Doris Brandt

Blog von Doris Brandt

10.09.2010 | 10:45

Auf einer anderen Frequenz – Gedanken zur Meinungsmache

 

Gestern Morgen habe ich im Halbschlaf den Tuner verdreht und wurde in meiner Aufwachphase von Relikten aus den 1960ern, 1970ern und 1980ern begrüßt. Der private Hamburger Oldie-Sender gab alles. Zwischen Lionel Richie und Boney M. wurde ich von einer säuselnden Nachrichtenstimme informiert, „dass Thilo Sarrazin voll im Trend läge“. Obwohl ich es mir in den letzten Tagen angewöhnt hatte, bei dem S-Namen auf Durchzug zu schalten, fragte ich mich doch, ob Thilo neben seinen literarischen Ergüssen jetzt auch noch altes Liedgut neu vertont hat. Der Titel „These boots are made for walking (away)“ wäre doch ein Anfang.

 Dem war aber ganz und gar nicht so. Der Radiosender, normalerweise Spezialist für „Achmets Spaßtelefon““ und Verlosung von „ Bierbike-Fahrten“, hat eine „repräsentative Umfrage“  zu den Thesen unseres neuen Bestseller-Autoren und potentiellen Medienpreis-Gewinners in Spe in Auftrag gegeben. Und siehe da, fast alle deutschen Bundesbürger unterstützten die Thesen von“ Deutschland schafft sich ab“, „Sarrazin läge also voll im Trend“. Genau diese beiden wertvollen Informationen, selbstverständlich ohne weiteren Hintergrund, wurden gestern einer verschlafenen Bundesbürgerin, nämlich mir, mitgeteilt. Erst heute, nach Rücktritt des „Provokateurs“, wurde der  repräsentative Fragenkatalog, bestehend aus  elf geschlossenen Fragen, die somit nur mit Ja oder Nein zu beantworten waren, auf der Homepage des Radiosenders nachgeschossen.

Zu den Inhalten der, neben Luthers, jetzt wohl bekanntesten Thesen ist genug gesagt worden. Es ist zu hoffen, dass  Bundesbank-Vorsitzendender und Autor bald wieder in den Mantel  des Vergessens gehüllt werden. Das Thema hängt mir mit Verlaub zum Hals raus.  Indes gibt die platte Meinungsmache, in diesem Fall gegen Migranten –integriert oder nicht-  Anlass zur Sorge. Interessant ist auch die in den Medien Gebetsmühlen-artig propagierte Kluft zwischen Politik und  dem anders denkenden Volke.

Dass die Bild-Zeitung  nicht gerade als intellektuelle Lektüre gehandelt wird, dass sich derzeit in der im Kommentarbereich von Welt.de brennende Verehrer  politisch inkorrekter Plattformen und natürlich von Thilos Rassenkunde tummeln, ist eine Sache. Aber muss man, liebe Welt-online-Redaktion, denn unbedingt eine Werbe-Anzeige für den Buchtipp „Deutschland schafft sich ab“ in einen Artikel  über den rassistischen Übergriff auf eine türkische Autofahrerin setzen?

Auch zur geplanten Koranverbrennung sind viele einleuchtende Überschriften, vorzugsweise in den Online-Nachrichten verschiedener Medien zu lesen:  „Wieder Angst vor Terror-Anschlägen“.  Die Koran-Verbrennung wäre vertretbar, wenn es nicht immer zu diesen lästigen Anschlägen käme?  Könnte man daraus interpretieren. Ist natürlich nicht so gemeint.

Es sind jedoch genau diese oberflächigen Satzfetzen, Überschriften, Thesen, die im Vorbeigehen, beim Frühstück, auf dem Klo  aufgeschnappt und dankbar abgespeichert werden. Und das ist Meinungsmache, einfach und wirksam. Die aktuelle Debatte macht es  schlicht unmöglich, das simple Wort „Integration“ in anderen Kontexten zu nutzen. Mindestens eine scherzhafte  Bemerkung zielend auf Herrn S. oder den Islam geht im Allgemeinen immer.

Die liebgewordene Tradition der plumpen Meinungsmache zieht sich durch alle Themen. Radio-Sender geben neuerdings gern Umfragen in Auftrag. So hat ein weiterer privater Radio-Sender  im Rahmen des Volksentscheides pro oder contra Hamburger Schulreform am Tag der Abstimmung nochmals das repräsentative Umfrageergebnis präsentiert und dies mit einer euphorischen Stellungnahme gegen die Schulreform vom Initiators der Initiative „Wir wollen lernen“ untermalt. Wenn schon alles in trockenen Tüchern ist, was soll ich dann noch im Wahllokal?

Selber Denken liegt nicht im Trend. Wozu gibt es denn den praktischen Meinungs-Liefer-Service?  Ich hätte gern die Jumbo-Meinung  mit Doppelt-Käse, zum Mitnehmen bitte!  Außerdem sollte ich meinen Tuner mal justieren. Derzeit läuft „Stand by me“.  Ich denke nicht.

 
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Kommentare
hadie schrieb am 10.09.2010 um 12:24
Zur Zeit werden die neuen Hartz-IV-Sätze ausgekegelt. Da passt die kampagnenförmige Verunglimpfung einer Empfängergruppe problemlos ins Bild. Der Rest ist über-interpretiert.
jayne schrieb am 12.09.2010 um 10:36
habe gerade ein video entdeckt, in dem ein sarrazin-fan mit zwei jungen muslima-frauen diskutiert, und sehr aufschlußreich darin die äußerung einer der beiden frauen, die sagt, in deutschland geboren worden zu sein, seit der geburt in diesem lande zu leben und dennoch von den bewohnern dieses landes als ausländerin betrachtet zu werden ...
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