Daniel Schneider

Blog von Daniel Schneider

08.09.2010 | 15:31

Gedanken angesichts der heftigen Erregung um Thilo Sarrazin

1. Es hat mir wehgetan, bei der Buchvorstellung Thilo Sarrazin Necla Kelek an seiner Seite zu entdecken. Ich habe diese tapfere Frau bei einer Diskussion mit dem Berliner Bischof Wolfgang Huber kennengelernt. Ihre Bücher schildern anschaulich die Probleme im Immigrantenmilieu und ich habe durch die Lektüre viel gelernt. Eine Anekdote in ihrem ersten Buch hat mich sehr berührt. Sie erzählt, dass ihr die gewerkschaftliche Bildungsarbeit viel geholfen hat. Oft ging man nach den Schulungen ein Bier trinken. Keiner fragte nach, warum sie nicht mitging. Sie hätte antworten müssen: "weil ich kein Geld habe!". So wenig wach war man selbst im linken Milieu, wo oft und gerne die internationale Solidarität beschworen wird.

Denkfaulheit und Arroganz erlebt Necla Kelek bis heute. Die Vertreter orthodoxer islamischer Gruppen finden sie und ihre Ansichten unsympathisch. Aber auch die Gut-Menschen sind nicht gut auf sie zu sprechen. Einmal bedrängte sie und andere türkische Frauenrechtlerinnen eine bekannte, grüne Integrationsbeauftragte. Lautstark machten sie auf die in der Türkei geduldete Zwangsheirat aufmerksam. Die Angesprochene reagierte heftig: "Bringen Sie mir Beweise! Bringen Sie mir Beweise!"

Offensichtlich hatte sie sich bisher nicht mit der Situation türkischer Mädchen auseinandergesetzt. Vielleicht sah sie ihre Aufgabe darin, in der Öffentlichkeit die Lebenswelt der Immigranten schön zu reden.
Viele Multi-Kulti-Leute teilen diesen Wunsch. Das Immigrantenmilieu wird romantisiert, die entstandene Parallelgesellschaft ignoriert.

Trotzdem ist es bitter, dass sich Necla Kelek ausgerechnet von dem Zusammenschluss mit dem eifernden Thilo Sarrazin mehr Unterstützung für ihre Anliegen erhofft.

2. Ich kam 1968 nach Westberlin. Damals gab es an den Straßen noch keine Obst- oder Gemüsestände. Sie waren aus hygienischen Gründen verboten. Auf den Märkten war es nicht erlaubt, etwas anzufassen. Türkische Frauen waren aus ihrer Heimat anderes gewohnt. Ganz selbstverständlich überzeugten sie sich durch betasten von der Qualität einer Tomate oder Zucchini. Jahrelang kämpften die Behörden mit Abmahnungen, Geldstrafen und Polizeieinsätzen gegen die drohende Anarchie. Die Zugewanderten haben sich als zäher erwiesen. Dank ihrer Lebensart ist Berlin farbiger und sinnenfroher geworden.

3. Vorurteile sind nicht wahr oder falsch. Fast jedes enthält einen richtigen Kern, der aber von seinem Vertreter oft (maßlos) dramatisiert wird. Natürlich gibt es Missbrauch im Hartz-4-Milieu wie es Reiche gibt, die ihr Vermögen an der Steuer vorbei ins Ausland schaffen. Natürlich wird im vietnamesischen Milieu mehr auf Bildung geachtet als in türkischen Zuwandererfamilien. Dieser Hinweis unterschlägt, dass nicht wenige türkische Männer der ersten Generation noch Analphabeten waren. Sie waren mit ihrer Arbeitskraft trotzdem hochwillkommen.

Als bildungsfern wurden vor vierzig Jahren auch deutsche Arbeiter oder auf dem Land lebende Katholiken eingestuft. Damals wurden Bildung und Ausbildung kritisch überprüft, zahlreiche neue Bildungseinrichtungen geschaffen. Vielen aus diesen benachteiligten Milieus ist der Aufstieg geglückt.

Aktuelle Untersuchungen verweisen auf neue Probleme. Nicht nur unqualifizierte Türken, sondern immer mehr gut Qualifizierte müssen um einen sicheren und ordentlich bezahlten Arbeitsplatz kämpfen. Auch mit Bildung kann man inzwischen auf der Strecke bleiben.

4. Banker müssen vielleicht eine magische, ja erotische Beziehung zu Zahlen haben. Deshalb ist es sicher kein Zufall, dass Thilo Sarrazin seine düsteren Visionen mit Statistiken zu belegen hofft. Er beruft sich auf die demographische Entwicklung. Die Demographie hat sich Ende des 18. Jahrhundert als Folge eines neuen Krisenbewusstseins entwickelt. In diesem Jahrhundert ging dank besserer hygienischer Verhältnisse und des medizinischen Fortschritts die Kindersterblichkeit deutlich zurück. Statt sich über diesen Fortschritt zu freuen, entwickelten die wohlhabendn Schichten, in denen weniger Kinder geboren wurden, Überwältigungsängste. Sie fühlten sich in ihrem Reichtum durch die armen und kinderreichen Familien, die noch immer die Mehrheit bildeten, bedroht.

Die Demographie schien mit ihrem Zahlenmaterial ihre Befürchtung als berechtigt zu belegen. Ihre Vertreter warnten vor einem "Volk ohne Raum". Was die Statistik belegt, ist, dass mit steigendem Wohlstand die Gebärfreudigkeit der Frauen abnimmt. Also wäre es vernünftiger gewesen, möglichst viele an der Wohlstandsentwicklung teilhaben zu lassen, als immer neue Ängste zu entwickeln. Dazu aber waren die Reichen nicht bereit.


Thilo Sarrazin malt nun ein Deutschland, in dem die Deutschen immer älter werden und schließlich aussterben. In dieses Vakuum drängen Türken und araber , die zwar dumm, aber potent sind. Der pessimistische Prophet scheint keine allzu guten Erfahrungen mit seiner Potenz gemacht zu haben.

Unabhängig davon, Ob die Bevölkerungszahlen ab- oder zunehmen: die Zunft der Demographen wittert immer eine neue Katastrophe. So wurden wir in den sechziger Jahren gewarnt: wenn in dem alten Europa die Lust, Kinder zu bekommen, noch weiter abnimmt, wird dieser schöne Kontinent irgendwann einmal von den chinesischen Massen überrollt werden.

5. Gott sei Dank steht es um unser armes Deutschland nicht so schlecht, wie es unsere Agitatoren ausmalen. Natürlich muss über die Verwahrlosung der Arbeitsverhältnisse und über die Umverteilung der Vermögen von unten nach oben nachgedacht werden. Rot-Grün hat durch manche Reform diese Entwicklung beschleunigt. Nach dem mit der Atomindustrie ausgehandelten Ausstieg wagte dieses Bündnis nicht mehr, die Machtkonzentration im Energiebereich auch nur zu problematisieren. Jetzt, in der Opposition, wird das Mann-Weib Angela Merkel aufgefordert, die Energieriesen in die Knie zu zwingen. RWE hat allen Grund, weiter zu schmunzeln.

Auch im Immigrationsbereich ist vieles in Bewegung gekommen. Ich denke nur an Neukölln mit seinem rührigen Bürgermeister und jener engagierten Richterin, die sich leider das Leben genommen hat.

Auch Thilo Sarrazin hat sicher seine Verdienste. Er hat Mut bewiesen, als er das undankbare Amt des Finanzministers im tief verschuldeten Berlin annahm. Im Gegensatz zu Oskar Lafontaine hat er sich nicht nach ein paar Wochen wieder aus dem Staub gemacht. Gemessen an seinem Einsatz war die Anerkennung sicher mäßig. Hinter all seinem Wüten ist immer auch ein tief verletzter Mensch zu hören.

 
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Kommentare
Skepsis schrieb am 08.09.2010 um 16:09
Ja, als Dank für die Unterstützung von Sarrazin hat die BILD-Zeitung Necla Kelek gleich (schlagzeilenmäßig) ausgebürgert und wieder zu einer Türkin gemacht.

Siehe
www.bild.de/BILD/politik/2010/09/07/thilo-sarrazin-necla-kelek/diese-tuerkin-ist-sein-groesster-fan.html
Exilant schrieb am 08.09.2010 um 16:19
Jetzt weiß ich, was ein "konservativer Anarchist" ist
BanaBab schrieb am 09.09.2010 um 09:40
Ein bischen konservativ, etwas Anarchist, etwas nachdenklich, etwas links, etwas abwägend, etwas pragmatisch, so schlecht ist die Mischung nicht. Danke für den Artikel. Und Necla Kelek hätte es leichter wenn ihr auch von hiesigen Kreisen einfach zugehört würde auch wenn der Beistand für Sarrazin irritierend sein mag. Wer will zum jetzigen Zeitpunkt behaupten dass sie wirklich falsch liegt?
B.V. schrieb am 09.09.2010 um 18:08
Ich sehe keinen Grund, warum Necla Kelek und Thilo Sarrazin nicht gemeinsam auftreten sollten.
Ansonsten ein sehr lesenswerter, differenzierter und nachdenklicher Text von Daniel Schneider. Habe ich gerne gelesen.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 11.09.2010 um 21:18
Danke für diese historische Verortung der Diskussion. Vieles was sie in dem Text schreiben kann ich gut nachvollziehen.
Zu Necla Kelec möchte ich noch anmerken, dass sie sich um den feministischen Diskurs im Migrantenmileu verdient gemacht haben mag. Leider wird sie dann natürlich von Leuten in die Öffentlichkeit gezerrt, die einen antiislamischen und rassistischen Diskurs führen wollen und sagt dann genau was diese Leute hören wollen. Sie tingelt ja wohl schon länger von Talkshow zu Talkshow und von Podium zu Podium und wird überall vor die Kamera gezerrt, was ihr ja aber auch zu gefallen scheint und sie mir nicht unbedingt sympathischer macht.
Daniel Schneider
Dr. Daniel Schneider ( Jahrgang 1944 ), konservativer Anarchist, Studium der Pädagogik, Soziologie und Psychologie, Erfahrungen u.a. in der Lehrerausbildung und der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit, viel herumzigeunert, kurze U-Haft in Stuttgart-Stammheim.
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