Dennis82

Passierschein A38

03.10.2009 | 19:34

Linksruck reloaded

Wer den Bericht in der FR - www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/1989590_Steinmeier-und-Matschie-warnen-vor-Linksruck.html - gelesen hat, kann eigentlich nur noch an der geistigen Zurechnungsfähigkeit von Steinmeier und Matschie zweifeln.

 

"Wenn die SPD künftig nur noch die Interessen eines Teils der Gesellschaft vertrete, sinke sie ab zur Klientelpartei. Die SPD muss Volkspartei bleiben."

 

Herr Steinmeier, die SPD vertritt seit der Agenda nur noch die Interessen eines Teils - dem der Wirtschaft, der Reichen und derer, die sich für Leistungsträger halten - und daher ist sie eine Klientelpartei; eine, die ihre historisch gewachsene eigene Klientel eiskalt verraten hat. Volkspartei ist sie daher auch schon lange nicht mehr, wie die Wahlergebnisse seit Jahren verdeutlichen.

 

"Steinmeier verwies darauf, dass die SPD bei der Bundestagswahl fast 1,4 Millionen Wähler an Union und FDP verloren hat."

 

Die über 2 Mio, die zur Linken und in die Wahlenthaltung flohen, erwähnt er nicht. So wird aber wieder deutlich, um welche Klientel Steinmeier ausschließlich wirbt - nicht um die Ausgegrenzten, die Arbeitslosen, die Schwachen - sondern um die "bürgerlichen" Unions- und FDP-Wähler.

 

"Wir haben sie nicht überzeugen können, dass die SPD heute auch für wirtschaftlichen Fortschritt steht."

 

Diese Menschen wählen nun einmal lieber das Original als eine schlechte Kopie.

 

Die SPD müsse klarmachen, dass sie die erste Adresse für soziale Gerechtigkeit sei, schreibt Steinmeier weiter. "Wir verbinden das Soziale mit dem wirtschaftlich Vernünftigen besser als jede andere politische Kraft."

 

Schon klar, Herr Steinmeier. Mal wieder das altbekanne Kommunikationsproblem; dass eben die Menschen nur zu dumm sind, zu verstehen dass die Agenda-Politik nur zu Gunsten der Arbeitslosen und lohnabhängigen Arbeitnehmern erfolgt ist. Dass gerade dieses "wirtschatlich Vernünftige" nichts anderes war, als das durchprügeln neoliberaler Reformen - und daher bei den ehemaligen SPD-Wählern nur noch Ekel und Abscheu auslöst, ist verständlich. Und wo denn das Soziale, von dem Steinmeier spricht, geblieben ist, fragen sich auch viele, die nicht mehr SPD wählen.

 

"Nun sei es wichtig, sich als Volkspartei zu profilieren, die die Spaltung der Gesellschaft in Resignierte und Abgehängte, in zornige Protestwähler und zynische Egoisten des individuellen Erfolgs verhindere."

 

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Die Partei, die die einschneidensten Sozialabbaureformen der Geschichte dieses Landes durchgeführt hat und in deren Regierungsverantwortung die Spaltung von Arm und Reich ein neues Rekordniveau erreicht hat; die unzählige Menschen in die Resignation getrieben hat; die durch die Hartz-Reformen unzählige Individuen vom normalen gesellschaftlichen Leben abgehängt hat - deren Parteivorsitzender ist in der Lage, derart zynische Reden zu halten. Und was war nochmal das Leitbild aller Reformen? Der Wettbewerb, die Eigenverantwortung, die Schaffung einer Ellenbogengesellschaft, in der sich nur der durchsetzt, der zynisch genug ist, ohne Skrupel jedes Mittel anzuwenden, welches nötig ist um nach oben zu kommen.

 

Über die hanebüchenen Äußerungen Matschie’s brauche ich kein Wort mehr zu verlieren. Diese Partei wird untergehen - und dass zurecht, niemand wird ihr eine Träne nachweinen. Auch wegen Umfrageergebnissen wie diesen hier, die zeigen, dass die vielbeschworene Basis, auf die einige Kommentatoren ihre Hoffnungen auf einen Politikwechsel gründen, genauso verblendet und realitätsresistent ist wie die Parteispitze:

 

"Bei einer Erhebung der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen waren 56 Prozent der Befragten dagegen, dass die SPD stärker mit der Linken zusammenarbeitet, 36 Prozent dafür. Bei den SPD-Anhängern ist der Abstand etwas geringer: 51 Prozent sind dagegen, 44 Prozent dafür."

 
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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 03.10.2009 um 22:37
Die Probleme der SPD gut auf den Punkt gebracht.
Eine Lösung sehe ich da zur Zeit auch nicht.
Die brauchen wirklich Zeit.
Super-Blog! Danke!
I.D.A. Liszt schrieb am 04.10.2009 um 00:19
Ein klasse Blog-Beitrag.

Die Parteiführung der SPD ist ein wenig wie die Tanzkapelle auf der "Titanic", die auch bis zum Untergang fröhliche Weisen gespielt aht, nicht wahr?

Auf der andeen Seite kann man es auch so interpretieren, daß die SPD-Führung eben s e h r deutsch ist: Da gab es schon mal eine Partei, die viele Menschen in den Untergang gerissen oder geschickt hat, un deren "Führungs"personal bis zum Schluß an den Endsieg glaubte.
ChristianBerlin schrieb am 04.10.2009 um 01:23
@I.D.A. Liszt

Ich halte den Führer-Vergleich für unangemessen. Eher passt der Sohn aus den "Eingeschlossenen" von Sartre, der unbelehre Gefolgsmann, der noch nach Jahre dem Tod des Führers an den Endsieg glaubt.

Ein "Beta-Tier" wie Steinmeier (F.A.S.) hat keine echten Führungsqualitäten (ich weiß, die hatte jemand anders angeblich auch nicht...). So jemand braucht über sich jemand anderen, bislang waren das entweder Angie oder Gerd. An letzteren klammerte er sich ja wieder, als er sich von Angie als deren Gegenkandidat losnabeln musste - jedem fiel auf, dass seine Stimme von da an anders klang, wenn man seine Augen zumachte, sah man wieder Schröder vor sich.

Im Unterschied zum "Basta"-Kanzler ist er jedoch jemand, der lieber verwalten als gestalten würde. Und das geht leichter als Junior-Partner der CDU denn als Junior der Linken und dann auch noch mit den Grünen an Bord. Da gäbe es Erfolgszwang, müsste gestaltet werden (auch wenn der bei rotrot bekanntlich nicht immer eingelöst wurde).

Und an seiner Stelle würde ich auch nie vergessen, wer und was mich an die Spitze der SPD gebracht hat: Die eigenen Genossen waren es nicht. Sie wären auf diese Idee nie gekommen. Ins Zentrum der macht geholt hatte den Getreuen sein Gönner Schröder höchstselbst - noch überboten durch die CDU-Kanzlerin, die diesen braven Gefolgsmann so gerne als Außenminister sehen wollte.

Deshalb ist er ihr treu wie Gold - der Kanzlerin, nicht seiner Partei. Mal sehen, ob letztere ihm genauso treu weiterhin folgen wird; noch hatte die Basis keine Chance, überhaupt mitzureden, ob sie ihn nach der Schlappe weiterhin an der Spitze will.

Mit Äußerungen wie den zitierten glaubt er vermutlich Führungsstärke zu beweisen. Das gelingt aber nur, solange niemand durchschaut, wohin er da führt. Kann das überhaupt noch jemand übersehen, wenn schon der Mainstream es spöttelnd ausspricht?
Dennis82
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