Der digitale Flaneur

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12.12.2010 | 23:04

Riad Sattouf: Meine Beschneidung - Im Mittleren Osten nichts Neues.

 

Selbst auf die Gefahr hin durch den angespitzten Posttitel einen Aufschrei der Empörung durch gutmenschelnde Bessermenschen zu erzeugen - ich nutze ihn. 

Zum einen, weil er mir gefällt. Zum anderen, weil er perfekt abbildet was im Comic behandelt wird. Die Enge der syrischen Gesellschaft, deren paternalen Gebote und die rigide Rangordnung zwischen Vater und Kind.

Ich denke, dass wenige Medien abseits des Comics so gut geeignet sind komplexe (und nicht selten widersprüchliche) Sachverhalte unterhaltsam und vor allem unaufdringlich darzustellen.  

Meine Beschneidung ist hierfür das beste Beispiel. Ein Kleinod, in dem der offen rassistische Antisemitismus Syriens schonungslos seziert und angeklagt wird, in dem ein Sohn keinerlei Entscheidungen seines Vaters hinterfragen darf, in dem man den Protagonisten beim Erwachsenwerden begleiten kann und seiner stillen Angst vor dem Hineinwachsen in eine ritualisierte Männlichkeitsform beiwohnen darf.  

Der Autor/Zeichner Sattouf wurde in Paris geboren, verbrachte Kindheit und Jugend in Algerien, Lybien und Syrien (wo er zur Schule ging) und lebt inzwischen wieder als Synchronsprecher, Szenarist und Musiker in Frankreich. Er ist fester Schreiber bei dem Satireblatt Charlie Hebdo und debütierte 2009 als Regisseur. Kurz: Ein weit gereister, breit interessierter Mensch, der verschiedene Welten kennt: die europäische, den Maghreb und die des vorderasiatischen Raums. Vielleicht macht dieses Wissen ihn zu einem solch begabten Erzähler und Vermittler.

Seine pointierten, satirisch angefetteten Miniaturen sind gleichzeitig schreiend komisch und nachdenklich, zeichnen ihn als einen begnadeten Beobachter aus, der aber hoch unterhaltsam zu schreiben versteht. Auch wenn sein Strich etwas gewöhnungsbedürfig ist, überzeugt er in seiner funktionellen Reduktion. Manch einer wird sich an Blutch erinnert fühlen, ein anderer an die Illustrationen von Kinderbüchern. Sattoufs Stil bildet mit beidem ein Schnittmenge. 

Der Entfremdungseffekt, der in erschreckender Weise die militarisierten Wirkweisen und tradierten familiären Strukturmächte der syrischen Gesellschaft offen legt, wird durch die konsequente kindlich-jugendliche Perspektive immens verstärkt. Man möchte noch nicht gegen Autoritäten rebellieren und doch spürt man die Aversion gegenüber der selbstverständliche und unhinterfragbare Verfügungsgewalt des Vaters über den eigenen Körper. 

Ein kluger Comic, der gerade heute, wo allerorts Muslime (egal welchen Alters und welcher Herkunft) pauschal abgeurteilt werden, etwas zum Verständnis des Generationenkonflikts der muslimischen Gesellschaften beitragen kann, die niemals so monolithisch sind wie Thilo und die anderen Brandredner es lobend begrüßen würden.. Wichtig!

Eine Leseprobe findet ihr hier und erwerben könnt ihr diesen Einblick in eine andere Welt hier.

 
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Kommentare
Rahab schrieb am 14.12.2010 um 10:43
das hier
"der offen rassistische Antisemitismus Syriens"
klingt ja schön sachlich zugespitzt
aber ich frag mich nun, ob ich immer die falschen syrer kennengelernt habe, so dass mir diese 'objektive' seite meiner gegenüber verborgen blieb
Der digitale Flaneur schrieb am 14.12.2010 um 11:28
Hmm. Vielleicht sollte man für die Erklärung dieser Aussage tatsächlich den Auschnitt des Comics vor Augen haben - so klingt es tatsächlich etwas arg zugespitzt (und falsch). Der in den Schulen gelehrte offizielle Antisemitismus wäre treffender. Und an dieser Tendenz wird man sich auch reiben können, aber es ist treffender. Danke für den Hinweis.
Der digitale Flaneur
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16:57
merdeister hat gerade einen Kommentar geschrieben.
16:53
freedom of speech? hat gerade einen Kommentar geschrieben.
16:51
freedom of speech? hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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gerhard monsees hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Fräuleinchen hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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