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Ich liebe Traditionen, bin dem Neuen oft skeptisch gegenüber, ob es auch besser ist als das alte. Mich interessiert die Tragik des Niedergangs mehr, als die Geschichte des Triumphes. Ich bin Fan des FC Liverpools, weil ich als Kind mal die Geschichte des Matches 1965 gegen den damals unschlagbaren Inter Mailnd las. Wie Leidenschaft die hochbezahlten Profis aus Italien hinwegspülte.
Noch heute fasziniert mich, wie inbrünstig die Fans des FC Liverpool ihre Geschichte leben, all jährlich zu beobachten am Jahrestag der Katastrophe von Hillsborough.
In den letzten Monaten war immer wieder der angebliche Niedergang des Vereins aus einstigen Höhen (Champions League-Sieger 2005) in den Medien ausgeschlachtet worden. Zwei Heuschrecken aus Amerika, Mister Gillet und Mister Hicks hatten der Klub 2007 gekauft, ihre Schulden auf den Verein übertragen, also das übliche Globalisierungsfolgen-Heuschrecken-Drama. Viele Firmen in Deutschland hatten das schon erlebt, Namen die deutsche Wirtschaftsgeschichte geschrieben hatten. Und auch hier wurde der Untergang von Traditionen infolge der brutalen Globalisierung beweint.
Anhand des sportlichen Niedergangs des FC Liverpool ist aber sehr genau zu beobachten, dass nicht Globalisierung, Renditedenken oder gar böse Heuschrecken das Problem sind.
Als leidenschaftlicher Fan des Klubs tut mir auch das Herz weh, wenn ich die Quälerei der Mannschaft sehe. Die unklare Eigentümerfrage , das Zurschaustellen für neue Eigentümer, all das verursacht mir angesichts der stolzen Geschichte des Vereins schiere Schmerzen!
Früher, als Kind und JUgendlicher, harrte ich immer auf das Sportecho vom Dienstag. In der Dienstagausgabe wurde ausführlich über den internationalen Fussball berichtet, mit Tabellen und Spielergebnissen.
Sonntags in der Sportschau gab es selten mal Auschnitte von der englischen Liga.
Was blieb, waren die alle 4 Jahre erschienen Fussball-Bücher des Sportverlags.
Und doch blieb ich immer Fan! Ohne Videotext, ohne Internet, aber auch ohne Sky oder Premiere ....
Jetzt kann ich dank Globalisierung und dank der Milliarden Euro im Fussballsport fast täglich meinen Verein aus Liverpool sehen.
Aber nun soll dieses gleiche Globalierung, mittels zweier Heuschrecken aus den USA, meinen Verein kaputt gemacht haben?
Sind das die zwei Seiten einer Medaillie?
Die Gründe für den Sturzflug dieses so stolzen Vereins sind aber woanders zu suchen, nicht in der zunehmenden Monetarisierung des Fussballs, sondern im jahrelangen falschen Management des Klubs.
Zuerst ein paar Fakten:
Saison 04/05: am 14. ST Achter, am Ende Fünfter
Saison 05/06: am 9. ST Zwölfter, am Ende Dritter
Saison 06/07: am 10. ST Zehnter, am Ende Dritter
Die Übernahme des Vereins durch die beiden Amis geschah Anfang Februar 2007.
Saison 07/08 immer unter den ersten Vier, am Ende Vierter,
Saison 08/09 immer unter den ersten Drei (außer am 1. ST) – davon 8 x Erster, am Ende Zweiter;
Saison 09/10 an 16 ST war man Siebter (auch am Ende).
Diese Zahlen zeigen, das es vor den Amis keine Konstanz gab, nach den Amis zog diese Konstanz ganz offensichtlich ein. War das auch die „Schuld“ der beiden Amerikaner, der Heuschrecken?
Der zunehmende sportliche Schlingerkurs des Vereins muss andere Gründe haben, als die Übernahme von Hicks und Gillet. Ich will nicht verhehlen, dass die unsichere Lage, die sich erst am 15.Oktober klären wird, auch das Team verunsichert. Aber noch werden die Gehälter pünktlich gezahlt, noch kommen die Fans, zumindest in der PL, ins Stadion und noch gab es keine großen Verletzungen im Team diese Saison. Was braucht ein gestandener Profi, noch dazu beim FC LIVERPOOL !!! denn mehr, um seine Leistung auf dem Rasen zu bringen?
Ich führe die sportliche Talfahrt auf zwei andere Ursachen zurück und die liegen alleine im Verein: Eine völlig ungenügende Nachwuchsarbeit und eine schlechte Transferpolitik, insgesamt auf ein fehlendes sportliches Konzept seit Jahren.
Nachwuchsarbeit beim LFC
Seit 2000 wurden fast zwei Dutzend Spieler aus der U 18 in den Kader der Profis berufen. Keiner hat sich dort durchgesetzt! 2006 und 2007 gewann der FC Liverpool den FA Youth Cup! Wo sind die Spieler aus diesen Nachwuchsteams geblieben? Gerrard und Carragher sind goldenen Ausnahmen von vor 10 Jahren! Aber sowohl ManU und auch Barca zeigen, dass bei aller Globalisierung und Monetarisierung des Spitzenfussballs die Grundlagen im eigen Klub gelegt werden können. Wenn schon keiner aus der eigenen U 18, dann sollte es mal vielleicht der von anderen Vereinen geholten U 18-Spieler schaffen? Auch hier Fehlanzeige. Keiner hat es geschafft.
Ergo: Die Nachwuchsarbeit und deren Vernetzung zum Profiteam beim LFC liegt offenbar am Boden. Evtl. hat sich Kenny Dalglish genau deshalb an diesem Punkt im Verein wieder eingeklingt.
Auch das Scoutsystem des LFC scheint zu große Löcher zu haben.
Zur Transferpolitik:
Unser, zu Recht, viel gelobter Rafa hat sehr wohl gesehen, dass die Spielerdecke zu dünn ist, um sich auf einen PL-Sieg zu konzentrieren. Deshalb galt sein Haupt-Augenmerk der Champions League. Zu wenige Schultern müssen zu lange eine zu große Last tragen: Gerrard und Carragher zeigen bestimmt auch deshalb immer öfter Verschleißerscheinungen, bei Kuyt und Torres ist gleiches zu vermuten.
Der sportliche Niedergang begann nicht zufällig auch mit dem Weggang von Xabi Alonso: Keiner war so wichtig wie er für Gerrard, keiner hielt dem Kapitän besser den Rücken frei. Da konnte Gerrard all seine Energie in die Offensivstärken legen. Danach sah man Gerrard viel zu oft vor und am eigenen Strafraum grätschen. Das geht auch bei ihm an die Substanz, irgendwann meldet sich auch bei ihm der Körper. Erst recht in einem Jahr mit einer, frustrierenden, Weltmeisterschaft.
Aber dieses Beispiel zeigt auch, wie dünn schon damals der Erfolgs-Grat war, auf dem der LFC wanderte, als er noch Erfolge feierte.
Es gibt eben zu viele und zu teure Mitläufer: Lucas (10 Mio. !!! Ablöse), Johnson (20 Mio. !!! Ablöse), Aquilani (20 Mio!!! Ablöse), Babel (17,25 Mio!!! Ablöse) gehören jetzt immer noch zum Kader, bringen keine Leistung für den Klub. Mal mitgerechnet? Das sind fast 70 Mio. totes Kapital!
In der Ära Benitez wurde eben sehr teuer, aber auch wenig nach Konzept eingekauft. Und das obwohl wir zu den acht einnahmestärksten Vereinen in Europa gehören. Genug Geld war also da, aber es wurde nicht immer klug eingesetzt.
Andere, wie z. B. ein Keane (24 Mio. Ablöse), ein Dossena (9 Mio Ablöse), ein Sissoko (12 Mio Ablöse) oder ein Cisse (20 Mio !!!) wurden mit zum Teil großem Verlust nach kurzer Zeit wieder verkauft.
Wir sollten auf hören, davon zu träumen, wir seien mit ManU oder Chelsea auf Augenhöhe.
Arsenal und Wenger gehen doch auch andere Wege: Trotz seiner recht langen sieglosen Phase ist Wenger mit seinem Konzept gut gefahren und gibt dem Klub dort Orientierung auf junge Talente, wenn auch auf Kosten des ständigen Erfolgs.
Rafa hat alles aus dem Verein herausgeholt, was möglich war! Aber das geht nicht auf Dauer gut. Sein Abschied war daher folgerichtig.
Unser Verein hat offenbar seine Orientierung verloren und Hodgson ist bestimmt nicht der Steuermann, der unser Schiff wieder in die Top-Four steuert. Ihm fehlt noch das Konzept, kam auch zu spät als Manager, noch dazu nach einem gebrochenem Versprechen an seine Fulhamer Fans. Keine guten Vorzeichen von Anfang an für diese Saison.
Und doch glaube ich, das das Team sich fängt, Gerrard, Carragher und Johnson müssen die Frust-WM verarbeiten und ihre Energiespeicher wieder aufladen. Das dauert, das war klar. Auch Kuyt und Torres brauchen noch Zeit, haben eine ansterngende WM in den Knochen oder waren lange verleztz. Also müssen jetzt andere ran, und bestimmt nicht Lucas und Co. ! Dann eben die jungen wie Spearly, Shelvey und Danny Wilson. Aber aber auch ein Agger wird zu wenig geschätzt vom Trainer.
Meine Liebe zum Verein mißt sich aber auch nicht an Pokalen. Ich will dieses Einzigartige am FC Liverpool erleben: das einzigartige Pflegen von Traditionen, die enge Verbundenheit zwischen Verein und Fans, die Leidenschaft auf dem Rasen, den Kop, das YNWA.
Die Moral von der Geschichte: Nicht immer taugen böse Finanz-Heuschrecken als Grund für den Untergang von liebgewonnen Traditionen, aber immer als perfektes Feindbild!
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Sehr interessanter Beitrag. Soweit waren mir die Zusammenhänge noch gar nicht bekannt.
Danke für die Infos. Da schreibt ein wahrer Liverpool-Fan, man merkt es an jeder Zeile. Ist in meinen Augen ein echter TopBlog. Ach so: "...Sind das die zwei Seiten einer Medaillie?..." Ich fürchte das ist so. |
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Paul Mc Cartney & Friends
The Crowd |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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