesichts des drohenden Versuchs einer einigermaßen adäquaten Regulierung in den USA keineswegs kooperativ sind. Freilich geht man nicht so weit, wieder offen die angeblichen Vorteile und die Unfehlbarkeit völlig unregulierter Finanzmärkte zu preisen. Aber man ist ja Global Player – was vor allem heißt, dass man nach Möglichkeit die Asymmetrie des eigenen Handlungsraumes mit den begrenzten Regulierungsmöglichkeiten demokratisch konstituierter staatlicher Akteure zu nutzen versucht. Eine Methode, die unter dem Schlagwort des „Standortwettbewerbes“ gerade, aber keineswegs ausschließlich in Deutschland hervorragende Erfolge bei der Beseitigung unliebsamer Hindernisse für die Renditeoptimierung feierte.
Der Bundesverband deutscher Banken hat sich in der wahren Stunde der Not auf dieses Erfolgsrezept besonnen und fordert deshalb ein international abgestimmtes Vorgehen. Was übersetzt soviel heißt wie der allerkleinste gemeinsame Nenner als Regulierungsmaßstab. Ein Vorgehen, welches selbst nach den Erfahrungen der vergangenen Monate immer noch durchaus erfolgversprechend ist. Man sehe sich nur die Bremserrolle an, welche Großbritannien bei den Versuchen europaweiter Regelungen spielt. Auch wenn es gerade in diesem Fall erstaunlkich ist, dass man offensichtlich immer noch meint, letztlich profitieren zu können, sollte man mit den Briten freilich nicht allzu hart ins Gericht gehen. Die vornehme Zurückhaltung der europäischen Partner, wenn es darum geht, stärker Druck auszuüben, spricht für sich. Am Ende ist nichts herausgekommen und keiner ist es gewesen.
Man kann aber durchaus die Frage stellen, ob einzelstaatliche Bemühungen zur Verbesserung der Regulierung tatsächlich aussichtslos sind. Wenn man die Erfolge der USA beim Druck auf der Beihilfe zur Steuerhinterziehung verdächtige Banken sieht, gilt dies zumindest im Falle der Vereinigten Staaten wohl kaum. In diesem Sinne ist die beste Hoffnung auf einigermaßen sinnvolle regulative Konsequenzen des Schlamassel ein Alleingang der Vereinigten Staaten. Dieser würde Standards setzen und politische Ausflüchte entlarven. Zuviel Hoffnung sollte man sich allerdings nicht machen – selbst wenn man nicht wie beispielsweise der Wirtschaftsnobelpreisträger Krugman der Ansicht ist, dass der jetzt vorgeschlagene Ansatz nicht genug ist. Schließlich ist auch der Einfluss der us-amerikanischen Finanzindustrie, welche vor kurzem noch ca. 40% der Gewinne verbuchte, nicht über Nacht verschwunden. Und da es bisher nicht zu einer ausgewachsenen realwirtschaftlichen Depression kam, dürfte auch ein fehlgeleiteter Liberalismus, der nach wie vor „Markt“ schlicht mit „Freiheit“ gleichsetzt in der dortigen öffentlichen Debatte nach wie vor eine spürbare Rolle spielen.
Im Gegensatz zu den hiesigen Entwicklungen ist dort jedoch jetzt ein konkreter Ansatz auf dem Tisch, der den Unmut der Finanzbranche erregt und auch schon deshalb zumindest einigermaßen vielversprechend scheint. Die beste Hoffnung auf eine politische Reaktion, welche derartige Finanzkatastrophen in Zukunft ausschließt sind deshalb die USA. Was die hiesigen Eliten produzieren, lässt bestenfalls Passivität in der Hoffnung den Handlungsdruck aussitzen zu können, mit höherer Wahrscheinlichkeit aber Obstruktion erwarten. Und genau darauf setzen die Profiteure der Missstände und Verursacher der Krise.
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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