David B.

Die Brücke in den Süden

07.03.2011 | 09:09

Hektor und seine Brüder

Das Werk des "Totengräbers" des deutschsprachigen Südtirol sorgt immer noch für Diskussionen.

In Rovereto bei Trient trägt heute noch eine Straße den Namen des glühenden Faschisten. Als ich vor einiger Zeit Rovereto besuchte, kam ich in eine Seitenstraße in Zentrumsnähe, deren Namen "via Tolomei" mir ins Auge fiel. Sofort dachte ich an Ettore Tolomei, Senator des italienischen Königreiches, der bekanntlich hier in Rovereto das Licht der Welt erblickte. Für die deutschsprachige Minderheit in Südtirol gehört Tolomei fast schon auf die gleiche Ebene wie Hitler oder Mussolini, hat er doch mit seinem ultranationalistischen Programm unter dem Faschismus versucht, die deutsche Sprache und Kultur in Trentino-Südtirol auszurotten und das Land zu italienisieren. Eine ethnische Säuberung, die zwar nicht durch Gewalt an Menschen, doch durch Gewalt an ihrer sprachlichen und auch kulturellen Identität und später, dank Kooperation mit Hitlers Drittem Reich durch Umsiedelung (Option) geschafft werden sollte. Tolomei hat dieses Ziel nicht einmal annähernd erreicht - trotzdem ist die "kulturelle Vergewaltigung" der deutschsprachigen Minderheit im italienischen Königreich Ursache für Konflikte und Missverständnisse geworden.

Im demokratischen Italien der Nachkriegsjahre war der passionierte Alpinist Tolomei zwar nicht mehr an den Hebeln der Macht, doch er durfte immer noch als Vizepräsident der Dante-Alighieri-Gesellschaft arbeiten. Auch heute noch bestimmt Tolomeis Werk die politische Debatte in Südtirol. Es geht um Tausende von Orts- und Flurnamen, die Tolomei zu Beginn des 20. Jh. aufgezeichnet hatte, um damit die "italienische Identität" Trentino-Südtirols zu untermauern. Dafür hat Tolomei in Archiven nach alten, romanischen Orts- und Flurnamen gesucht und somit historische Bezeichnungen recherchiert. In zahlreichen Fällen wurde er aber nicht fündig, besonders dort, wo es keine romanischen Siedlungen gegeben hatte - und so übersetzte er und erfand neue, teils seltsam klingende Toponyme, fälschte und verdrehte Tatsachen. Tolomeis Anwesenheit in Versailles, glauben viele Südtiroler, habe außerdem dazu beigetragen, dass das Gebiet trotz deutscher Sprache und Kultur Italien zugesprochen wurde. Es ist allerdings eher davon auszugehen, das andere Überlegungen der USA, insbesondere die Notwendigkeit eines Ausgleichs für den territorialen Verlust Italiens zugunsten von Jugoslawien, zu dieser Entscheidung geführt hatten und Tolomeis Auftritte von den Siegermächten nicht Ernst genommen wurden.

Zurück nach Rovereto. Die Straße, um die es geht, ist nicht Ettore Tolomei gewidmet, sondern den Tolomei-Brüdern (Fratelli Tolomei). Mir ist es nicht gelungen, zweifelsfrei herauszufinden, ob es sich dabei um die Halbbrüder Cleopatras handelt, oder um Ettore, Arnaldo und Ferruccio. Letzteres scheint eher mit Rovereto in Zusammenhang zu stehen und dürfte somit der Wahrheit entsprechen. Auf jeden Fall wäre es kein Fehler, wenn die Stadt Rovereto sich Gedanken darüber machen würde, wie sie mit diesem "belasteten Erbe" umgeht.

 
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David B.
Ansichten aus Südtirol, dem nördlichsten Fleck Italiens, an dem sich die deutsche und die italienische Sprache und Kultur treffen.
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