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“Warum unsere Kinder Tyrannen werden” – der zwischen zwei Buchdeckel gepresste alarmistische Ruf nach Ordnung und Disziplin des Kinder- und Jugendpsychiaters Michael Winterhoff verkaufte sich bislang gut 400.000 Mal. Vor wenigen Monaten hat der Bonner Therapeut nachgelegt: In “Tyrannen müssen nicht sein” versucht er, Wege aus dem konstatierten Erziehungsnotstand zu weisen. Das Presseecho auf beide Werke war nahezu ausschließlich positiv, doch spart er tatsächlich in seinen Büchern nicht mit auf schwer nachprüfbaren Einzelfällen beruhenden Pauschalurteilen, sodass seine Thesen in der Wissenschaft bislang zurecht keine Beachtung finden.
In der noch relativ jungen Bestsellerforschung gibt es einen produktionsorientierten Erklärungsansatz, der davon ausgeht, dass vor allem der Zeitpunkt der Veröffentlichung über den Verkaufserfolg eines Buches entscheidet. Michael Winterhoff bestätigt diese Theorie derzeit eindrucksvoll, denn er hat in kurzer Abfolge zwei plakativ betitelte, provokante und viel beachtete Werke vorgelegt, die den Nerv der Zeit zu treffen scheinen.
Vordergründig geht es Winterhoff um eine Analyse des “Erziehungsnotstandes”, den er diagnostiziert haben will. Eltern seien nicht mehr in der Lage, ihre Kinder “intuitiv” zu erziehen und verirrten sich in unbrauchbaren Erziehungskonzepten. So seien Grundschulkinder heutzutage weitgehend nicht mehr fähig, einfachen Aufforderungen zu folgen, während die meisten Sechzehnjährigen sich auf dem psychischen Reifegrad von Dreijährigen befänden. Bemerkbar mache sich dies vor allem in ihrer mangelnden Verwertbarkeit auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Unzureichende Rechen-, Schreib- und Lesefähigkeiten gingen einher mit mangelnder Leistungsbereitschaft sowie Respekt- und Gewissenlosigkeit, die der 54-Jährige seit mindestens eineinhalb Jahrzehnten als am häufigsten anzutreffende Charaktereigenschaften bei Kindern und Jugendlichen ausgemacht hat.
Winterhoffs Analyse des gesellschaftlichen Status quo kann in Teilen kaum widersprochen werden; doch ärgerlich ist das, was der Therapeut nicht sagt. Nach Hinweisen auf die Tendenz der gesellschaftlichen Ausgrenzung all jener, die sich nicht schon ab dem ersten Schuljahr dem grenzenlosen Leistungsdruck gewachsen zeigen, bereits zehnjährig als Nieten tituliert und auf Hauptschulen abgeschoben werden, sucht man in seinen Büchern vergeblich. Mit keiner Silbe kommt Winterhoff darauf zu sprechen, dass Persönlichkeitsstörungen nicht nur durch versagende Eltern, sondern auch aufgrund des gesellschaftlichen Klimas entstehen können, in dem ein Kind aufwachsen muss.
Keine theoriestützenden Forschungsergebnisse
Im Gegenteil: Winterhoff bestreitet sogar, dass die zunehmende Verwahrlosung ein schichtspezifisches Problem ist. “Ich habe in meiner Praxis vor allem mit engagierten, gesunden und beziehungsfähigen Eltern zu tun. Gute, bürgerliche Mittelschicht.” Bewusst oder unbewusst entlarvt er sich damit allerdings selbst, denn er versieht einen Befund mit gesamtgesellschaftlicher Geltung, der lediglich auf Einzelfällen aus seinem beruflichen Alltag beruht. Zwar klopft Winterhoff sich im Laufe seiner Ausführungen anerkennend selbst auf die Schulter, indem er auf den innovativen Charakter seiner in dieser Form bisher noch von keinem anderen Wissenschaftler formulierten Analysen hinweist, doch fehlen in beiden Werken Literaturangaben oder auch nur die geringsten Verweise auf theoriestützende Forschungsergebnisse.
Wie das Robert-Koch-Institut in einer kürzlich publizierten Studie festgestellt hat, zeigen in Wahrheit die allerwenigsten Kinder und Jugendlichen in Deutschland psychische Störungen. Jene, die dennoch darunter leiden, entstammen dagegen zu mehr als 85 Prozent ganz bestimmten sozialen Verhältnissen: “Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen und bildungsfernen Haushalten haben einen schlechteren Gesundheitszustand und häufiger psychische Probleme als ihre Altersgenossen aus einkommensstarken und gebildeten Familien”.
Zur Beantwortung der Frage, wie es zur jener angeblichen psychischen Fehlentwicklung einer ganzen Generation kommen konnte, greift Winterhoff tief in die Werkzeugkiste der Psychoanalyse und arbeitet ein dreistufiges Modell heraus: Partnerschaftlichkeit, Projektion und Symbiose. Anhand weniger Extrembeispiele verwirft er das anerkannte Erziehungsmodell, wonach Eltern ihren Kindern nicht diktatorisch, sondern möglichst auf Augenhöhe begegnen sollen. Dies führe notwendigerweise zu einer realen Machtumkehr. “Das Kind kann mehr oder weniger frei über die Eltern verfügen und verpasst damit das Erlernen der Fähigkeit, Autoritäten anzuerkennen.” Daraus resultiere eine in Zeiten orientierungsloser und sicherheitsbedürftiger Eltern auf fruchtbaren Boden stoßende Projektion: Das Kind werde zur Messlatte des eigenen Selbstwertgefühls und diene einem Elternteil zur Befriedigung des natürlichen Bedürfnisses, geliebt zu werden. Dem schließe sich die totale Verschmelzung der elterlichen Psyche mit der kindlichen an und fixiere den Heranwachsenden damit in einer frühen psychischen Phase, die fortan nicht mehr behebbar sei.
Als Opfer dieser apokalyptischen Trias fungieren in erster Linie die armen Lehrer, die sich in Internet-Lehrerbewertungsportalen wie "spickmich.de" von ihren tyrannischen Schülern (Winterhoff spricht in seinem ersten Buch wörtlich von “brutalen, unmenschlichen Tätern”) demütigen lassen müssen. Überhaupt läuft für den Psychiater in der Schule alles falsch: Freiarbeit ist Teufelszeug, der gute alte Frontalunterricht hingegen die einzige Möglichkeit, den kleinen Gören endlich wieder Disziplin einzutrichtern. Man staunt als Laie nicht schlecht über diese Missachtung der schlichten Tatsache, dass Kinder durch Frontalunterricht wohl kaum nachhaltig für die Schönheit von Literatur oder die Faszination der Physik zu begeistern sind. “Erkläre es mir – und ich vergesse. Zeige es mir – und ich erinnere mich. Lasse es mich tun – und ich verstehe” – dieses bereits von Konfuzius formulierte Plädoyer für eigenständiges Denken und Handeln wird heute vielfach wissenschaftlich unterstützt, um Kinder zu emotional gesunden, kritikfähigen und mündigen Erwachsenen zu erziehen.
Paradigmenwechsel in den Schulen und emotionale Distanzierung zum Kind
Winterhoffs dürftige Lösungsvorschläge gehen dagegen leider über Plattitüden kaum hinaus. Neben dem erwähnten Paradigmenwechsel in den Schulen und einer elterlich gebotenen emotionalen Distanzierung zum Kind sei vor allem ausgiebiges Reflektieren über das eigene Tun und Lassen in Bezug auf die psychische Reifung der Kinder wichtig. Zudem ermutigt er die Erwachsenen zu einer bewussten Entschleunigung ihres Lebens. Ein netter Vorschlag, der allerdings jedem abhängig beschäftigten Elternteil ohne grundlegende Abkehr vom “Always-Available”-Dogma des flexiblen Kapitalismus unmöglich erscheinen dürfte.
Am Ende bleibt der Eindruck, dass Winterhoff sich eine Gesellschaft voller Duckmäuser erträumt, in der Kants Wahlspruch “Sapere Aude” (”Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!”) nur noch als Relikt vergangener Tage auftritt. Eine solche Gesellschaft wäre dann eine reine Abrichtungsmaschinerie zur wirtschaftlichen Verwertbarkeit und würde gewiss ganz im Sinne Winterhoffs ausnahmslos “arbeitsmarkttaugliche” Sechzehnjährige heranzüchten.
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Er hat immerhin ein klares Ziel vor Augen :|
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Bergmann hat auch im Buch "Vom Missbrauch der Disziplin" den sehr guten Artikel "Autoritär und ahnungslos, weltfremd und anti-modern - oder: Wie man pädagogische Bestseller schreibt" verfasst. Der alleine rechtfertigt die Anschaffung des Buches.
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schrieb am
21.10.2009 um 23:02
In den Foren, z.B. zu dem o.g. Interview in der SZ finden sich jede Menge glühende Verteidiger des Herrn, auch unter Eltern.
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Kann ich mir denken, meine Mutter ist auch ganz hin und weg...was auch immer das über mich sagt ;-)
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Diesen Text hab ich bereits bei einer Trierer Online-Zeitung veröffentlicht. Unter dem Artikel finden sich auch drei bezeichnende Kommentare von Winterhoff-Groupies:
www.16vor.de/index.php/2009/05/15/erziehungsnotstand-in-deutschland/#comments Im Mai hielt der werte Herr einen Vortrag in Trier. Als ich danach ein wenig die Stimmung im Publikum rausbekommen wollte, haben sich sowohl Mütter, als auch Nicht-Mütter geradezu ekstatisch begeistert gezeigt. Echt schade, dass seriöse Pädagogen wie Micha Brumlik oder auch der netterweise angesprochene Wolfgang Bergmann weitaus weniger mediale Aufmerksamkeit erhalten. Bergmanns Gegenbuch hätte den Aufstieg zum Bestseller jedenfalls verdient: www.beltz.de/de/ratgeber/beltz-ratgeber/titel/warum-unsere-kinder-ein-glueck-sind.html |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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