„Du bist Dienstleister, ne?“ Zwei Sitze weiter lehnte ein großer, kräftiger Typ an der Bar. Seitdem ich den Laden betreten hatte, hatte er mich fokussiert. Nun kam er langsam herangerutscht und schaute als erstes auf meine Stoffschuhe. Draußen hatte es geregnet und sie waren nass und fleckig.
Er trug bequeme Turnschuhe. Nicht mehr neu, aber gut erhalten. Sein Parfüm stach kurz in der Nase. „Du bist doch einer der Dienstleister, oder?“
„Journalist, wieso?“
Ich war verunsichert. Seitdem ich mich für den Job entschieden hatte, versuchte ich zu vermeiden, wie ein Stereotyp auszusehen. Am Anfang ist man sich immer sicher, Menschen in Schubladen stecken zu können. Man schaut ihnen auf die Schuhe, auf die Frisur, auf die Kleidung, auf die Haltung und auf die Wörter, die sie beim Reden benutzen. Man analysiert sie und versucht sie in ein Milieu einzuordnen. Das erleichtert es vordergründig einen Anhaltspunkt mit der Person zu haben. Eine raue Stelle, an der man sie kriegt und die ihr zeigt „Ich habe mich mit Menschen wie ihr auseinandergesetzt“. Kein Wunder, warum jeder Mensch mit Verstand Journalisten als arrogant und oberflächlich bezeichnet.
Sein Blick wanderte zwischen meinen Händen, meinem Glas, die sie umschlossen und mein Gesicht.
„Ich habe lange keinen von euch mehr gesehen hier.“ Seine Stimme war fest und herausfordernd. Nicht voll Respekt, wie ich es aus dem Büro kannte, wo man nur arrogant auftreten musste, um allen Angst einzuflössen.
„Die Geschäfte laufen schlecht. Die meisten meiner Kollegen können nicht mehr raus und Geld ausgehen.“
„Ist es also wahr, was Google sendet? Das ihr am Ende seid und bald niemand mehr Nachrichten produzieren kann?“
Ich schaute nur in mein leeres Glas und nickte betont locker.
„Ui, das ist harter Tobak. Komm ich bestell uns noch etwas.“
Er nickte dem Barkeeper zu und machte kurze Handbewegung. Seit Jahren hatte ich niemanden mehr gesehen, der die Stummsprache benutzte, die Anfang der Zehner zur Kommunikation im Nachtleben erfunden wurde. Einige Monate war es das In-Ding auf allen Blogs, bis es dann von irgendetwas anderem abgelöst wurde.
„Ich heiße Benni.“ Er streckte mir seine Hand entgegen. Ich nahm sie und murmelte nur kurz entschuldigend meinen Namen runter: „Pepe.“
„Pepe? Hast du irgendwie spanische Wurzeln?“
„Ne, ich heiß Paul. Aber irgendwie ist mir der Name zu Kragen-hoch gewesen früher.“
„Hm.
„Ich habe Techniker gelernt. Bei Volkswagen. Erst am Band, und dann mit diversen Weiterbildungen bis zum Techniker. Als wir dann Porsche übernommen haben, habe ich als Sachbearbeiter meinen Schein gemacht und mich nur noch um Produktionsverbesserung gekümmert. Also Roboter bestellt, die Menschen ersetzen sollen.“
„Du bist also einer von denen, die Menschen überflüssig machen. Ich finde das gut. Irgendwann braucht niemand mehr harte Arbeit zu machen. Ein Traum wird wahr.“
„Hm. Ja. In meiner Doktorarbeit habe ich mit daran geholfen, neue Abläufe zu planen, damit wir die Belegschaft von 200 auf 100 halbieren konnten. Ich meine, das meiste haben die Arbeiter sowieso selbst geliefert. Uns wird ja beigebracht, wie wir die Prozesse so regeln können, damit besser gearbeitet werden kann.“
„Ihr baut als quasi selbst euren Arbeitsplatz ab.“
„Ja, genau wie ihr mit dem Kampf Medien gegen Internet.“
„Aber seit wann ist das so? Dass Journalisten so Teil der Produktionsmaschine sind, so wie vorher nur Fabrikarbeiter?“
„Seitdem sie ernst sind, neutral und produktiv und sich selbst einen Dildo in den Arsch gesteckt haben.“ Ihr seid nichts weiteres als Maschinen, die Information aufnehmen, verarbeiten und veredelt ausspucken. Früher wart ihr die Dandys, die Jungs, die alles haben konnten. Immer jemanden kannten, der ihnen alles besorgen konnte – Drogen, Geld, Zugang zu hübschen Mädchen und Macht. Seit dem Internet seid ihr Soldaten. Söldner, die ihr Herz für etwas verkaufen und früher übelst viel Geld dafür bekommen haben. Seitdem man Praktika nicht nur kostenlos macht, sondern auch für welche zahlen muss, seitdem seid ihr die Ameisen, die den Bau am Laufen halten.
Er musterte mich mit einer Art, die es unmöglich macht, zurückzugucken und wegzugucken.
„Was ist los?“
„Ich fühle mich alt.“
„Du willst alt sein? Hast du Kinder? Hast du ein eigenes Haus? Bist du verheiratet?“
„Nein. Aber wenn ich die Mädels dahinten sehe, die ich niemals kennen lernen werde, dann weiß ich, dass ich alt bin.“
„Einen Scheiß weißt du.“ Er nahm einen tiefen Schluck und hob an:
„Du wächst auf und alle sagen dir, du kannst alles machen in deinem Leben. Du kannst alles werden, was du dir vornimmst. Und du glaubst ihnen. Irgendwann bist du zu alt, um noch Fußball in der Nationalmannschaft zu spielen, und du merkst zum ersten Mal, was es heißt alt zu sein. Dann bist du irgendwann zu alt, um in die wirklich guten Klubs eingelassen zu werden und du merkst, wenn du die unglaublich hübschen, jungen Mädchen siehst, wie alt du wirklich geworden bist. Und dann geht es auf einmal los, dass andere als Nachwuchstalente Preise gewinnen und du schaust in dein Regal und entdeckst keinen Nachwuchspreis und merkst wieder, wie alt du geworden bist, dass du nicht mehr zum Nachwuchs gehörst. Bis du irgendwann Fotos von Politiker anschaust, die bundesweit oder weltweit Karriere machen und du siehst, sie sind genauso alt wie du. Und welches Land leitest du? Welches Unternehmen hat dir deine erste Millionen eingebracht? Welche unglaublich hübsche Frau hat dich genommen, weil du auf ihrem Intelligenzniveau bist und nicht weil sie nur Interesse an deinem Geld oder Schwanz hat?“
Er nickte dem Barkeeper zu und bestellte mit einem Handzeichen zwei weitere Jägermeister.
„Weißt du, es gibt immer jemanden um einen herum, der jünger ist und etwas besser kann, was du gerne richtig gelernt hättest. Aber der Unterschied ist: Die wissen nichts von ihrem Talent und werden es einfach verschwenden, um etwas machen zu können, was sie unbedingt lernen wollen und was die Generation nach ihnen viel leichter lernen wird. Es ist ein scheiß Teufelskreis, und du warst dem nicht entfliehen, wenn du dich immer nur mit anderen vergleichst und ihre Schwächen nimmst, um besser darstellen zu können.“
Er trank einen Jägermeister aus und bevor ich den anderen in die Hand nehmen konnte, nahm er ihn, steckte das Fläschchen in seine Tasche und ging, ohne etwas zu sagen, zur Tür. Der Barkeeper schaute nicht hoch.
Es dauerte einige Zeit, bis ich mich wieder gefangen hatte. Ich stand auf, machte dem Barkeeper ein Zeichen und ging zur Tür.
„Moment!“ Der Barkeeper war mir gefolgt und hielt mich nun mit einer Hand hart an der Stoffhose fest. „Haben Sie nicht etwas vergessen?“
„Hm?“
„Zu bezahlen?!“
„Aber…? Hat das nicht…?“ Auf einmal wurde mir einiges klar. Der Arbeiter von vorhin hatte sich nur zu mir gesetzt, damit er nicht für seine Getränke bezahlen muss. Deswegen hatte er darauf bestanden, die Drinks auszusuchen und zu bestellen. Ich watschelte mit dem Barkeeper zurück zur Theke, legte ihm meine Karte auf den Bezahlpod, legte ein paar Münzen (Münzen werden nur noch zum Bezahlen von Essen auf der Straße und als Trinkgeld verwendet) dazu und drehte mich um. Niemand sagte etwas, nur ein paar Mädchen schauten in meine Richtung und machten verächtliche Kaubewegungen mit ihren Mündern.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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