Dennis82

Passierschein A38

02.11.2011 | 15:25

Neusprech "sparen"

Wenn ich mir eines doch so sehr wünsche zur Zeit, dann dass es unsere fleißigen Propagandaschleudern, ähm, Qualitätsjournalisten sich doch bitte uns und sich zukünftig sparen, ständig in Bezug zu Griechenland oder der so genannten Eurokrise das arme, unschuldige, inflationär verwendete Wort "sparen" so zu vergewaltigen, dass man es nur noch mit brutaler Austeritätspolitik der Marke Brüning und als Inbegriff vollendeter neoliberaler Schockstrategie in Verbindung bringt.

Dabei hat verbinden die allermeisten "Sparen" wie mit etwas positivem. Mit einem lustigen rosa Sparschwein mit Kringelschwanz. Die Erinnerungen an das erste Gokart, was man sich mit mühsam zusammengespart hat. An die kleinen Geschenke, die man vom netten Mann am Schalter bekam, wenn man bei der Sparkasse am Weltspartag seine Sparbüchse ausgeleert hat...

Doch was hat dies noch mit dem "sparen" zu tun, welches uns tagtäglich um die Ohren gehauen wird? Nichts. Es geht um brutale Ausgabenkürzungen. Zuerst in Griechenland, dann überall. Und wie in Orwell's 1984 nennt man "brutales kürzen" einfach um in "sparen". Verkünder ist diesmal das Ministerium für Liebe, oder anders: die Versammlung der EU-Regierungschefs.

Ich kann es wirklich nicht mehr hören! Jeden Tag, wenn ich mit dem Auto länger unterwegs bin und im Radio die strunzdoofe Sprecherin wie ein plappernder Papagei mal wieder vom "sparen" redet muss ich froh sein, das Lenkrad nicht zu verreißen. Auch heute wieder. Der faule Grieche ist also auch noch gegenüber "uns" (vorbildlichen Europäern) so undankbar und will tatsächlich demokratisch darüber abstimmen, was sich die neoliberal ausgerichteten Staatschefs und die Troika so an schönen "Sparvorschlägen" ausgedacht haben. Was nichts anderes bedeutet, als die katastrophale Austeritätspolitik des Kaputtsparens weiter ohne jegliche Beachtung des Volkswillens und der Erfahrungen aus den vergangenen 3 Jahren. Und einfach die Souveränität der griechischen Bevölkerung zu missachten.

Erschreckend ist, welch Maß an Verachtung infolge der nur noch als wahnhaft zu bezeichnenden Markthörigkeit gegenüber originär demokratischen Verfahren hervortritt. "Die Märkte" reagieren mal wieder entsetzt, die Börsen stürzen ab. Weil der Raffgier eines finanzkapitalistischen Systems plötzlich ganz unvorbereitet die Demokratie im Wege steht. Und "das System" welches nur einer extrem kleinen Minderheit dient, weiß, wie es um die Erfolgsaussichten steht, wenn die Mehrheit gefragt wird. Ist ein System, welches solche Wirkmechanismen enfaltet eigentlich überhaupt noch wert, erhalten zu werden? Sollten solche Reaktionen nicht genau der Beweis dafür sein, ein solches System sofort zu überwinden?

Scheinbar nicht. Ob nun bei Rating-Agenten, Politikern oder Journalisten: "Die Griechen" sind offenbar keine Menschen mehr mit demokratischen Rechten, sondern nur noch eine faule, undankbare Masse über die frei verfügt werden kann. Sie sind der Sündenbock für alles schlechte dieser Welt, sie sollen Dinge ertragen und abnicken - widerspruchslos und ohne Stimmrecht - die jeden, der davon betroffen wäre genauso wütend machen würde.

Und nicht begreifend, dass wir auf lange Sicht alle "faule Griechen" sind, wenn es die Gottheiten der "Märkte" so wollen und ihre Orakel es verkünden - und das nächste Blutopfer gefordert wird, um diese zu besänftigen.

 
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Kommentare
langweiler schrieb am 02.11.2011 um 17:09
Der Begriff "Sparen" ist an Euphemismus nicht übertreffen.

lt. wikipedia ist sparen:
Sparen ist das Zurücklegen momentan freier Mittel zur späteren Verwendung. Häufig wird durch wiederholte Rücklage über längere Zeit ein Betrag aufsummiert, der dann für eine größere Anschaffung verwendet werden kann.

Hier geht es um Sozialabbau und Kürzung. Aber Sparen ist positiv konnotiert.
Wenn etwas oft genug wiederholt wird, wird es irgendwann nicht mehr hinterfragt und somit zur Wahrheit.
1984 lässt grüßen: Neusprech, Überwachung den Rest spare ich mir.
Dennis82 schrieb am 02.11.2011 um 17:46
OT: An der Stelle mal eine kleine Erklärung für den seltsamen Wortsalat an manchen Stellen des Textes: Ich habe schon längere Zeit extreme Probleme mit der Texteingabe hier in diesem Blog. Texte reinkopieren funktioniert gar nicht, bei Edits oder Formatierungsversuchen gerät dann wegen falsch positioniertem Cursor dann gerne mal einiges durcheinander... Jemand ne Idee, wie man dieses Problem lösen kann?
h.yuren schrieb am 02.11.2011 um 18:19
hallo, dennis82, du fragst nach behebung deiner eingabefehler.
reinkopieren geht durchaus, hab ich mehrfach angewandt.
ich schreib einen längeren text z.b. bei google text und tabellen. den kann ich dann ohne probleme hier reinkopieren.
das hab ich mir angewöhnt, nachdem sich ein halbfertiger text plötzlich verabschiedete auf nimmerwiedersehn.
bestimmt gibt es noch andere sichere wege. dies ist (m)einer.
chrislow schrieb am 03.11.2011 um 17:16
Ich schreibe Text immer auf dem Desktop - und nicht im Web. Benutze dazu doch einen simplen Texteditor - geht schnell und braucht kaum Speicherplatz.
Dennis82 schrieb am 03.11.2011 um 20:32
Danke, (das mache ich ja immer so) aber genau das funktioniert ja auch nicht. Kopiere ich Text ins Fenster, kann ich ihn nicht editieren, weil ich ihn nicht mal auswählen kann. Auch der Cursor lässt sich nicht setzen, es ist im Textfenster dann alles blockiert. Sende ich ihn ab, erhalte ich ne Fehlermeldung, dass mein Text 0 Zeichen enthielte...

Momentan behelfe ich mir bei größeren Texten eben, indem ich den Laptop hochfahre - bei dem aber auch nicht alles reibungslos funktioniert!
GEBE schrieb am 02.11.2011 um 18:09
Altes deutsches Sprichwort:

"Wer spart in der Zeit bringt andre in Not."
GeroSteiner schrieb am 02.11.2011 um 19:25
Guter Beitrag.

So ähnlich, wie sich durch das Anhalten einer Uhr Zeit sparen lässt, können wir sparen, wenn wir schon mal per se wenig Geld haben.
Wir können auch so lange sparen, bis auch die anderen kein Geld mehr haben. Denn Sparen ist auch ein bißchen wie Sterben. Denken wir an den "kleinen Tod" (La petite mort) sollten wir auch rein klimakterisch noch mehr sparen. Denn nur das Sterben schenkt uns die Möglichkeit, irgendwann bis in die Unendlichkeit zu sparen.

Wie aber wollen wir dann reich werden?
Indem wir uns die Steuern sparen. Das wäre mal ein Anfang...
Dennis82
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