dilah

Blog von dilah

21.06.2009 | 16:13

"Wir sind hier und wir sind laut, weil man uns die Freiheit klaut"

Netzaffine Grundgesetzbeschützer demonstrierten am 20.06.2009 in Berlin für „Löschen-Statt-Sperren“ und gegen die Errichtung einer Zensur-Infrastruktur per Zugangserschwerungsgesetz.

Geht man von der inzwischen millionenfach etablierten Nutzung des Internets in deutschen Haushalten aus, so war am Samstag gegen 12 Uhr zunächst einmal erstaunlich, wie wenig stark vertreten eben diese Nutzer auf einer von der Piratenpartei initiierten Demonstration gegen den Bruch des Grundgesetzes am Willy-Brandt-Haus vor der SPD Parteizentrale in Berlin erschienen.

Etwa 300 Menschen war es demnach wichtig, den Protest aus dem Internet ins reale Leben auf die Strasse zu bringen, was ja besonders im Hinblick auf dieses medial bislang eher schwach besetzte Thema die Möglichkeit böte, einer breiteren Masse den Zugang inhaltlich zu erleichtern und mehr Protest auf die Strasse zu bringen. Schließlich geht es gerade jetzt darum, den Bundesrat durch ein starkes Entgegenwirken doch noch von der letztendlichen Beschließung des Gesetzes abzuhalten.



 


 

 

 

 

 

 

 

 


Falsches mit scheinbar richtigen Argumenten durchgesetzt

Hintergrund der Proteste gegen das Zensurgesetz ist vor allem die Art und Weise, mit welcher die derzeit noch amtierenden großen Parteien unter dem Deckmantel der Verhinderung von Kinderpornografie im Internet bahnbrechende und in Ihrer letztendlichen Konsequenz noch nicht einmal absehbare Änderungen am Grundgesetz durchgedrückt haben. Fakt ist jedoch eher die Unwirksamkeit im Schutz von Kindern durch solche Art von Zensur, ja sogar die Förderung der Kinderpornografie durch das Gesetz. Zum einen stammt ein Großteil des Materials von missbrauchten Kindern aus dem familiären Umfeld, zum anderen ist die angestrebte Sperre technisch unwirksam, ja fördert entgegen ihrer Intention sogar die Kinderpornografie. Geraten nämlich die Sperrlisten in die Öffentlichkeit, wie in Dänemark geschehen, bedanken sich Pädophile für den durch die Regierung gestellten Katalog an Daten.

Der Artikel 5 des Grundgesetzes, welcher eine Zensur klar verneint, wird nebenbei auch erst einmal ausgehebelt: „Eine Zensur findet nicht statt“.

Die größte Petition in Deutschland wurde, wie auch die Meinungen der Experten und Juristen des Bundestages, komplett ignoriert und per Eilverfahren dann das Gesetz durchgedrückt.

Für Verärgerung gesorgt hatte auch, dass mit Hilfe von Suggestivfragen und dem Vorenthalten von Informationen Umfragen erstellt wurden. Diese liefen dabei dann erwartungsgemäß darauf hinaus, dass 90% der Deutschen sich für das besagte Gesetz aussprachen. Jedoch sprachen sich ganze 92% der Befragten gegen diese Sperre aus, als eine unabhängige Umfrage mit allen relevanten Informationen durchgeführt wurde.

Laut sein gegen Unrecht

Auf eben diese ungeschickten Taktierungen wiesen zu Beginn der Demonstration vor dem Willy-Brandt-Haus und im Anschluss der Demo-Route am Potsdamer Platz auch die geladenen Redner hin. Florian Bischof (Piratenpartei Berlin), Björn Jotzo (stv. Fraktionsvorsitzender der FDP im Berliner Abgeordnetenhaus), Max Löffler (Bundesvorstandssprecher der Grünen Jugend) Jörg Tauss (ehemals SPD) und - spontan angetreten - Hans-Christian Ströbele (Bündnis 90/Die Grünen) wiesen auf die Brisanz der einschneidenden Grundwerteverletzungen hin und warnten vor möglichen weiteren Folgen. Es hatten sich derweil sogar schon CDU Politiker kurz nach der Verabschiedung des Gesetzes im Bundestag für weitere Sperrungen anderer Internetinhalte eingesetzt. So könnten beispielsweise aufgrund von Interessenverflechtungen unliebsame Inhalte aus dem Internet mit Hilfe des Gesetzes ausgeblendet werden.

Jörg Tauss bestätigte, wie bereits einige Tage vor der Demo bekannt wurde, seinen Austritt aus der SPD (nach 38 Jahren Mitgliedschaft) und den Eintritt in die Piratenpartei. Vor lauter Vorfreude auf sein neues Betätigungsfeld sah man Herrn Tauss dann auch gleich Piratenfahnen schwenkend inmitten der Menge, die diesen Vorgang lautstark bejubelte.



 

 

 


 

 

 

 

 

 


Wer genau hinsah konnte dabei jedoch leichte Verunsicherung bei Florian Bischof von der Piratenpartei erkennen. Ob er nur überrascht war oder daran dachte, dass eine Klage gegen Herrn Tauss noch anhängig ist, war unklar. Hier wird es sicher spannend sein, den weiteren Verlauf und Werdegang vom Piraten Tauss zu beobachten. Vor Jahren verließ bereits ein anderer SPDler aus Frust seine Partei, um bei der Linkspartei sein Glück und Geltung zu suchen. Letztendlich hat diesem dieser Wechsel nicht sehr viele Lorbeeren eingebracht.

Florian Bischof wird für die Piratenpartei im September als Kandidat von Berlin-Friedrichshain antreten, falls die Piraten bis dahin die 1000 Unterschriften zusammen bekommen, die Ihnen für einen Antritt zur Bundestagswahl noch fehlen.

Alles in allem war die Demonstration am letzten Sonnabend eine gelungene Veranstaltung. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Demonstration das nächste Mal auch vor anderen Parteizentralen einfindet und dass sich der ein oder andere mündige Netzbürger, über Online-Petitionen hinaus, raus auf die Strasse traut. Dort ist bislang immer noch der beste Platz, um seinem Unmut Luft zu machen und auch wahrgenommen zu werden.

 
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Kommentare
Friedland schrieb am 21.06.2009 um 16:59
"Der Artikel 5 des Grundgesetzes, welcher eine Zensur klar verneint, wird nebenbei auch erst einmal ausgehebelt: „Eine Zensur findet nicht statt“."

Hier erstmal der Artikel 5 komplett:

Artikel 5

(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

(3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.

Ergo: Meinung und Berichterstattung sollen frei sein von Zensur. Kriminelles / strafrechtlich relevantes Verhalten fällt da nicht drunter. Auch wenn die (vorgeschlagenen) Mittel technisch falsch sind, eine Verfolgung und ein Verbot von Kindesmißbrauch hat nichts mit Artikel 5 zu tun.
dilah schrieb am 21.06.2009 um 22:35
Danke für den Hinweis. Da war ich wohl bei Artikel 5 etwas zu "parolisiert".
Mich interessiert eh, wie sich die Protestler verhalten hätten, wäre von vornherein eine Löschung statt einer Sperrung forciert worden. Für mich ist da der Unterschied im Hinblick auf den Eingriff des Staates nicht so sonderlich groß.
Fraglich bleibt für mich jedoch letztendlich auch, warum statt verschärfter Strafverfolgung und Löschung eine Sperrung/Zensur bevorzugt wurde. Die Initiative Jugendschutz.net soll wohl mit dem Anschreiben besonders auch ausländischer Serverbetreiber/Provider sehr erfolgreich sein, was die Löschung strafrechtlich relevanter Inhalte betrifft.
sam schrieb am 21.06.2009 um 23:41
Das stimmt natürlich. Aber: die Einschränkung der durch das Grundgesetz garantierten Freiheitsrechte ist nur vorzunehmen, wenn andere Maßnahmen nicht ausreichen. In diesem Fall hat die Exekutive jedoch andere Möglichkeiten der Strafverfolgung, die bisher nicht richtig genutzt werden, wie eben die Löschung solcher Inhalte herbeizuführen, was außerdem weitaus wirksamer ist. Problematisch ist ja vor allem auch die Rolle, die das BKA dadurch einnimmt, nämlich das einer staatlichen Zensurbehörde. Daran ändert auch ein Kontrollgremium nichts. Die Listen bleiben schließlich immernoch geheim. Dass solche Kontrollgremien auch des öfteren versagen, wurde auch in Deutschalnd schon oft genug bewiesen. Und zuletzt bedeutet die Zensur ein Versagen des Rechtsstaates, der sich nicht zu helfen weiß. Und es geht um das Potential der Ausweitung der Zensur, Versprechen der Regierung hin oder her. Das ist ein Dammbruch mit unserem demokratischen Grundverstänmdnis in Deutschland. Kosten und Nutzen sind mit dem Gesetzesbeschluss nicht im Einklang.
mbiebusch schrieb am 22.06.2009 um 10:32
Die Veranstaltung fand nicht nur in Berlin statt, sondern ähnliche Demos gab es auch in vielen anderen deutschen Städten. Eine Liste inklusive Bilder und Videos der Veranstaltungen findet sich unter Anderem auf netzpolitik.org/2009/zensi-zensa-zensursula-die-ersten-demobilder/ #

Die Demos wurden innerhalb einer Woche geplant und ausgeführt - das ist schon eine reife Leistung. Vor wenigen Monaten wäre das noch nicht denkbar gewesen. Mit etwas mehr Vorlauf ist da sicher noch mehr drin.
dilah
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ich hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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