der arme berliner

Blog von der arme berliner

11.11.2010 | 12:00

Medienspektakel Depressionen

Robert Enkes Todestag jährt sich zum ersten Mal. Auf der Überholspur der Lebens-Autobahn wurde ihm die Geschwindigkeit des Überholens zum Verhängnis. Seine Seele hielt nicht mehr mit  mit diesem Tempo, verlangte nach einem totalem und v.a. endgültigen Stop.

Die Medienwirtschaft, die Fussball-Verantwortlichen - sie alle waren die lautesten im stillen Trauern um einen suizidalen Musterprofi.

Wer bei google  "Robert Enke Selbstmord" eingibt, der bekommt 109.000 Treffer.

Wer bei google "Robert Enke Lokführer" eingibt der erhält 3.450 Treffer angezeigt.

Google ist ein guter Seismograph für die Reflexion dieses tragischen Falls. Einer Leistungsgesellschaft kommt eine ihrer vielen Leichen nicht gleich in den Keller, wo sie im Dunkeln rumliegen, nein hier ist einer ihrer "Bestverdiener", "Leistungsträger", "Musterprofi" in das grelle Scheinwerferlicht gelegt worden.

Für die Medien war und ist es ein gefundenes Schlagzeilen-Thema, für die Hinterbliebenen die Chance die allgemeine Mediengeilheit auszunutzen, um auf diese Volkskrankheit aufmerksam zu machen. Die Verantwortlichem des Fussball-Geschäfts, im Verein, in der DFL und im DFB übten und üben wortreiche Buße. Auch über die Medien. Und so bedienen sich alle gegenseitig in der medialen Trauer um Robert Enke. Jeder hat dabei eigene Interessen, ehrliche Trauer eingeschlossen.

Hat irgendjemand aus dem Fussball- und Medien-Business inzwischen seinen Rücktritt erklärt, weil er ein mitschuldiges Rädchen im Getriebe ist, das Menschen wie Enke zerreibt?

Haben wir, die Fussball-Konsumenten unsere Gier nach Fussball-Höchstleistungen eingestellt? Pfeifen die trauernden Fans keinen Spieler mehr zu Tausenden aus, der schlecht spielt? Zerschmettern Medien keine Spieler-Namen mit einer fetten Schlagzeile nach einem schwachem Auftritt? haben unsere trauernden Medien ihr Spiel :Morgen ein Star, übermorgen ein Versager, eingestellt?

Aber kann man ehrliche Trauer unterstellen, wenn alle danach weitermachen, als sei nichts geschehen? Die Medien haben das gesellschaftliche Thema Leistungsdruck wieder von der Agenda genommen, läßt sich eben nur mit Prominenten-Toten gut vermarkten.

Und was ist eigentlich mit dem Thema "Wie gehts dem Lokführer"? Der hat keinen Prominenten-Status, kann nicht auf breite Unterstützung bei der Überwindung seines Traumas rechnen.

Hat die Witwe etwa bisher Worte des Trostes an den Lokführer gerichtet? Ihre Kraft, mit der sie das familiäre Schicksal öffentlich machte und eine Stiftung gründete mit starken Partnern reichte offenbar dazu nicht aus.

Ich war selber suizidgefährdet, litt an einer Depression infolge eines Burnout-Syndroms, lag monatelang deshalb in einer Psychaitrischen Klinik.Meine Suizid-Gedanken rankten sich auch um den Willen, niemand anders mit reinzuziehen.

www.rp-online.de/sport/fussball/nationalelf/Schock-fuer-den-Lokfuehrer_aid_781574.html:

Lokführer wird psychologisch betreut

Die Bahn äußerte sich am Mittwoch erschüttert über das "tragische Ereignis" und sicherte zu, der Lokführer werde intensiv psychologisch betreut. Statistisch erlebt es jeder Lokführer drei Mal in seiner Berufslaufbahn, dass sich jemand in Selbstmordabsicht vor den Zug wirft. Wie sehr der Eisenbahner davon betroffen ist, hängt von den Umständen und von seiner psychischen Konstitution ab, aber zum Beispiel auch von dem Zugtyp.

Bei strömungsgünstig gestalteten Zugfronten - etwa dem ICE - werden Gegenstände, die bei hoher Geschwindigkeit auf die Zugfront treffen, meist nach oben, also vor die Windschutzscheibe und weiter geschleudert. Bei Regionalzügen - wie in den Fällen Enke und Merckle - rutschen sie unter das Fahrzeug.

Der betroffene Lokführer wird anschließend vom Dienst freigestellt und entsprechend seinen Bedürfnissen psychologisch betreut. Nach dieser Phase wird ebenfalls unter Berücksichtigung der Wünsche des Triebfahrzeugführers entschieden, ob er wieder im Führerstand arbeitet. Wenn nicht, stellt die Bahn eigenen Angaben zufolge sicher, dass er an einem anderen Arbeitsplatz tätig werden kann.

Wie lange es nach einem Selbstmord dauert, bis die Strecke wieder freigegeben wird, hängt ebenfalls von den Umständen ab. In der Regel kann der fragliche Zug nach etwa einer Stunde seine Reise fortsetzen, wenn Staatsanwaltschaft und Spurensicherung ihre Arbeit beendet haben. Für derartige Verspätungen haftet die Bahn gegenüber den Fahrgästen nicht, weil die Ursache außerhalb ihres Einflusses liegt.

Nach Darstellung der Bahn gibt es, anders als bei Autos, keine Vorkehrungen an den Triebfahrzeugen oder Steuerwagen, die eigens dafür gedacht sind, bei Kollisionen mit Lebewesen deren Überlebenschancen zu erhöhen.

(Quelle:http://www.rp-online.de/sport/fussball/nationalelf/Schock-fuer-den-Lokfuehrer_aid_781574.html)

Ist der Lokführer inzwischen wieder berufsfähig? Wer hat ihm die Behandlung bezahlt, sein Arbeitgeber oder er selber?   Wie geht seine Familei mit diesem Trauma um? Leidet er infolge dessen auch an Depressionen?

Warum sind die, die am lautesten um Robert Enke trauerten, so stumm wenn es um den Lokführer und seiner Familie geht?

Was für eine Heuchelei in der Trauer um Enkes Tod steckt dahinter?

Es gibt den wunderbaren Low-Budget-Film "Schattenzeit". Das wahre Gesicht dieser Krankheit Depression. Abseits vom Scheinwerferlicht. Mit Menschen ohne besondere Lobby, ohne Medieninteresse. Kranke, die monatelang auf eine Therapie warten müssen.

Wenn Robert Enkes Tod wirklich einen Sinn haben soll, dann müssen diese Menschen in den Focus gerückt werden. Weil wir alle solche depressions-anfälligen Menschen sind.

Aber das vermisse ich am ersten Jahrestag des Todes von Robert Enke.

 

 

 

 

 
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