Doris Brandt

Blog von Doris Brandt

20.12.2009 | 01:20

Das Leben ist kein Bundestag - Mein persönlicher Jahresrückblick

 

Mein  Schlüsselerlebnis 2009  fiel spontan an einem heißen August- Nachmittag vom ausnahmsweise wolkenlosen Hamburger Himmel. Schauplatz:  Die Strandperle - früher einfache Pommesbude am Strand von Oevelgönne, heute „Hamburgs ältester Beachclub“.

Es traf mich dort, wo man nicht gerade eine Eingebung erwartet, nämlich in einer Endlos-Schlange vor dem Damen WC. Ein friedlicher und idyllischer Samstag im Sommer, musikalisch untermalt vom  sichtlich gut gelaunten  Klo-Mann, der  zum plärrenden Transistor Radio singt. Wären bloß nie die NDR2-Nachrichten gesendet worden! Die Toiletten-Aufsicht unterbricht die  Karaoke-Darbietung um die politischen Ereignisse  zu Kommentieren.  Und hier beginnt mein unfreiwilliges Gastspiel.  Mittlerweile in der Schlange weit vorgearbeitet, nichts  Böses ahnend reagiere ich auf seine Kommentare und kritisiere ein klitze- kleines bisschen unsere hoch geschätzte und verehrte Bundeskanzlerin.  Es entsteht wirklich keine Grundsatz-Diskussion sondern eher ein nicht ganz ernst zunehmendes verbales Ping-Pong-Spiel. Trotzdem Grund genug, um scheinbar auf den Unmut  der übrigen Toiletten-Klientel  zu stoßen.  Im Nacken  höre ich ein biestiges nervöses Räuspern. „Das gehört nun wirklich nicht hierher!“  Ich drehe mich um  und erblicke eine  durch-designte Endreißgerin, die jetzt peinlich berührt auf ihre perfekt  pedikürten „French-Nails“ starrt. Ihr Schuhwerk – ein für den Strand vielleicht nicht ganz so geeignetes  Paar Stilettos mit gefährlichen 20-cm-Absätzen-  flößt mir  Angst ein. Ich möchte betonen, dass ich weder die "Internationale" noch die dritte Strophe des Deutschlandliedes gesungen und mich lediglich über Politik unterhalten habe!  Die frei werdende Kabine ist meine Rettung, schnell schließe ich von innen ab.

Aber: Wo gehört freie Meinungsäußerung denn sonst hin, wenn nicht auf eine öffentliche Bedürfnisanstalt? Oder muss man den Ausdruck „Stilles Örtchen“ wirklich wörtlich nehmen? Seitdem beschäftigt mich die Frage, wie politisch ist unsere Gesellschaft überhaupt? Gerade im Jahr der großen Finanz- und Wirtschaftskrise?  Finden die sogenannten Stammtischgespräche überhaupt noch einen Platz in unserem Alltag? Stößt man bei politischen Äußerungen nicht öfter mal  auf peinliches Schweigen? Fragen über Fragen. Als Teilnehmer  einer Demonstration macht man sich natürlich schon von vornherein als gewaltbereiter linker Steine-Werfer verdächtig.

„Mittlerweile fast Weihnachten, könnte man sich ja selbst  einmal ein Bild von den Glühwein-geschwängerten Smalltalks  verschaffen“, denke ich mir  und schlendere über den größten Hamburger Weihnachtsmarkt. Gesprächsfetzen schwirren durch die Luft:  „Was macht Ihr Weihnachten? -Neuer Firmenwagen für 50.000 Euro – Das Leben ist kein Ponyhof -Was macht Ihr denn Silvester? – Kollegin doof – Bohlen pöbelt"  Na, Prost.

 Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, mich pausenlos über Politik unterhalten zu müssen. Wirklich nicht. Ich wichtel mit meinen Kollegen, backe Plätzchen, gucke blöde Fernsehsendungen und betrinke mich auf dem Weihnachtsmarkt. Aber dennoch habe ich irgendwie eine politische Meinung und tue diese tatsächlich auch kund.

Was war zuerst da? Das Huhn oder das Ei? Der Politik-Verdruss in der Bevölkerung oder der in der Regierung? Ist Politik denn überhaupt noch politisch oder eher gesteuert von PR-Maßnahmen und Lobbyismus?  Ist eine  Kanzlerin politisch, deren Konsequenz sich ausschließlich in vier Knöpfen am Jackett widerspiegelt? Ist ein Minister noch politisch, der sich wie ein drittklassiges Musical-Starlett auf dem Broadway ablichten lässt und dann noch durch deutsche Unterhaltungssendungen tingelt? Ist eine Familien-Ministerin politisch, die sich nach Ernennung ins neue Amt noch kurz Express-verlobt und schnell einen Kinderwunsch hinterher schiebt? Kommt als Familienministerin natürlich gut. Fragen über Fragen. Public Relations und Politik sollten nur den Anfangsbuchstaben gemein haben. Leider haben sich die beiden „P-Wörter“  zu einer Pampe vermischt,  die wahrscheinlich nur noch Trägheit hervorruft.

Zurück zum Weihnachtsmarkt und endlich doch noch ein Hoffnungsschimmer:  Ein politisches Statement ! Und was für eins, ein richtiger Ausbruch! Ein Ausbruch von mindestens  vier Glühwein gepaart mit Schmalzgebäck gegen die rechte Seitenfassade des Hamburger Rathauses. Gut, das  kann man gelten lassen!

In diesem Sinne: Fröhliche Weihnachten und anregende Gespräche!

 

 
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Kommentare
Albi schrieb am 20.12.2009 um 16:05
Schöner Text. Den beängstigenden Eindruck das für viele Politik etwas geworden ist "über das man nicht spricht" habe ich auch gewonnen. Jedoch, aus meinem persönlichen (studentischen) Umfeld kann ich berichten das es auch anders geht. Es gibt noch Hoffnung ;) In diesem Sinne: frohe Weihnachten.
Magda schrieb am 20.12.2009 um 22:37
Sehr witzig ,bravo.

Klasse Text
Reinard schrieb am 21.12.2009 um 13:54
Einfach gescheit und wahr — leider...
sputnik-suedstern schrieb am 22.12.2009 um 09:42
Liebe Doris,

danke für die Erhellung. Du hast wirklich Recht, das politische Leben in dieser Republik ist finster geworden. Finster und dumm daher kommend. Ich wünsche uns allen mehr von deiner Sorte.

Frohe Weihnachten und so weiter.
Sputnik
Deaktivierter Nutzer schrieb am 23.12.2009 um 23:23
goch schrieb am 29.12.2009 um 18:45
Toller witziger Text. Ich erlebe die Menschen eher so, dass sie sich überfordert fühlen von den vielen Informationen zu denen man eine Meinung haben sollte. Sie reagieren auf die Meinungs- und Informationsvielfalt mit Rückzug ins Private .
Doris Brandt schrieb am 29.12.2009 um 19:34
Leider. "Schöner Wohnen"-Familien-Idylle schlägt zu oft den Stammtisch. Stimmt, Überforderung wird zur Trägheit.
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