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Jan T. Gross kann mit Fug und Recht als das Spieglein an der Wand bezeichnet werden, welches den Polen ihre hässlichste Fratze mit größter Genugtuung entgegenhält. Er wurde als Polenhasser beschimpft, weil er ihnen die alleinige Opferrolle des Zweiten Weltkrieges abspricht. In seinem ersten Buch „Nachbarn“ ist von Polen die Rede, die im Krieg mit den Nazis kollaborierten, ebenso wie von antisemitischen Pogromen in der Gemeinde Jedwabne im Jahre 1941. Die Anschuldigung Gross’, dass Judenverfolgungen auch von Polen ausgingen, führten zu heftigen Kontroversen in der Öffentlichkeit. Der Sejm erlies gar in einem Gesetz, welches jedem bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe angedrohte, der öffentlich die polnische Nation der Teilnahme, Organisation oder Verantwortung für kommunistische oder nationalsozialistische Verbrechen bezichtigt. Inzwischen ist diese „Lex Gross“ jedoch wieder aufgehoben.
Vor allem von erzkonservativer Seite wurde dem Geschichtswissenschaftler vorgeworfen, dass das 2001er „Nachbarn“-Werk ungründlich recherchiert und emotionalisierend und pauschalisierend geschrieben ist. Bei der Lektüre des Kontinuationswerkes „Angst“ aus dem Jahre 2008, drängt sich die Vermutung auf, Gross gefiele sich in der Rolle des Hetzers. Er überhöht seine eigenen wissenschaftlichen Erkenntnisse in der These, dass dem gesamten polnischen Volk während und nach dem Zweiten Weltkrieg ein zügelloser Antisemitismus innewohnte. In „Angst“ wird diese die Grundannahme bild- und wortreich am Beispiel des Kielcer Pogroms dargestellt.
Gross’ Beschreibung der Ereignisse vom 4. Juli 1946 deckt zwei Fakten eindeutig auf: einerseits die Intention des Autors jetzt erst recht zu emotionalisieren und pauschalisieren und andererseits die Grausamkeit, mit der die polnischen Juden bei der Rückkehr in ihrer alten Heimat empfangen wurden.
Insgesamt kamen bei den Pogromen, die von der polnischen Staatspropaganda als Ausschreitungen bezeichnet wurden, 41 Juden ums Leben – weitere 81 wurden schwer verletzt. Die Verfolgungen liefen weitestgehend ungezügelt und ungeplant ab, umfassten aber den Großteil der Kielcer Bevölkerung. So fielen jene Einwohner, die den Juden zur Hilfe kamen, ebenfalls dem wütenden Mob zum Opfer. Immerhin ein Viertel der Kielcer partizipiert aktiv an den Übergriffen. Der Rest, so ein Augenzeuge, war nicht geschockt oder in seiner Laune getrübt. Allein aus diesen Zahlen liest Gross eine breite Akzeptanz der antisemitisch motivierten Anschläge ab. Problematisch erscheint, dass er bei seinen Darstellungen sehr drastische Beispiele wählt und nur die Opfer und deren Sympathisanten zu Wort kommen lässt. Eine objektive Stimme fehlt ebenso, wie Aussagen der Täter.
Der eigentliche Auslöser für die Pogrome, war das Verschwinden eines christlichen Kindes. Direkt wurden Gerüchte über einen, angeblich von Juden begangenen, Ritualmord gestreut. Als tiefergehendes Motiv führen die Täter selbst die Besserstellung der jüdischen Bevölkerung an. Die Juden seien unproduktive Elemente, die die staatlichen Bäder bevölkerten und finanziell bevorzugt würden. Kurz: Sie seien Sozialparasiten, die darüber hinaus dubiose Geschäfte abwickeln. „For the record,“ meint Gross, „the jewish population in Poland was destitute, emaciated, ruined, sick and traumatized. If there was a group of people suffring from post-traumatic stress disorder [before this diagnosis was invented] they were the group.”
Die jüdischen Säuberungen nach dem Zweiten Weltkrieg haben noch einen anderen Grund. Die marktwirtschaftliche Lücke, die mit dem Verschwinden des Juden im Zweiten Weltkrieg entstand, wurde von Polen gefüllt. Erstmals entstand ein polnischer Mittelstand, erstmals entfloh die polnische Landbevölkerung dem bäuerlichen Leben. Diese neue ökonomische Vormacht verteidigten die Polen gegen die Juden, die nach dem Krieg ihren Besitz zurück haben wollten.
Was Gross mit seinen methodologisch fragwürdigen Publikationen anstieß, war nicht weniger als eine polnische Auseinandersetzung mit sich und der eigenen Opferrolle. Nicht die Polen seien die größten Opfer des Zweiten Weltkrieges, sondern die Juden, meint der jüdische Historiker. Eine Tatsache, die die polnische Nation bis heute in Frage stellt.
Dass die Polen selbst zum Täter wurden, steht zumindest für Mariusz Morgal, der von Gross genüßlich zitiert wird, außer Frage: „The Poles have executed Hitlers plan to perfection.“ Die gilt besonders seit der antisemitischen Kampagne der sozialistischen Partei aus dem Jahre 1968, mit der die jüdischen Kader aus den eigenen Reihen getilgen werden sollten. Seither leben weniger als 100.000 Juden in Polen, andere Schätzungen sind noch pessimistischer. Noch 2005 bekundeten laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes CBOS 45 % der polnischen Bevölkerung eine Antipathie gegenüber Juden.
www.dersalon.org/meinung/angst-und-die-polnischen-juden-nach-1945-1606/
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Man wundert sich irgendwie beim Lesen dieses Textes. Welchen Zweck verfolgt der Autor heute, im Jahre 2010, zwei Jahre nach diesem Buch "Angst" mit diesem Text, der vorgibt, objektiv zu sein, dabei aber Gross in die Nähe des Hetzertums rückt, seine Arbeitsweise emotionalisierend nennt (als ob das nicht subjektiv wäre) und seine Methode als unwissenschaftlich darstellt? Cui bono?
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Niemals gibt der Text Objektivität vor - er ist Subjektiv, ebenso wie er lediglich aufzeigt, welchen Weg Gross wählte, um eine Debatte, ein Umdenken, anzuregen. Hetzertum, Emotionalisierung, Unwissenschaftlichkeit sind allesamt rezipierte Begriffe. Wundern über den Zweck bleibt hier wie da bestehen. Die Mittelstandsthese ist unter polnischen Historikern wohl weitgehend anerkannt.
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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