Der Rote Baron

Blog von Der Rote Baron

24.10.2009 | 04:51

Tatort Ausbildung

Es liegt bekanntlich in der Natur des Kapitalismus, dass in Krisenzeiten immer jene am meisten bluten müssen, die nicht den geringsten Anteil am Bankrott des Systems haben. Als besonders leichte Opfer scheinen sich die Entscheidungseliten in Politik und Wirtschaft einmal mehr die jungen Menschen ausgeguckt zu haben. Doch ist es gewiss kein Naturgesetz, dass die Jugendlichen die ihnen zu Unrecht aufgebürdete Last widerstandslos tragen. Auch wenn ihnen in den Medien bislang deutlich zu wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht wird.

Zwar ist die Jugendarbeitslosigkeit (erwerbslose 18-24jährige) laut einer im Februar vom DGB veröffentlichten Studie in den vergangenen zwei Jahren auf 306.000 zurückgegangen. Ein genauerer Blick jedoch offenbart, dass dies kein Grund ist, die Sektkorken knallen zu lassen. Das Datenmaterial beruht nämlich auf Zahlen aus dem Frühsommer 2008, als die Super-Kanzlerin noch nimmermüde von einem imaginären Aufschwung fabulierte und der Bevölkerung vorgaukelte, selbiger sei "bei den Menschen angekommen". Außerdem meldet die DGB-Jugend, dass derzeit weniger als 50 Prozent eines Azubi-Jahrgangs vom jeweiligen Unternehmen nach Ende der Ausbildung übernommen wird. Die konservative Prognose der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) rechnet für 2009 mit insgesamt zehn Prozent weniger Ausbildungsplätzen. Bereits im Mai dieses Jahres standen 100 Bewerberinnen und Bewerbern nur 84 Lehrstellen zur Verfügung, das sind 5,4 Prozent weniger als im Mai des Vorjahres. Konkret fehlten im Mai insgesamt 85.863 betriebliche Ausbildungsplätze.

Im Zuge der sich rasant verschärfenden Wirtschaftskrise haben schon zahlreiche Unternehmen aus allen Branchen Kurzarbeit angemeldet, von der neben den normalen Arbeitnehmern vor allem auch Azubis betroffen sind. Dabei ist es nicht weniger als ein Skandal, dass die ohnehin viel zu dürftige Regelung zum Kurzarbeitergeld für Auszubildende nicht oder nur unzureichend gilt, weil es sich rechtlich gesehen bei der Ausbildungsvergütung um eine Art "Erziehungsgeld" handelt. Stattdessen müssen sich die Jugendlichen in diesem Fall damit begnügen, lediglich sechs Wochen regulär weiterbezahlt zu werden, während für die Folgezeit kein rechtlicher Anspruch mehr besteht.

Bereits jetzt sind hierzulande mehr als eine Million Jugendliche auf Hartz ΙV angewiesen, von denen die meisten sich ohne grundlegende gesamtgesellschaftliche Veränderungen kaum jemals aus ihrer Armut befreien können. Den Menschen wird von klein auf eingetrichtert, dass jeder innerhalb der "Leistungsgesellschaft" aus eigener Kraft erfolgreich sein könne. Das ist einer der größten Mythen des inhumanen Profit- und Konkurrenzsystems. Tatsächlich ist die Verarmung der Massen integraler Teil der Logik der herrschenden Verhältnisse.

So ist insbesondere nun mit dem Ende des Wahlkampfes und der Inthronisierung einer rhetorisch handzahmen, praktisch aber gewiss marktradikalen Bundesregierung zu vermuten, dass vielen Auszubildenden binnen kürzester Zeit die Pistole auf die Brust gesetzt wird: entweder eine Vereinbarung zum Verzicht auf Ausbildungsvergütung unterschreiben, oder der Ausbildungsplatz wird gestrichen. Hier sind besonders die Gewerkschaften gefordert, die Spielchen der Profitinteressen zu überwachen und im Fall der Fälle bedingungslos Widerstand zu leisten, im äußersten Falle dann auch zu einem eintägigen Generalstreik aufzurufen. Unabdingbar ist gerade im Zuge des erfolgreichen Bildungsstreiks vom Sommer diesen Jahres, die Frage der Jugendarbeitslosigkeit stets mit der Notwendigkeit zu verbinden, dass einzig die Abschaffung sämtlicher Profit- und Konkurrenzelemente im Bildungssystem, der ungehinderte Zugang aller junger Menschen zu kostenfreier Bildung sowie eine gesetzliche Ausbildungsplatzgarantie Grundvoraussetzungen für die Abschaffung der massenhaften Verelendung junger Menschen sind. Diese Rechte können aber nur von den Betroffenen selbst erkämpft werden, weil der massive Armutsanstieg im unmittelbaren Interesse der Wirtschaftsbosse und ihrer gouvernementalen Erfüllungsgehilfen liegt.

 
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Kommentare
schlesinger schrieb am 24.10.2009 um 19:07
Lieber Baron, leider muss ich etwas kritteln: Etwas zu populistisch scheint mir Ihr Eingangssatz "Es liegt bekanntlich in der Natur des Kapitalismus, dass in Krisenzeiten immer jene am meisten bluten müssen, die nicht den geringsten Anteil am Bankrott des Systems haben." Ich würde sagen, dass das fast überall und zu allen Zeiten gilt. In den ehrenwerten Zeiten des sowjetischen Kommunismus waren es die Bauern, die jämmerlich verarmten, und im europäischen Armenhaus Rumänien sah es bei den Arbeitern gleich noch schlimmer aus. Auf Kuba existieren ganze Bevlkerungsschichten seit Jahrzehnten am Existenzminimum, und das kann man schwerlich alleine dem US Boykott in die Schuhe schieben. Es gibt viel zu kritisieren am Kapitalismus, aber man sollte sich an belegbare Vorwürfe halten...
Sie haben jedoch mit Ihrem kritischen Hinweis auf die hohe Zahl an Hartz-IV-gebundenen Jugendlichen vollkommen recht.
Hinsichtlich von Aussagen wie "dass vielen Auszubildenden binnen kürzester Zeit die Pistole auf die Brust gesetzt wird: entweder eine Vereinbarung zum Verzicht auf Ausbildungsvergütung unterschreiben, oder der Ausbildungsplatz wird gestrichen" würde ich mir wünschen, dass Sie klarer herausstellen, ob das eine These von Ihnen ist oder eine tatsächliche Bestrebung. Dann kann man mit den angebotenen Argumenten besser umgehen. Nichts für ungut, Grüße, S.
Der Rote Baron schrieb am 24.10.2009 um 20:41
Lieber Schlesinger,

haben Sie vielen Dank für Ihre Hinweise. Allerdings teile ich Ihre ideologisch eingefärbte Gleichsetzung von "Sozialismus" und "Stalinismus" nicht. Dass in Sowjetunion, Kuba, Rumänien etc. politische Systeme existierten, die sechs Milliarden mal ablehnenswerter sind als die neoliberale Spielart des Kapitalismus, sollte unter Leutchen mit gesundem Menschenverstand, für die wir uns doch hoffentlich alle halten, außer Frage stehen.

Allerdings sollte man nicht davon ausgehen, dass diese Staatssklavereien die Idee des Sozialismus für alle Zeit delegitimiert hätten, wie Sie es offenbar suggerieren. Ich werde meine Auffassung nicht ändern, dass die erstmalige Umsetzung sozialistischer Ideen noch aussteht. Das kann idealerweise nur als nach-kapitalistische Gesellschaftsform geschehen, in der die Voraussetzungen für die Schaffung von Wohlstand geschaffen wurden.
schlesinger schrieb am 25.10.2009 um 02:43
@ Der Rote Baron
nun bitte nicht gleich die Ideologiekeule schwingen, ich halte mich für ziemlich ideologiefrei.... Was Ihre "erstmalige Umsetzung" des Sozialismus anbelangt bin ich völlig d'accord! Schöne Grüsse, S.
poor on ruhr schrieb am 24.10.2009 um 22:25
Toll geschriebener Blog, dem ich ich bei Deiner Bewertung der traurigen Sachverhalte voll zustimme.
Leider scheint mit derzeit eine Änderung zum Positiven kaum in Sicht zu sein. Für mich sind Deine Blogs sehr interessant. Ich bin schon etwas älter und Deine Blogs helfen mir die Probleme der jungen Menschen besser zu verstehen. Es ist schon etwas Anderes wenn man so was in den Nachrichten hört oder wenn man es hier selbstals geistigen Output eines jungen Menschen lesen kann.
Der Rote Baron
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