Die Systeme Manfred Schmidt oder Moritz Hunzinger legen die Verführbarkeit eines Teils der politischen Klasse mit materiellen Gütern offen. Dies zieht sich quer durch alle Parteien. Betroffen sind vor allem Aufsteiger, die zur "High Society" gehören wollen. Getarnt werden die Verbindungen unter der Chiffre der "Freundschaft".
Kleine Gefälligkeiten erhalten die Freundschaft
Die Freundschaft ist ein von Sympathie und Vertrauen getragenes Verhältnis zweier Menschen, in dem geschäftliche Verbindungen idealerweise ausgeklammert werden. Es ist üblich, dass Freunde sich untereinander zur Hilfe kommen, sei es, dass ein Umzug stattfindet, eine Reparatur eines Autos ansteht oder man sich wechselseitig zum Essen einlädt, um die Wertschätzung der Freundschaft nach außen sichtbar zu machen.
Schon Freundschaften, die in aller Öffentlichkeit von Prominenten geschlossen werden, tragen häufig den Makel eines wirtschaftlichen Zwecks an sich. So, wenn sich zwei Künstler zusammenfinden um ein gemeinsames Musikprojekt anzustoßen, kann schon von Anbeginn der Zusammenarbeit das Damokles-Schwert, das böse Unwort von der Public Relation -kurz PR- über ihnen schweben.
Nicht immer, aber schon in einer Vielzahl der Fälle sind die geschlossenen Freundschaften Zweckbündnisse, um in der Öffentlichkeit wirtschaftliche und gesellschaftliche Ziele voranzubringen. Mit Freundschaft, wie sie von den meisten Menschen im Privaten erfahren werden, hat das dann nicht mehr viel gemein.
Die Freundschaft ist das Symbol für Natürliches - Die PR steht für künstlich Erzeugtes
Gerade weil die Freundschaft von Vertrauen und Sympathie getragen ist, wird sie von vielen als natürliche, unprätentiöse und leichte Verbindung angesehen, die, je tiefer sie geht, desto mehr Achtung von den Beteiligten erfährt. Sie dient keinem übergeordneten Ziel, sondern lebt aus ihr selbst heraus. Eine Zweckentfremdung ist dann erkennbar, wenn überhaupt erst ein Zweck angelegt wird. Sobald PR-Maschinerien angeworfen werden, kann das Natürliche nicht aufrechterhalten werden, es entgleitet ins Künstliche, ins Planvolle, in eine Zweckgemeinschaft.
Die Systeme Manfred Schmidt und Moritz Hunzinger stehen für die PR-Freundschaften, diese Zweckbündnisse auf Zeit, in der die Beteiligten einander durchaus Respekt entgegenbringen können, allerdings der jeweilige eigene Vorteil fester Bestandteil dieser Art Beziehungen ist. Eine vertrauliche Basis erscheint in diesen Verhältnissen nur schwer vorstellbar.
Politik und Public Relations: ein "duo infernale"
PR-Leute, die Politiker als ihre Klienten gewinnen wollen, bauen Illusionen auf. Zum einen wuchern sie mephistogleich mit den Möglichkeiten des Aufstiegs, die sie ihren Klienten anbieten können und zum anderen ummanteln PR-Leute ihr Angebot mit der Illusion der natürlichen, unprätentiösen und leichten Verbindung. Sie etikettieren dies als freundschaftliche Verbundenheit. Die Zielgruppe von PR-Leuten ist recht einfach herauszukristallisieren, es sind die Aufsteiger der politischen Klasse. Es sind solche, die kraft ihrer Herkunft keinen Zutritt zur glamourösen Welt der High Society haben.
Die professionellen PR-Agenturen halten die Schlüssel zum Eingang in diese Welt in den Händen und sind bereit sie denjenigen auszuhändigen, die durch den politischen Aufstieg bereits parteipolitische Positionen oder Mandate in den Parlamenten innehaben und so -quid pro quo- politischen Einfluss als Zahlungsmittel auf den Tisch legen können. Hier müsste eigentlich jedem politischen Funktionär klar sein, dass dieses Verhältnis weit von der Defintion einer Freundschaft entfernt ist und eine solche Vereinnahme durch PR-Leute schnell an den Rand der Abhängigkeit führen.
Das verbindende Element zwischen Manfred Schmidt und Moritz Hunzinger: Cem Özdemir
Einen klassischen Aufsteiger der oben beschriebenen Art stellt Cem Özdemir von der Partei Bündnis 90/Die Grünen dar. Er hat sich 1999 von Moritz Hunzinger anwerben und freundschaftliche Verbundenheit vorgaukeln lassen, indem er sich einen zinsgünstigen Privatkredit in Höhe von DM 80.000,- (ca. € 40.900,-) gewähren ließ. Als im Zuge der Hunzinger-Affäre 2002 auch noch die Bonusmeilen-Affäre hinzukam, gab Özdemir vermeintlich reumütig sein Bundestagsmandat und alle Funktionen in der Partei ab. Zwei Jahre in den USA verweilend, war die Übernahme eines Mandats im Europäischen Parlament 2004 gemeinhin als Verlängerung seiner "Katharsis" angesehen worden.
Nach der Bundestagswahl 2009 übernahm ein scheinbar geläuterter Cem Özdemir zusammen mit Claudia Roth den Parteivorsitz der Grünen. Im Zuge der Wulff-Affäre ist in den letzten Wochen der Partyveranstalter Manfred Schmidt in den Fokus der Öffentlichkeit geraten. Nach einiger Recherchezeit sind sich Kurt Beck, der sich kurzer Hand zu einer Veranstaltung Manfred Schmidts mit einem von ihm gecharterten Privatjet hat fliegen lassen, und wiederum Cem Özdemir Vorwürfen der Vereinnahme durch den PR-Menschen Schmidt ausgesetzt.
Cem Özdemir hat sich in Barcelona quasi zum Fußballspiel (FC Barcelona - Real Madrid) ins Stadion einladen lassen. Selbst wenn Özdemir bestreitet, gewusst zu haben, dass Herr Schmidt ihm nicht die Gesamtkosten der Eintrittskarte in Rechnung gestellt hat, liegt hier dennoch der böse Anschein in der Luft, den gerade Özdemir aus seiner eigenen Biografie hätte stärker wahrnehmen müssen.
Hier bleibt der Eindruck zurück, dass eine wirkliche Läuterung nicht stattgefunden hat und der Drang zu den "Großen" dazuzugehören doch stärker ist, als vielleicht die Hinblicknahme darauf, dass solcherlei Verbindungen die politische Hygiene gefährden. Ausgerechnet der Vorsitzende einer Partei, die einst gegen die Etablierten zu Felde gezogen ist. Nicht von ungefähr ist diese Entwicklung eine Teilbegründung für den rasanten Aufstieg der Piratenpartei, die derlei Klüngeln und "freundschaftlichen" Verbindungen mit einer strikten Transparenz- und Informationspolitik den Kampf angesagt hat.
Politiker, die sich auf den Pakt mit der PR einlassen, die sich Mephisto bereitwillig andienen, sollten berücksichtigen, dass dahinter kein Sachzwang und schon gar nicht das wohlige Gefühl freundschaftlicher Verbundenheit steckt, sondern der Einstieg in graue Gefilde, die leicht die Unabhängigkeit politischer Funktionsträger aufheben können.
Wer sich auf Kontrakte dieser Art einlässt, weiß was er tut und versucht sich lediglich unter dem Deckmantel der "Freundschaft" Sand in die Augen zu streuen.
Hinweis: In einer früheren Version war der Zeitpunkt der Aufnahme und die Höhe des Kredits von Cem Özdemir nicht richtig angegeben, nach Hinweis von Achtermann sind die Angaben korrigiert. -DM