Die Ahnungslosen

WM-Blog der Ahnunglosen

05.07.2010 | 10:46

Die beste Figur machen Männer, wenn sie fliegen ...

Die Autorin jayne schreibt hier auf freitag.de.



Dieser Gedanke kam mir, als ich das Viertelfinalspiel Uruguay - Ghana verfolgte, die Männer auf dem Spielfeld schienen zeitweise zu Luftwesen mutiert, und kurz vor der für Ghana tragischen Endphase sollte sich ein Feldspieler der gegnerischen Mannschaft soweit vergessen, daß er vermeinte, den Torwart höchstselbst zu personifizieren und also couragiert mit der Hand den ins Gehäuse eintrudelnden Ball abwehrte. Die Rote Karte für den Spieler und der Elfmeter für Ghana halfen da kaum, Gerechtigkeit herzustellen.

Nun ja, es liegt nicht nur am in mancher Beziehung fragwürdigen Reglement der FIFA oder an den Fehlentscheidungen des einen oder anderen Schiedsrichters, daß mir ab und an die Freude am Spiel abhanden kommt. Zeitgleich zum Start des Viertelfinales debattierte der Bundestag z.B. die Ergebnisse der G8- und G20-Gipfel in Toronto, die recht kläglich ausgefallen sind - so führt zum Beispiel derzeit kein Weg zu einer internationalen Finanztransaktionssteuer. Doch die Kanzlerin verkaufte die auf dem Gipfel erfahrene Unterstützung für ihren Sparkurs als Erfolg.

Zeitgleich wurde auch bekannt, daß man seitens der Bundesregierung über eine Anhebung des Beitragssatzes für die Krankenkassen nachdenke, und der ermäßigte Mehrwertsteuersatz für Dienstleistungen und Produkte steht ja sowieso zu Disposition. Aber darüber will man sich erst genauer äußern, wenn sich die Gemüter abgekühlt haben ... Und von Bundestagspräsident Lammert war vorab zu vernehmen, er wünsche sich eine ganz andere Parteienlandschaft, organisiert nach dem Beispiel von Bürgerinitiativen, was den Parteien künftig das Verfassen von Grundsatzprogrammen ersparen könnte ...

Während die 2. Halbzeit des Spiels Argentinien - Deutschland lief, waren wir auf der Straße unterwegs, um wieder einmal in der Übigauer Lindenschänke Einkehr zu halten und uns dort mit Freunden zu treffen. Wir hatten natürlich das Autoradio eingeschaltet, denn im Rundfunk hören sich Spielreportagen immer spannend an, ganz gleich, was auf dem Feld passiert ... Als wir die Vorstadt erreichten, mußten wir aufpassen, keinen der Radler anzufahren, die ihre Fahrzeuge reichlich mit Flaggen bestückt hatten, sodaß sie vom Verkehr nicht viel mitbekommen mochten.

Auf der Freiterrasse des Restaurants erörterten wir, weshalb die deutschen Nationalfarben so trist, so schwermütig wirken, und was eigentlich das Schwarz assoziiere. Vielleicht hatten sie den Schwarzwald im Sinn gehabt, mutmaßte eine Freundin, immerhin habe die republikanische Bewegung ja vor allem im Südwesten Deutschlands ihren Ausgang genommen. Eine andere meinte, die Trikolore wäre auf den Buntschuh zurückzuführen, und damit lag sie zeitlich gar nicht so schlecht, wie Recherchen ergeben sollten. In Schwarz und Rot und Gold präsentierte sich auch das Reichsbanner des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation im Hochmittelalter.

Ein weiterer Ursprung für diese Farben liegt in den Uniformen des Lützowschen Freikorps, das sich an den Befreiungskriegen gegen Napoleon beteiligte. Dazu gibt es auch einen historisch verbürgten Spruch: Aus der Schwärze der Knechtschaft durch blutige Schlachten ans goldene Licht der Freiheit. Was für eine Freiheit das dann auch immer gewesen ist ... Auch die belgische Fahne, die uns ob der etwas veränderten Farbanordnung weit freundlicher dünkte, blieb in der Debatte nicht unerwähnt – wer dachte da z.B. schon an Charleroi ...

Zu den immer etwas verloren wirkenden Klängen der Vuvuzelas hierzulande sollte sich das Zerscherben von Porzellan gesellen – im Lokal residierte eine deutsch-asiatische Hochzeitsgesellschaft und die ankommenden Gäste entledigten sich mit Bravour ihrer Aufgabe. Der von einem Freund mitgebrachte Hund begann zu zittern, es machte Mühe, ihn wieder zu beruhigen. Irgendwann schnitt dann eine von uns das Thema Fesselungskünste an, was den Reiz daran ausmache, und all das Wahrgenommene begann sich in mir eigenartig zu vermischen ...

 
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Kommentare
jayne schrieb am 05.07.2010 um 11:14
als ergänzung noch einige flaggen:

das bis 1401 gültige Reichsbanner
svg version by: Masur based on Image:Flag Germany Emperors Banner.png by Jaume Ollé


Entwurf für Nationalflagge 1948
version by Ziegelbrenner
[jetzt weiß ich nicht, ob die Bilder hier erscheinen, aber man kann das alles auch auf der wikipedia-seite sehen]
Mingus schrieb am 05.07.2010 um 11:41
Wir hatten natürlich das Autoradio eingeschaltet, denn im Rundfunk hören sich Spielreportagen immer spannend an, ganz gleich, was auf dem Feld passiert ...

Als Deutschland zuletzt so erfolgreich spielte, weilte ich im Freibad. Das Becken war fast leer, nur eine ältere Dame und ein Mr. Bodybuilder schwammen ihre Runden. Der kleine Rest der Abtrünnigen, der sich sonst noch im Bade aufhielt, stand gruppiert um ein Kofferradio, aus dem das Spiel lautstark phonte. Was blieb mir anderes übrig, als unterzutauchen... ;-)
poor on ruhr schrieb am 05.07.2010 um 13:24
Liebe jayne,

danke. Sehr schöne Bezüge zur Geschichte unserer Flagge und zur Politik, die mir sehr gut gefallen haben. Zeigen sie doch, dass es noch eine Welt außerhalb des Fußballs gibt. :)

Herzliche Grüße

rr
merdeister schrieb am 05.07.2010 um 16:50
Und wer hat die schwarz-rot-goldene Vuvuzela erfunden?
jayne schrieb am 05.07.2010 um 17:05
gute frage, schwierige frage - leichter läßt sich z.b. die frage nach der künftigen rolle der vuvuzela in der popmusik beantworten ...
Vom aussehen her ähnelt das instrument übrigens der darstellung jener posaunen, die die mauern von jericho zum einsturz gebracht haben sollen ...
archinaut schrieb am 06.07.2010 um 00:01
Liebe jayne,
danke für die liebenswürdigen Abschweifungen
(und den ausdeutbaren Titel !)
weinsztein schrieb am 06.07.2010 um 01:51
Liebe Jayne,

in den 90-er Jahren entstand eine Initiative in Köln mit dem Ziel, die Farben der deutschen Fahne umzudrehen, also gold-rot-schwarz.

Schwarz stehe für Vergangenheit, Bürokratie oder Tod und dürfe daher nicht oben stehen. Rot stehe für Freiheit, Kampf, Liebe, Blut, Leidenschaft. Und Gold für für eine ebensolche Zukunft und Reichtum. (Falls ich mich richtig erinnere.)

Eine größere gesellschaftliche Debatte entstand damals nicht, hätte mir aber gefallen.

Goldene Zukunft
Rote Freiheit
Schwarze Vergangenheit
jayne schrieb am 06.07.2010 um 07:23
daß das obenstehende schwarz bedrückend, ist auch mein gefühl; erinnert sei auch an diesen wohltuenden lapsus der ard von 2008:
upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/a/a9/Flag_of_Germany_as_seen_in_Tagesschau.jpg/800px-Flag_of_Germany_as_seen_in_Tagesschau.jpg

Urheber Own work
Genehmigung
(Weiternutzung dieser Datei) See below
hibou schrieb am 06.07.2010 um 07:25
ey schwarz war immer die flagge der anarchisten
jayne schrieb am 06.07.2010 um 07:30
das ist etwas anderes ... sozusagen ein leuchtendes schwarz ...
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Canabbaia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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