In den letzten Monaten war immer wieder der angebliche Niedergang des glorreichen FC Liverpool aus einstigen Höhen (Champions League-Sieger 2005) in den Medien ausgeschlachtet worden, als Beispiel für das schlimme Wirken der globalisierten Wirtschaft im Sport und als Omen für den baldigen Niedergang des englischen Profifußballs.
Zwei Heuschrecken aus Amerika, Mister Gillet und Mister Hicks hatten den Klub Anfang 2007 gekauft, ihre Schulden auf den Verein übertragen, also das übliche Globalisierungsfolgen-Heuschrecken-Drama. Viele Firmen in Deutschland hatten das schon erlebt, auch Firmen die deutsche Wirtschaftsgeschichte geschrieben hatten. Und auch hier wurde der Untergang von Traditionen infolge der brutalen Globalisierung von den Medien tränenreich beweint.
Anhand des Niedergangs des FC Liverpool ist aber sehr genau zu beobachten, dass für die Vernichtung von Traditionen und Emotionen unter globalisierten Rahmenbedingungen die Müntefering’schen Finanz-Heuschrecken als Feindbild enttäuschter Menschen dienen können, ohne wirkliche die Ursache für das Drama zu sein.
Als leidenschaftlicher Fan des Klubs tut mir auch das Herz weh, wenn ich die Quälerei der Mannschaft sehe. Die unklare Eigentümerfrage , das Zurschaustellen für neue Eigentümer, all das verursacht mir angesichts der stolzen Geschichte des Vereins schiere Schmerzen!
Früher, als Kind und Jugendlicher, harrte ich immer auf das Sportecho vom Dienstag mit den Berichten und Tabellen über den internationalen Fußball. Keine ständigen Live-Bilder, keine Merchandising weltweit. Dann kam das große Geld, der Fussball wurde das Feld globaler Financiers und für mich als Fan gab es nun die Möglichkeit täglich live bei meinem Verein zu sein.
Und nun soll dieses gleiche Globalisierung, mittels zweier Heuschrecken aus den USA, meinen Verein kaputt gemacht haben?
Sind das die zwei Seiten einer Medaille?
Die Situation:
Fans laufen Sturm gegen die beiden Besitzer Hicks und Gillet. Am 15. Oktober müssen die Kredite bezahlt werden, eine Refinanzierung oder Umschuldung ist nicht möglich und ein neuer Käufer nicht in Sicht. Geht der große Verein am 15.10. pleite? All das erinnert an die Schicksale vieler deutscher mittelständischer Firmen, die ebenso ausgeschlachtet wurden von Finanzinvestoren und vielen Menschen ihre Arbeit kostete.
Als Feindbild für alles Negative in dieser Welt dient das Bild der Heuschrecke.
In Liverpool hat sich viel Wut aufgestaut. Man hat den Eindruck, je tiefer die Mannschaft in der Tabelle steht, um so heftiger werden die Aktionen der Fans. Im letzten Jahr wurde man nur noch Siebter in der Meisterschaft, aktuell steht man kurz vor den Abstiegsrängen – und die Fans laufen immer mehr Sturm.
Aber ist das nicht zu einfach? Das Beispiel dieses Dramas in Liverpool zeigt, wie Stimmungen im Volk nicht immer die richtigen Fragen nach den Ursachen hervorbringen.
Die Gründe für den Sturzflug dieses so stolzen Vereins sind woanders zu suchen, nicht in der zunehmenden Monetarisierung des Fußballsports, sondern vor allem im jahrelangen falschen Management des Klubs.
Zuerst ein paar Fakten:
Saison 04/05: am 14. Spieltag war man Achter, am Ende Fünfter
Saison 05/06: am 9. Spieltag war man Zwölfter, am Ende Dritter
Saison 07/08 immer unter den ersten Vier, am Ende Vierter,
Saison 08/09 immer unter den ersten Drei (außer am 1. ST) – davon 8 x Erster, am Ende Zweiter;
Saison 09/10 an 16 ST war man Siebter (auch am Ende).
Diese Zahlen zeigen, dass es vor der Übernahme durch die „Heuschrecken“ keine Konstanz gab, nach der Übernahme zog aber diese Konstanz ganz offensichtlich ein. War das auch die „Schuld“ der beiden Amerikaner, der Heuschrecken?
Der zunehmende Schlingerkurs des Vereins muss andere Gründe haben, als die Übernahme von Hicks und Gillet. Ich will nicht verhehlen, dass die unsichere Lage, die sich erst am 15.Oktober klären wird, auch das Team verunsichert. Aber noch werden die Gehälter pünktlich gezahlt, noch kommen die Fans, zumindest in der PL, ins Stadion und noch gab es keine großen Verletzungen im Team diese Saison. Was braucht ein gestandener Profi, noch dazu beim FC LIVERPOOL !!! denn mehr, um seine Leistung auf dem Rasen zu bringen?
Ich führe die Talfahrt vor allem auf zwei Ursachen zurück und die liegen alleine im Verein: Eine völlig ungenügende Nachwuchsarbeit und eine schlechte Transferpolitik, insgesamt auf ein fehlendes sportliches Konzept seit Jahren.
Nachwuchsarbeit beim LFC
Seit 2000 wurden fast zwei Dutzend Spieler aus der U 18 in den Kader der Profis berufen. Keiner hat sich dort durchgesetzt! 2006 und 2007 gewann der FC Liverpool den FA Youth Cup! Wo sind die Spieler aus diesen Nachwuchsteams geblieben? Die beiden Klub-Ikonen Steven Gerrard und Jamie Carragher, Ende der neunziger Jahre aus dem eigenen Nachwuchs in die Profimannschaft gekommen, sind goldenen Ausnahmen von vor 10 Jahren! Aber sowohl Manchester United und auch der FC Barcelona zeigen, dass bei aller Globalisierung und Monetarisierung des Spitzenfußballs die Grundlagen für sportliche Spitzenleistungen im eigenen Klub gelegt werden können. Aber hier ist beim FC Liverpool Fehlanzeige.
Wenn schon keiner aus dem eigenen Nachwuchs, dann sollte es mal vielleicht einige von anderen Vereinen geholten Nachwuchsspieler schaffen? Es gab auch hier Dutzende Versuche, aber auch hier Fehlanzeige.
Ergo: Die Nachwuchsarbeit und deren Vernetzung zum Profiteam beim LFC liegt offenbar seit Jahren hinter denen anderer Vereine zurück.
Zur Transferpolitik:
Der, zu Recht, viel gelobte ehemalige Trainer und Manager Benitez hatte sehr wohl gesehen, dass die Spielerdecke im Verein damit zu dünn war, um sich auf einen Sieg in der langen und harten Premier-League ( 38 Spieltage) zu konzentrieren. Deshalb galt sein Haupt-Augenmerk der Champions League, ebi der man mit viel weniger Spielen triumphieren kann.
Zu wenige Schultern müssen zu lange eine zu große Last tragen:. Der Verein fuhr seine Leistungsträger auf Verschleiß: Für die Spieler Gerrard, Carragher, Kuyt und Torres zeigen deshalb auch die Leistungskurven zunehmend nach unten und die Verletzungskurven nach oben.
Zeitweilige Erfolge verdeckten den schmalen Grat auf dem der verein jahrelang wanderte. Man sah sich als ständiges Mitglied der Top-Vereine in England und Europa, schwelgte in der glorreichen Geschichte und unterließ dafür selbstkritisches Hinterfragen und Analysieren.
Kaufmännisch gab es zwei Gesichter:
Einerseits zählt man zu den sieben einnahmestärksten Vereinen in Europa, steigerte seine Einnahmen von 181 Mio. Euro (Saison 2004/2005) auf 237 Mio. Euro (Saison 2008/2009).(Deloitte-Football-Money-League). Laut einer aktuellen Sudie von sport+markt hat man eine Fan-(Kunden-)Basis international von über 16 Millionen Menschen und liegt damit auch hier unter den ersten Acht in Europa.
Aber man war zunehmend abhängig von den Millionen Einnahmen in der Champions-League, partizipierte dabei vor allem vom traumhaften Fernsehvertrag der Premier-League mit dem Bezahlsender Sky und erhöhte für die Fans die Ticketpreise. Das heißt aber, das Management des Klubs hatte seine Einnahmenentwicklung von äüßeren Einflüssen abhängig gemacht, die man selber nur sehr begrenzt beeinflussen konnte.
Andererseits zeigte sich aber der direkte Einfluss des Managements bei der Verwendung dieser Millionen Einnahmen in vielen teuren Flops: Man kaufte zu viele und zu teure Mitläufer: Lucas (10 Mio. !!! Ablöse), Johnson (20 Mio. !!! Ablöse), Aquilani (20 Mio!!! Ablöse), Babel (17,25 Mio!!! Ablöse) gehören jetzt immer noch zum Kader, bringen keine Leistung für den Klub. Mal mitgerechnet? Das sind fast 70 Mio. totes Kapital!
Andere Spieler , wie z. B. ein Keane (24 Mio. Ablöse), ein Dossena (9 Mio Ablöse), ein Sissoko (12 Mio Ablöse) oder ein Cisse (20 Mio !!!) wurden mit zum Teil riesigen Verlusten wieder verkauft.
Obwohl also genug Geld da war, fehlte und fehlt es an einem Konzept im Verein.
In solch einer Lage tun natürlich die dem verein aufgezwungenen Zinsen für die Kredite der beiden Heuschrecken besonders weh. Aber sie sind tatsächlich nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.
Die Moral von der Geschichte: Nicht immer taugen böse Finanz-Heuschrecken als Grund für den Untergang von liebgewonnen Traditionen, aber immer als perfektes Feindbild!
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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