Markus G. Sänger

Blogvogel

08.08.2011 | 09:22

Anonymität der Freiheit vs. Diktat der Angst

 

Mein offensichtlicher Vorteil als Blogger? Simpel. Meine Meinungsfreiheit. Mein nicht weniger wichtiger Vorteil, den ich als Internet-User der allerersten Stunde definitiv niemals vergessen, noch verraten werde: Die Anonymität. Im Unterschied zu den – von mir im Übrigen überaus hochgeschätzten – Qualitätsjournalisten, muss ich mich nun in der aktuellen Diskussion, angestoßen unter vielen anderen, auch von unserem – aus Gründen des Identitätsschutzes hier nicht näher mit Klarnamen genannten – aktuellen  Bundesinnenminister, zum Glück nicht mit Klärung der (fachlich wahrscheinlich kümmerlichen) Tatsachen auseinander setzen, sondern kann direkt in Polemik verfallen, eben jenen Minister der Nichtteilhabe an der aktiven Netzgemeinde der frühen oder mittleren Jahre zu bezichtigen. Schlicht und einfach aufgrund seiner – von wem auch immer in seinem Berater-Stab real formulierten aber stets schlicht bleibenden– Forderung: „Das Ende der Anonymität im Internet.“

Ein weiterer, sogar der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ des Bundestags vorstehender, natürlich mit Klarnamen ebenfalls hier nicht genannter Politiker, der bereits im letzten Jahr für so manch unterhaltsame Twitter-Meme gesorgt hatte, hat seinen fehlgeleiteten Aktionismus derart aus dem windowsschen Fenster gehängt, dass nicht nur seine extreme Fachferne, sondern auch seine persönliche Hanswurstigkeit peinlich offenbar wurde.

Wenn es Euch, liebe Politiker, nur um „Irre“ im Sinne des extremistischen Umfeldes geht, ganz gleich ob nun rechts oder links verortet, eine fast nachvollziehbare Motivation, wieder einmal genährt von aktuellen, geistesgestörten Massenmörder aus Norwegen, gibt es eine wundervoll gangbare Lösung. Lehrt Eure jeweiligen Gesellschaften Toleranz und Offenheit. Lehrt sie die Liebe zu Freiheit und Offenheit, den Unterschied zwischen Gemeinwohl und Gemeinheit. Bin ich Euch zu schlicht? Seid Ihr mir auch. Spannend.

Glaubt Ihr ernsthaft, Ihr könntet amoklaufende Vollidioten „verbieten“? Mit Zensur und Verboten gegen kriminelle Energien angehen? Die Geschichte hat es doch bewiesen. Könnt Ihr nicht. Ich verstehe sogar, dass Ihr das Internet aktuell als den ungeheuer rechtsfreien Raum anseht, der unkontrolliert das neue Babel, ach was sage ich, Sodom und Gomorrha darstellt, von dem die schlimmsten Sünden und Bedrohungen der Jetztzeit ausgehen. Ich verstehe auch, dass die puritanische Angst, des „Ich muss den eigenen Besitzstand wahren und habe keinerlei Ahnung wie das da funktioniert“ und das eigene absolute Unverständnis Euch diese Einschätzung suggerieren. Gleichermaßen nutzt Ihr diese Strukturen, um unfassbar unkontrollierbare Aktien zu handeln, Kriegshandlungen zu koordinieren oder Politik den Anschein der Transparenz zu geben.

Dummerweise ist Doppelmoral eine der am schnellsten nachweisbaren Schwächen im digitalen Zeitalter.

Man muss keinen, zum Glück randnotizbehafteten, Guttenberg bemühen, um zu beweisen, dass Lügen im Netz ungeahnt kurte Beine haben, wenn sie sich anmaßen, die Realität zu beschreiben. Ähnlich demokratisch, gerecht, wie im Falle des peinlichen Betrügers Guttenberg, geht es im Netz in wichtigen, politischen Angelegenheiten fast überall zu. Die Netzgemeinde hat eine Meinung. Und diese Meinung ist zum Glück weder zentral, noch einhellig. Aber eines ist sie immer: In der letzten Konsequenz demokratisch.

Würde also unsere oder eine andere Regierung mit ihrem leidlich anachronistischen Ansatz der Antianonymisierung des Internets Erfolg haben, zumindest auf Gesetzesebene, denn „real“ lässt sich dieser Gedanke spannender- wie glücklicherweise gar nicht umsetzen, die Freiheit des Individuums nicht mehr umkehren, müsste sie sich Gedanken machen, die sie sich scheinbar unverständlicherweise zur Zeit nicht macht. 12-jährige die sich mit Realnamen bei Facebook anmelden, um ihren Freunden private Fotos zu posten. Dissidenten in totalitär regierten Ländern, die ihren Klarnamen angeben, um demokratische Umstürze zu organisieren. Ihr wirren Geister, ist Euch eigentlich wirklich klar, was Ihr da fordert. Das Problem an Eure Vorstellungen ist, Ihr werdet die Zeit niemals zurückdrehen in die scheinbar gelobten Jahre vor der globalen Vernetzung. Ihr selber habt die Globalisierung gewollt!Ihr habt sie heraufbeschworen. Ihr habt sie mit Eurer Politik forciert. Und plötzlich bejammert Ihr eine Auswirkung Eures Tuns, ohne das große Ganze zu sehen. Ihr seid zu langsam. Schon gemerkt.


Nur nebenher. Ich selber benutze kein Pseudonym. Ich bin ich. Auch hier im – ach so – kriminellen, anonym verzerrten, gar maskierten Raum. Ich bin ich auf Twitter, dem wohl ehrlichsten und spontansten Medium, derer die Ihr fürchtet – zumindest fürchten solltet. Facebook, das Paradies der Klarnamen und Zurschaustellung der eigenen Identität, ist niedlich, ein familiärer Schafstall, in dem Menschen, die Eure penible Sorge nochmals unterlaufen, äußerst private Fotos ihrer Kinder einstellen, ist nicht Euer Problem. Diese Plattform ist Eurer Datensammelsucht doch eher zuträglich. Seid einfach ein wenig ehrlich. Ihr fürchtet das politische Kollektiv, den realen Menschen mit Meinung. Dem Bestehen Eurer merkwürdigen Kaste, zumindest in der korrupten, lobbygeleiteten Form, wie sie sich derzeit den „neuen Medien“ (wann seid Ihr eigentlich aufgestanden?) gegenüber ängstlich manifestiert, wurde leider schon zu lange zugeschaut und erst das „Mitmach-Medium“ Internet scheint hier die konzeptionellen Risse zu nutzen, die sich schon seit Unzeiten zeigen.        

Ich, als Privatmensch Markus G. Sänger, habe keinerlei Probleme, mit Gruppen wie „Anonymous“, die den Finger in die aktuelle Wunde legen. Ich verstehe aber jeden meiner Freunde auf Twitter, Blogger oder sonstwo, die sich angesichts solcher Umstände sicherer fühlen, unter einem absoluten Pseudonym zu schreiben. Deshalb breche gerade ich eine Lanze für alle jene, die dafür kämpfen, das Netz anonym zu halten. Ihr   habt Ihr eigentlich auch nur eine ungefähre Ahnung davon, wie aktiv das Netz sich selber kontrolliert, sauber hält und reguliert? Nein, habt Ihr natürlich nicht. Weil Ihr kein Teil der Netzcommunity seid. Weil Ihr nicht verstehen könnt, wie Meinungsfreiheit außerhalb staatlich kontrollierter Mechanismen funktionieren kann. Weil Ihr schlicht nicht akzeptieren wollt, dass Menschen frei sein wollen. Menschen, die nicht zwangsläufig „Böses“ im Schilde führen. Die sich nicht zwangsläufig am Zersetzungsprozess der Gesellschaft im demokratischen Sinne befleißigen. Ihr solltet EINES einfach mitnehmen: Das Netzt ist das Demokratischste was es jemals gab. Und das Zweite, was Ihr mitbekommen solltet ist, dass die Netzgemeinde kein rechtsfreier Raum im Sinne moralischer Verrohung ist. Die alte Tante Moral genießt hier durchaus einen guten Ruf. Ein Ruf, dessen Ihr Euch nicht habhaft fühlen dürftet. Ein Regulativ, welches im Unterschied zu so vielen fragwürdigen Staatsformen, die Ihr mit Eurer Politik – Waffenkäufe, strategische Partnerschaften, imagefördernde Staatsbesuche – unterstützt, mit sich im Reinen ist.

Nehmt es einfach mit:
Ich bin genau der, der ich vorgebe zu sein. Weil ich es kann – Euer Glücksfall. Und wenn es Menschen gibt, denen dieser unglaubliche Luxus nicht vergönnt ist, die sich mit Eurer Beobachtung unwohl fühlen, oder die schlicht keine Lust dazu haben oder schlichten und ehrlichen Spaß an Maskerade haben (spießiger, bürgerlich anerkannter Karneval, merkst Du was?), so ist dies kein Ausdruck verbrecherischer, terroristischer oder zersetzender Tendenzen, sondern schlicht sein oder ihr Bürgerrecht.     

  
Wer sich anschickt, das Internet derart reglementieren zu wollen, als wäre dies die gewohnte Realität, hat es schlicht nicht verstanden und ist zum Anderen leider KEIN lupenreiner Demokrat.
 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Lee Berthine schrieb am 08.08.2011 um 18:28
Ich sympathisiere jetzt einfach mal offen mit dieser deiner Meinungsäußerung.

Auch ich wünsche mir ein "freies Netz" für freie Leute!
Markus G. Sänger schrieb am 09.08.2011 um 08:49
Damit hast Du in lockeren 10 Worten exakt dasselbe gesagt wie ich ich ... etwas mehr ;-) Danke!
Lee Berthine schrieb am 09.08.2011 um 18:22
--wie jetzt, 10 Worte, soo viel ?!

der Dank ist ganz meinerseits = )
ebertus schrieb am 08.08.2011 um 19:30
"Ich, als Privatmensch Markus G. Sänger..."

Geht mir ebenso, und dennoch würde ich mir wünschen, dass in "normalen" Foren der Stellenwert von Nichtanonymen vom Plattformbetreiber höher angesiedelt wird, als der von Anonymen; gar sehr deutlich an die Community kommuniziert.

Weil doch der Plattformbetreiber oft von den Anonymen instrumentalisiert wird, zur "Drecksarbeit" animiert, zur sog. "Neutralität" aufgefordert wird. Und den Anonymen, der sich wegen einer gespreizt vorgetragenen Entrüstung wegen einer Beleidigung dann "outet"; realweltliche Konsequenzen androht, den hat die Welt noch nicht gesehen.

Vice versa schon, der Nichtanonyme, der leicht Identifizierbare dagegen, der hält sich in der Regel und auf dem Niveau unterhalb der Gürtellinie zurück, auf ähnlichem, rassistischen, sexistischen etc. Niveau zu antworten; die rechtliche Relevanz liegt auf der Hand...

Insofern meine ich, liegt auch ein Gutteil Bigotterie in der aktuellen Diskussion. Die alltägliche, eher in den grassroots der Foren angesiedelte Kultur der Beleidigungen, der Diffamierungen hat mit dem Krieg der "Streichler von Benzinkanistern", der Redenschwinger im Sportpalast, den allwissenden (gewalttätigen) Heilsbringern exterritorialer Kommandoaktionen, der amtlichen "Freude" über mögliches Gelingen nur mittelbar etwas zu tun.

Und die technischen Möglichkeiten (z.B. via einem VPN-Proxy) sind wohl jenseits des Verständnishorizonts eines Friedrich (Zimmermann).

Btw. So einen, die eigene IP maskierenden VPN-Proxy nutze ich (sporadisch) ebenfalls; wenn Youtube mir mal wieder sein Bedauern ausspricht. Bin ja kein Terrorist, der sich gern mal vom BKA (und massenmedial) vorführen läßt, weil er die falschen Grillanzünder für seine richtigen Bomben gekauft hat.
Markus G. Sänger schrieb am 09.08.2011 um 08:54
Deine Meinung schwingt bei mir hoffentlich auch ein wenig mit. Ich selber sehe es auch - und ich gehe nur von mir aus - für mich persönlich als wichtig an, mich nicht hinter Pseudonymen zu verstecken, sondern ich zu sein. Anonyme können bestimmt Missstände aufdecken, aber ändern können nur reale Menschen etwas. Dennoch möchte ich eine Lanze brechen für diejenigen mit weniger Mut zur Meinung. Es gibt unendlich viele, die eine dezidierte und fern jeder Radikalität liegende Meinung haben, sich aber niemals trauen würden, diese öffentlich zu machen unter ihrer eigenen Flagge.
Markus G. Sänger
Ich verschenke mein Buch "Der Virologische Magnet". Gratis Buch-Download komplett auf www.derherrgott.de Bei Gefallen empfehlt mich bitte weiter! Kann man natürlich auch kaufen ;-)
Mitglied seit:
1 Jahr 14 Wochen
Zuletzt aktiv:
22.05.2012
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 19
Kommentare: 15
Mein Projekt:
Mein Web:
Logbuch
07:35
Wolfram Heinrich hat gerade einen Kommentar geschrieben.
07:24
h.yuren hat gerade einen Kommentar geschrieben.
07:08
h.yuren hat gerade einen Kommentar geschrieben.
06:56
tlacuache hat gerade einen Kommentar geschrieben.
06:43
Hans Shan hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG