Doris Brandt

Blog von Doris Brandt

18.02.2011 | 14:14

Emanzipation in rosarot?

Seit einigen Wochen sehe ich rosa, was jedoch nur partiell mit einem Hormonschub bzw. dem hoffentlich zu erwartenden Frühling zu tun hat. Keine Frage, auf einmal Mutter einer kleinen Tochter zu sein ist großartig. Einen Zustand, den ich wirklich nicht wieder abschaffen möchte.

Dennoch mache ich derzeit mit Parallelwelten Bekanntschaft, an die ich mich – gelinde gesagt- erst einmal gewöhnen muss.  Nachdem ich mein Trauma durch die Schwangerschafts-Geschäftemacherei –angefangen von rosa Mutterpassbezügen über Antistreifenöle im Wert eines Kleinwagens bis hin zu rosaroten Fotoalben für Ultraschallbilder- erfolgreich bekämpft habe, folgt nun die postnatale Herausforderung. Der Kampf gegen die Farbe rosa geht weiter.

Waren staatliche Krankenhäuser früher ausschließlich dazu da,  kranke Patienten gesund zu machen, haben wir es bei den zunehmend privatisierten Kliniken eher mit einem modernen Dienstleistungsunternehmen  mit  progressiven Shop in Shop Charakter zu tun.  So geht es in einem Wochenbettzimmer zu wie auf dem Bahnhof. Nein, nicht dass Ärzte oder Schwestern sich stündlich nach dem Befinden der Patientin erkunden oder die Verwandschafts-Besuche rotieren, es sind vielmehr   Anbieter von Rückbildungskursen, die Kursleitung von Babyschwimmkursen sowie der Fotograf für Geburtsanzeigen, die mit ihrem Besuch beglücken.

Und schwupps ist es da, das nächste Trauma. Vor meinem von den letzten Tagen noch leicht benommenen Gesicht werden enthusiastisch  Grußkarten, Fotosticker und Geburtsanzeigen hin und her geschwenkt. Durch den etwas übertriebenen Weichzeichner erkenne ich einen Säugling (vermutlich weiblich) mit einer Haarschleife auf der Stirn, die durch ein Stirnband festgehalten wird. Das macht auch Sinn, von Haaren fehlt noch jede Spur.  Die Anzeige, ein Traum in rosa mit lustigen Prinzessinnen und Einhorn-Applikationen, der Titel:  Our cute little princess!  Ich sehe vom einmaligen Geburtsspecial von 39,90 EUR ab, schicke den Fotografen raus und freue mich über die drei Haare meiner Tochter, die mit keiner Schleife zusammen gehalten werden.

So geht es dann auch weiter. In Baby-Ausstattungsläden lautet die erste Frage „Junge oder Mädchen?“  Alter oder Größe scheinen sekundär zu sein. Natürlich bekommt man als Mädchenmutter die gesamte Palette von Hello Kitty oder Prinzessin Lilifee unter die Nase gehalten. Es besteht keine Chance, den niedlichen Strampler mit dem kleinen Monster, der noch auf der Stange hängt, zu ergattern.

Allmählich stellt sich mir die Frage, wie soll sich eine rosarote Tochter irgendwann emanzipieren, wenn  sie seit Geburt  durch rosarote Outfits mit Prinzessinnen- oder japanischen Wasserkopf-Katzen-Applikationen zugekleistert wird? Gut, meine rote Kunstlederjacke und die braun-orange Cordhose, die ich in den 1970ern tragen musste, waren natürlich nicht so entzückend. Aber: Jedenfalls bin ich nicht in dem Irrglauben aufgewachsen, eine kleine rosa Prinzessin zu sein.

 Die Welle der Globalisierung hat seit Jahren auch die Kleinsten unserer Gesellschaft erreicht, so dass wieder genauestens zwischen Männlein und Weiblein differenziert wird, auch wenn es sich nur um Farben handelt.  Hello Kitty wird aus Japan, rosa und hellblaue Baby Shower Parties für baby-boys und baby-girls  werden aus den USA importiert.

Über das neue und überspitzte  Buch „Living Dolls“  (Warum junge Frauen heute lieber schön als schlau sein wollen) von Natascha Walter mag man streiten. www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/lesezeit/151945/index.html

Natürlich wird in diesem Buch sehr pauschalisiert. Dennoch stellt die Autorin zu Recht die Frage, warum es für kleine Mädchen immer die pinkfarbene Prinzessin sein muss. Findet Emanzipation im rosaroten Kinderzimmer statt?

Ich kann übrigens von meinem ersten Etappensieg berichten. Nach einiger Überredungskunst konnte ich die Verkäuferin überzeugen, mir den Monster-Strampler auszuhändigen.

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
drikkes schrieb am 18.02.2011 um 16:52
Gold ist die Lösung. Hat allerdings ihren Preis.
www.flickr.com/photos/drikkes/5456169046/
Doris Brandt schrieb am 18.02.2011 um 21:13
Stimmt, so ein unisex Platin-Pinkeltopf wäre eine echte Alternative.
Alien59 schrieb am 18.02.2011 um 17:11
Es scheint da eine Art backlash zu geben. Als vor ca. 30 Jahren meine Tochter geboren wurde, gab es kaum noch rosa Ausstattung, schon gar nicht in solcher Übermacht. Ich hatte vielmehr die Auswahl zwischen weiß oder vor allem kräftigen Farben - knallrot, gelb, blau- und grüntöne. Wenig pastell.

Irgendwie haben sich die Zeiten anscheinend geändert.
Doris Brandt schrieb am 18.02.2011 um 21:15
Ja, die Welt ist pastell geworden. Ich kann mich auch noch an mein persönliches outfit erinnern: braun, gelb, orange und zumeist farblich gar nicht zusammen passend, aber dafür individuell.....
Ehemaliger Nutzer schrieb am 19.02.2011 um 08:43
Eine Folge der Frauenbastion und Rollenmusterschule Kindertagesstätte?

Die Farbe der feministischen mädchenmannschaft.net ist auch rosa. Auf die Trikotagenart lässt sich eben besser in Freund und Feind teilen.
KalleWirsch schrieb am 19.02.2011 um 09:09
"rosa und hellblaue Baby Shower Parties für baby-boys und baby-girls werden aus den USA importiert."

Oh mein Gott, was ist das?

Das Ganze korrenspondiert mit den Entwicklungen bei den Heranwachsenden. Zwölfjährige rennen einerseits rum wie Boxenluder mit Puppengesicht und faseln gleichzeitig etwas von kein Sex vor der Ehe und nennen sich auf dem Schulhof ganz selbstverständlich Fotze. Das nenne ich mal konsequente Reduzierung auf das Geschlecht. Bei den Jungs sieht es ja nicht viel anders aus.

Das Buch von Natascha Walter werde ich auf jeden Fall lesen. Ich habe die Kulturzeitsendung auch gesehen und bin sehr gespannt.
Doris Brandt schrieb am 19.02.2011 um 10:43
Guten Morgen Kalle,
gern liefer ich Dir noch ein paar Informationen zur Baby Shower Party von der Firma Ladies and Babies. Scheint eine Riesen-Marktlücke in Hamburg zu sein...... Vorsicht, es kann ein Pastelltrauma beim Anschauen der Seite drohen!

ladiesandbabies.de/babyshower_party.php
KalleWirsch schrieb am 19.02.2011 um 12:51
Na vielen Dank auch, jetzt ist mir schlecht ;)
Besonders irritierend ist, wenn in diesem Zusammenhang Wörter wie individuell verwendet werden.
Noch schlimmer als diese Pastellterror, der an sich schon ein Verstoß gegen die Menschenrechtskonventionen ist, war für mich das Bild mit dem "Mom to be" - Krönchen. Das taucht auf, wenn man dem Link folgt, der Spiele für die lustige Party vorschlägt. Leider war kein russisches Roulette unter den Vorschlägen.
Doris Brandt schrieb am 19.02.2011 um 13:50
Oh, sorry soweit hatte ich mich gar nicht vorgewagt... Die passende Schärpe ist auch nicht schlecht. Soviel Wein, den man netterweise auch gleich im Online-Shop bestellen kann, kann man gar nicht trinken! Bezeichnend auch der Name des ganzen Albtraums: Ladies and Babies. Die Papas werden total ausser Acht gelassen.... Das mit dem russischen Roulette werde ich mal als Kontakt-Anfrage vorschlagen...
goch schrieb am 19.02.2011 um 17:56
ladiesandbabies.de/babyshower_party.php
Diese Web-Seite ist ja wirklich ein Alptraum.
Allerdings sind mir diese extremen (rosa/blau) Klischees aus der eigenen Familie schon bekannt.
Meine 2 Enkelinnen müssen auch alles in rosa geschenkt bekommen. Wollen sie angeblich selber.
Hat nichts mit Super-RTL etc. zu tun, wo ständig Werbesendungen und Filme in diesem Stil laufen.
Kontrastprogramm ist der Besuch eines Waldorfkindergartens und -schule. Verträgt sich irgendwie .
Ehemaliger Nutzer schrieb am 04.03.2011 um 23:46
Die Emanzipation bedeutet die Gleichstellung von Mann und Frau... allerdings muss daraus nicht unbedingt die Gleichsetzung folgen.

Die emanzipierte Mädchen/Frauen müssen keineswegs genauso wie Männer aussehen, sich genauso verhalten, sich genauso bekleiden usw. Meine Tochter trug nicht nur rosarote Strampler mit Prinzessinen, sondern sogar - oh Albtraum aller Emanzipe! - Rüschenkleidchen und lackierte Schuhen mit Blümchen-Applikationen.

Nun, jetzt ist sie 15 Jahre alt, besucht 11.Klasse im Gymnasium und hat die Durchschnittsnote 1,3. Ihre Bestnoten hat sie in Fächer Mathematik, Physik, Chemie, Informatik und Biologie. Da sollte mir mal jemand sagen, dass dieses Mädchen nicht genug emanzipiert ist. Allerdings ist es ihr nach wie vor sehr bewusst, dass sie ein MÄDCHEN ist... und eben nicht ein Junge. Und einige Jahren später wird ihr mit Sicherheit sehr bewusst, dass sie eine FRAU ist. Ich denke mal, sie wird viel Wert darauf legen, sich in ihrem Verhalten und ggf. in ihrer Kleidung von einem Mann zu unterscheiden. Und das ist auch gut so.

Man braucht die Weiblichkeit nicht aufgeben, um emanzipiert zu werden.
Doris Brandt schrieb am 11.04.2011 um 10:18
Niemand spricht davon die Weiblichkeit aufzugeben. Mir liegt es fern für Unisex Overalls zu plädieren. Es sollten meiner Meinung nach nur nicht Farben und Geschlechter spezifische Kleidung so "indoktriniert" werden wie es derzeit geschieht. Viele Grüße Doris Brandt
P.S.: Glückwunsch zu Ihrer Tochter :)
Ehemaliger Nutzer schrieb am 11.04.2011 um 10:28
Okay :)
Doris Brandt
Der, Die, Das, Wieso, Weshalb, Warum
Mitglied seit:
2 Jahre 36 Wochen
Zuletzt aktiv:
22.05.2012
Status:
Autorin
Aktivität:
Beiträge: 61
Kommentare: 293
Logbuch
09:56
h.yuren hat gerade einen Kommentar geschrieben.
09:53
luggi hat gerade einen Kommentar geschrieben.
09:47
h.yuren hat gerade einen Kommentar geschrieben.
09:36
Aqua-Jedi hat gerade einen Kommentar geschrieben.
09:33
Canabbaia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG