5
]
Die Schizophrenie der gesellschaftspolitischen Hierarchie lässt sich – wie seit langer Zeit kaum mehr – bestens am Umgang mit der ‚Sache Guttenberg‘ herausstellen. Wo sonst, als im Ordnungswahnland bekommt man ein derartiges Bühnenstück geboten? Nur Deutschland bietet ein Spektakel der besten Güte vom Falle Guttenbergs.
Nicht, und das sei gleich und ohne Umschweife gesagt, der Mensch Guttenberg selbst bietet mehr Anlass zur Klage über Falschheit; er trägt nur voraus, was überall Maßstab ist. Nichts als Ordnung, Hierarchie, Geradheit und so mehr legt der Fall den Grundstock für den Ausbruch einer innerlich tief verkrusteten Gesellschaft. Weniger als der Verdacht, dass Guttenberg das AMT oder die WISSENSCHAFT beschädigen könnte, stellen sich ganz andere Zusammenhänge her, die infolge der schon zu lange anhaltenden Guttenberg-Diskussion auftreten können.
Die akademische Hierarchie, hier scheinbar vom politischen Guttenberg bekämpft wird, oder besser: sich bekämpft glaubt, verhärtet sich zunehmend im Laufe der letzten Tage. Ob Minister oder nicht – der KTG rüstet die Kollegen aus Wissenschaftskreisen zu einem Gefecht, das sie lange zu führen gewillt waren. Nur bot sich bisher kein ausreichender Anlass. Und (wohl kaum zufällig) geriet ausgerechnet als bester Fang der Verteidigungsminister ins Visier. Da hätten an seiner Stelle jede Menge anderer Kollegen sitzen können, keine Minister, sondern einfache Abgeordnete. Jüngst war da einer mit einem hier verrufenen Titelschwindel, der sich reumütig aus dem Bundestag zurückzog. Zu schnell leider und nicht fundiert falsch genug. Da bietet der neue Fall mehr Nährboden für die Zielgerade, anstelle einer politisch überalterten Kompetenzleiste eine moderne wissenschaftliche, basierend auf strengsten Leistungsmaßstäben und ökonomischer Fähigkeit aufzublähen. Endlich doch.
Während man sich in Parlamentskreisen aus guten Gründen konziliant gibt (Dietmar Bartsch in lustiger Pose oder gar die Grünen überaus witzig bei der Anhörung Guttenbergs) und auf Gängen Nächte durchlästert, wächst die Untertänigkeit in der Bevölkerung – alles muss seine Ordnung haben, möglichst recherchierbar, stets nachvollziehbar, amtlich im besten Sinne. Beide Systeme, Wissenschaft und Politik, werden allerdings und ganz entgegen der augenblicklichen Einschätzung, so beliebig bleiben wie bisher. Doktortitel kann man weiterhin kaufen, hier nur teurer als anderswo. Und mehr als schade ist das auch nicht. Daß Einer zum Gespött aller Öffentlichkeit gemacht wird, hat er sich nicht selbst zu verdanken. Die traurige Bilanz ist: Das Opfer Guttenberg wird wohl von keinem Gott angenommen. Die Tragödie Guttenberg stattdessen fördert den Applaus der ständig gehörigen Masse über Jahre, gerade hier.
-----------------------------------------------
|
|
Adel verpflichtet
Prof. von zu und mit Guttenzwerg Ein adliger Plagiator als Vorbild. Wie schön für Deutschland. Die Moral wurde geadelt. Weiter so! Es lebe die feudale Demokratie. Endlich wird christliche Politik seriös. Und das sogar auf Hartz4-Niveau! Und das = gut so! |
|
|
Lieber Herr Doktor,
nehmen wir mal die letzten zwei Sätze Ihres Blogs: "Die traurige Bilanz ist: Das Opfer Guttenberg wird wohl von keinem Gott angenommen. Die Tragödie Guttenberg stattdessen fördert den Applaus der ständig gehörigen Masse über Jahre, gerade hier." Was, DOKTOR, ist Ihr Anliegen? Oder sind Sie der unvermeidliche Joachim Petrick (der über Mauern tanzte?) |
|
|
Lieber Herr Weinsztein,
zunächst erst einmal vielen Dank, daß Sie den Beitrag gelesen haben. Für die Anrede 'Herr Doktor' ebenfalls, hier allerdings reicht der Titel bereits, den ich als Blogbezeichnung gewählt habe (Man kann ja notfalls verzichten). Ich bitte Sie um Verzeihung, doch ich verstehe die beiden Fragen nicht so recht. Vielleicht gehe ich fehl in der Annahme, aber ich versuche es mal: Das Opfer bezieht sich auf die Person Guttenberg, die auf einem Altar der Politik dargebracht wird. Die damit geschaffen Tragöde meint den Sachverhalt, welcher dadurch erst entsteht und im Verfahren selbst mit dem Guttenberge jetzt noch gar nicht sichtbar ist. Vorhersehbar ist sie schon. Ich spreche also nicht, falls Ihre Frage darauf abzielte, über das Vorherige, also das Entstehen der Plagiatsteile, sondern vielmehr über das, was Ihre 'Aufdeckung' ausgelöst hat und was mir unverständlich erscheint, solange die Titelstruktur als vorherrschendes Muster von der breiten Masse anerkannt wird. Denn darin besteht die Crux der Sache Guttenberg - in der unreflektierten Tribunalisierung eines -zigfach existierenden Clusters. Fischer-Lescano, der es sich leisten kann, eröffnet damit neben der berechtigten Kritik eine Art Schlachtfeld, dessen menschliche Brutalität, die gemeinhin als Mobbing bezeichnet wird, erst diese Tragödie eröffnet. Ich hoffe, Ihnen geholfen zu haben. Mit der zweiten Frage weiß ich leider nichts anzufangen. |
|
|
@ DOKTOR
Danke für Ihre Antwort. Ich hatte Sie nicht richtig verstanden, nun aber doch: Sie sehen Herrn zu Guttenberg dem Schlachtfeld des Mobbings ausgeliefert. Sollte er dort zum Opfer werden, wäre da kein Gott, der es annähme. Sie erleben "die Tragödie Guttenberg", ich sehe einen CSU-Politiker, der mitleidslos Menschen ihrer Ämter enthob, sie rausschmiss, um seine eigene Karriere zu fördern, als junger Politiker, der durchgreift. Das ist Guttenbergs Schlachtfeld in Deutschland, die anderen befinden sich in Afghanistan und sonst wo. Karl Theodor zu Guttenberg wurde als Lügner, Betrüger, Fälscher, Plagiator enttarnt. Er steht für eine Politik, die einen abscheulichen Krieg gegen das afghanische Volk verantwortet. Dass er als Hoffnungsträger der Unionsparteien und in der Springerpresse zelebriert wird, hat mit dem bedauernswerten Zustand dieser Parteien zu tun und einigen sie tragenden Medien. Dies zum Opfer Guttenberg. Bleibe er dem Kabinett Merkel erhalten. Den Makel, einen Betrüger als Verteidigungsminister zu haben, gönne ich dieser Regierung. |
|
|
"Bleibe er dem Kabinett Merkel erhalten. Den Makel, einen Betrüger als Verteidigungsminister zu haben, gönne ich dieser Regierung."
Das bad image funktioniert sich aber offenbar gerade um in ein good image. In einer Welt von Betrügern, und das meinte ich mit Struktur und Hierarchie, wird man keinen Betrüger entlarven. Und das wenige es tun, ist kein Zeichen von Wahrheit. Die Sympathie der Masse für einen Hemdsärmligen, einen Entscheider so wie Schröder, ist, so meinte ich, ein Zeichen für die Distanz der Wissenschaft an sich. Vielleicht ein Hohepriestereffekt der Postmoderne. Insgeheim lacht man sie bestenfalls aus. Natürlicherweise ignoriert man sie einfach. Der intellektuelle Diskurs im Freitag wird von Gleichen wahrgenommen - von Ungleichen eher nicht. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen