Der Rote Baron

Blog von Der Rote Baron

25.10.2009 | 00:36

Der letzte Romantiker

Wiedererkennungswert ist wichtig heutzutage. Romane, die ohne dieses Merkmal auskommen müssen, haben es schwer in der ökonomisierten Welt des Fast-Food-Literaturbetriebs. Wagt es einer, hier aus der Reihe zu tanzen, dann muss es sich schon um einen hochdekorierten Dichter handeln. Feridun Zaimoglu ist so einer. Mit seinem neuen Werk “Hinterland” beweist der 44-Jährige, dass ein begabter Schriftsteller auch dann große Literatur produzieren kann, wenn er dem trendigen Realismus entsagt und stattdessen gänzlich seiner schier unerschöpflichen Einfallskunst vertraut, ohne zugleich der infantilen Fantasy-Manie Tribut zu zollen.


Erlebt die romantische Ironie bei Feridun Zaimoglu ein nicht für möglich gehaltenes Revival? Ironie ist, so Friedrich Schlegel, verständliche Sätze zu produzieren, die ins Unverständliche hinüberspielen, wenn man sie genauer ansieht. Offenkundig firmiert damit ein zweihundert Jahre alter Ausspruch als treffende Charakterisierung von “Hinterland”. Zaimoglu nämlich konstruiert darin eine skurrile Welt, die keine stringente Handlung aufweist, sondern Geschichten von Liebenden aneinanderreiht, die sämtlich auf irgendeine Art miteinander verwoben sind. Orts- und Perspektivwechsel finden abrupt statt, ohne dass der Eindruck von Belie-bigkeit oder Banalität entsteht. Das “Hinterland” scheint trotz der realen Schauplätze (Berlin, Istanbul, Prag, Föhr, Budapest und Krakau) keine begehbare Arena zu sein, sondern die metaphorische Fassung der Zivilisationsgrenzen jener “transzendentalen Obdachlosigkeit”, die Georg Lukács in seiner “Theorie des Romans” schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgemacht hat.


Die erste der sieben "Hinterland“-Geschichten stellt die verlassene Dame Vlasta vor, die in einem Haus am Waldrand lebt, der von märchenhaften Zwergen bewohnt wird. Bildet sich die dem Alkohol nicht abgeneigte Frau die “Närrchen” nun lediglich ein oder existieren sie tatsächlich? Eher ersteres, doch weitaus wichtiger scheint die Tatsache zu sein, dass die kleinen Wesen sich nach anfänglicher Ablehnung mit der Nachbarin arrangieren. Ohne ernsthaft aufeinander zu achten, missbilligen zunächst beide Seiten einander. Erst, als die Zipfelmützenträger gegen den vermeintlichen Eindringling zum Angriff übergehen, erkennen sie in Vlasta die Sanftmütigkeit einer vereinsamten Frau. Eine wunderbare Parabel auf die stereotyp-ethnozentrierte westliche Gesellschaft scheint Zaimoglu hier versteckt zu haben, die für mehr Achtung und Respekt vor dem vermeintlich fremden Anderen plädiert.


Hauptmotiv in “Hinterland” jedoch ist jenes eine große Menschheitsthema, welches jeden zu allen Zeiten betrifft und bewegt. Bildhaft beschreibt der Autor, wie Vlasta ihren Emotionshaushalt auf einen Taxifahrer verlagert; und in wenigen Sätzen versteht er, pointiert herauszustellen, wie Liebe funktioniert. Verliebt sich ein Mensch, so kommt es ihm kaum auf die andere Person an, sondern auf seine eigenen Gefühle, die ihn wie einen Kokon umgeben und von der Realität weitgehend trennen. Vollständig ist Vlasta mit dem Ozean ihrer Gedanken beschäftigt, sodass sie im Prozess des Verliebens kaum imstande sein kann, vernünftig darüber zu reflektieren, was genau die bewunderte Person denn nun eigentlich dazu befähigt, der stolzen Dame derart den Kopf zu verdrehen. Nicht anders verhält es sich bei der Beschreibung der Annäherung des Schuhmachers Ferda mit dem Fuchskneifgesicht (der vielleicht nicht ganz zufällig oft in der ersten Person auftaucht und wie der Autor türkische Eltern hat) und der schönen Pragerin Aneschka, die ihn zuerst will und dann doch nicht und dann doch wieder.


Gerade hier allerdings schöpft Zaimoglu ebenjenes Potenzial nicht komplett aus, das er bereits in “Leyla” und “Liebesbrand” so meisterhaft zelebriert hat: die Stellen, in denen die von ihm betriebene “Suche nach Erfüllung” angeschnitten wird, kommen mancherorts allzu unvermittelt und vergehen bisweilen als bloße Andeutungen. Das hingegen könnte auch durchaus beabsichtigt sein. Immer wieder lenkt der Schreiber die Aufmerksamkeit auf Figuren, die nur eine randständige Rolle einnehmen und den metonymischen Stil noch befördern. Nicht die Personen an sich sind bedeutsam, sondern ihre Handlungen und Erlebnisse verbinden die einzelnen Episoden zu einem logischen Ganzen.


So vermittelt “Hinterland” auch keine klar fassbare Prämisse, keine essentielle Botschaft. Es geht in diesem erfreulichen Kontrapunkt gegen die populäre Gefühlsarmut der Gegenwartsliteratur vielmehr um die vielschichtigen Sehnsüchte von Menschen, die zueinander finden und irgendwann wieder auseinandergehen. Darin liegt letztlich der Zauber des Buches: das zentrale Spiel des Lebens wird so beschrieben, dass die Fremdheit zwischen Mann und Frau zum Ausdruck kommt und dem einzig wahren Protagonisten des Romans gänzlich das Zepter überlässt – der Liebe.

 
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