Ich fahre mit dem Auto zum Bahnhof, parke, springe in den Zug, ich bin in Eile. Zugfahren. Toll: Zeit zum Lesen, nahezu ungestört, sieht man von dem nach Kaffee fragenden Personal ab, das „gerade eben in XY-Stadt extra für Sie zugestiegen ist.“ Dass ich den Zug nicht wechseln muss, gefällt mir, immerhin ist es kalt draußen. Es ist ja immer noch Winter, beschwert sich der Deutsche im Winter. Am Zielbahnhof angekommen, ist neben mir auch mein Mobiltelefon wieder empfangsbereit.
Nichts. Kein Wort. Keinen Satz verstehe ich. Stimmelage, Wortwahl und Sprechgeschwindigkeit verschleiern die Aussage. Es klingt nach einem chinesischen Dialekt, den ich nicht verstehe. Ich verstehe überhaupt kein Chinesisch. Und dann, nach ungefähr 15 Minuten des wortlosen Zuhörens, ein Wort, ganz deutlich: Vergessen. Etwas zu vergessen ist in den seltensten Fällen gut. Ich simuliere weiter, ich verstehe Chinesisch und gehe parallel meine Termine durch. Nichts vergessen. Alles erledigt. Ich kontrolliere die Einträge in meinem Kalender. Nichts vergessen. Alles erledigt. Aber irgendetwas habe ich wohl vergessen? Würde ich nie etwas vergessen, hieße ich Goggle. Aber wer heißt schon Goggle? Meinen Hund würde ich so nicht nennen. „Google, siiiiiiitzt, ja, feiiiiin, brav, Google, brav.“ Zum Gassipartner: „Google hatte dieses Jahr schon fünf Mal Zecken. Ihr Hasso auch?“ Und Goggle als Vorname? Das geht nicht, da das Deutsche Namensrecht vorschreibt, mit dem Vornamen das Geschlecht des Kindes zu verdeutlichen. Es sei denn, ER soll Maria heißen, das geht. Und Goggle als Nachname. „Herr und Frau Google, schön, dass Sie wieder bei uns sind. Gisela und Günther Google, Stammgäste des Hauses. Ich finde, da schwingt Glamour mit, ohne a la Hollywood in Googleina zu gipfeln.
Wie dem auch sei, ich habe etwas vergessen. Keine Notiz, keinen Eintrag mit Erinnerungsfunktion im Mobiltelefon. Ich hatte vergessen, dem Vergessen durch Vergessensabhilfe entgegenzuwirken. Noch mal der Kalender. Ich kenne mich gut, also blättere ich einen Tag zurück und einen vor: Tante Erna am Bahnhof abholen und mit in den Zug nehmen. Es tut mir wirklich, wirklich leid, aber mein Namen ist nicht Goggle.
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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