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Mittlerweile ist es wieder etwas ruhiger um das Thema des bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) geworden. Vielleicht macht es nun Sinn, die gemeinsame Schwachstelle aller Spielarten eines BGE aufzuzeigen.
Am besten läßt sich das am Beispiel der Regelsätze von Hartz-IV erklären. Über deren Art, Umfang und Höhe entscheiden unsere Politiker. Dies tun sie nachweislich einzig mit dem Willen, die Kosten so gering wie möglich zu halten. Das Wohl der Bedürftigen haben unsere Volksvertreter dabei überhaupt nicht im Sinn. Wäre das anders, hätte das BGE-Thema kaum diese Resonanz gefunden, denn dann bräuchten wir doch kein BGE, oder?
Wie in drei Teufels Namen kommen aber die Befürworter eines BGE dazu, anzunehmen, daß, wenn sie den Bock zum Gärtner machen, das beim BGE anders aussähe? Schließlich wären es doch dieselben Politiker, die für die Agenda 2010 und insbesondere die Hartz-IV-Regelsätze verantwortlich sind, die dann auch für die BGE-Sätze zuständig wären. Und das soll dann funktionieren? Das ist doch blanker Unsinn.
In der BGE-Realität würde ein permanenter Streit über Art, Umfang, Höhe und Finanzierung ausbrechen, der aufgrund wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Dynamik kein Ende fände. Letztlich wäre ein durch die Politik bestimmtes BGE nichts anderes, als ein Etikettenschwindel. Nichts würde sich wirklich ändern.
Wundert sich eigentlich niemand, daß die Kapitalisten, die sich des BGE angenommen hatten, unter anderem mit dem unsinnigen Vorschlag eines konsumfinanzierten BGE, nichts mehr von sich hören lassen? Scheinbar geht es ihnen wieder besser, so daß sie auf diese Art der Subventionierung verzichten können, oder?
Wenn eine Lösung gewollt wird, die Reichtum trotz Armut verhindert, die physische Existenz und Teilhabe bedingungslos sichert, dann kann das nur eine Lösung sein, die nicht von einzelnen Interessengruppen oder Politikern bestimmt wird, sondern nur von der Mehrheit der Bürger.
Bedingungslose Armut kann doch nicht das Ziel eines BGE sein.
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Ich denke, das BGEwird kommen. Aber es ist noch zu früh. Die Gesellschaft als Ganzes ist noch nicht "reif". Da braucht es noch ganz andere Umstände und Zustände. Dass wir sie noch nicht haben, ist einerseits Trost. Dass wir sie aber noch bekommen werden, wenn sich nicht elementar etwas wandelt, ist sicher. Aber es können noch eine Reihe von Jahren vergehen.
Erstaunlich ist, dass manches besonders gut in guten Zeiten wächst, anderes besonders gut in schlechten. Manches erst in Chaos oder Krieg. Das will keiner. Aber wer ist bereit, früh genug umzusatteln? Die Reife eines Projektes, einer Idee oder eines Vorhabens muss mit der Reife der Menschen korrespondieren, die es letztlich tragen müssen. Das dauert. Vorbereitende geistige Impulse jedoch sind wichtig. Es braucht langsame Anpassungsprozesse an Gedankengänge - und es braucht das Gefühl, dass es nicht nur sozial - sondern auch gerecht ist. Aber was ist gerecht? |
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Diese "positive" Sichtweise kann ich nicht ganz teilen. Es hat in der jahrtausende alten Geschichte der Menschheit wahrlich genug Schreckliches gegeben, es hat genug große Geister gegeben, als daß das wirklich etwas geändert hätte. Einzig die Methoden der Unterdrückung und Ausbeutung, zumindest bei uns, sind immer subtiler geworden. Gerechtigkeit läßt sich am besten über die Ungerechtigkeit definieren, da hat jeder Mensch ein sehr sensibles Gespür.
Solange Minderheiten über Mehrheiten bestimmen und solange Mehrheiten sich Minderheiten unterordnen, wird sich grundsätzlich nichts ändern. Es mangelt an realer Demokratie in allen Gesellschaften, das ist das Problem. Eine ziemlich intelligente Freifrau schrieb einmal dazu: "Es gäbe das Böse nicht, würde das Gute es nicht zulassen". Das Problem dabei ist nur, wie kann das Gute das Böse verhindern, ohne selbst zum Bösen zu werden? |
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Das BGE wird es nie geben. Solange auf der moralischen Ebene Position bezogen wird, ist man kaum angreifbar. Wird es jedoch konkret, ich meine richtig konkret, wenn also die Butter zu den Fischen gelegt werden muss, werden die Probleme dieser Idee evident: Wie stellt man die Höhe des BGE, die ja dynamisch sein muss, fest? Welche Haushaltsausgaben sollen dafür gekürzt werden? Welche Steuern sollen zur Sicherung dieses Einkommens erhoben werden? Welche Steuergesetze müssen geändert werden (Stichwort: Ehegattensplitting)? ...
Gerne würde ich Vorschläge lesen, die die moralische Ebene (weil geklärt) hinter sich lassen. |
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Ist die moralische Ebene wirklich argumentativ geklärt? Dazu und zu einer praktischen Umsetzung habe ich in drei Blogs etwas geschrieben.
www.freitag.de/community/blogs/dquerulant/mensch-und-gesellschaft---teil-i www.freitag.de/community/blogs/dquerulant/mensch-und-gesellschaft---teil-ii www.freitag.de/community/blogs/dquerulant/mensch-und-gesellschaft---teil-iii |
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Das BGE wirft noch ganz andere Probleme auf, die letztlich die wirtschaftlichen Zusammenhänge im Kapitalismus berühren. Nichts ausser der ehrenamtlichen Tätigkeit gibt es im Kapitalismus ohne Gegenleistung. Dieses Prinzip kann nicht einfach an einer Stelle durchbrochen werden. Ausserdem stellen die jetzigen Sozialversicherungen einen Rechtsanspruch dar, bei dem die Leistungshöhe begründet sein muss. Man kann beklagen, dass es zuwenig ist, dass die Schikanen der Behörden unzumutbar sind etc., aber das sind nur die Durchführungsprobleme. Grundsätzlich hat aber jeder Mensch den verfassungsmässigen Anspruch auf diese Mindestleistung, wie sie durch Hartz IV garantiert wird und die nicht von der Haushaltslage, sondern vom Warenkorb, sprich den Lebenshaltungskosten abhängt. Ein BGE müsste durch höhere Steuern, insbesondere Verbrauchssteuern, finanziert werden. Solche Steuereinnahmen aber sind abhängig vom Bruttoinlandsprodukt. In einer wirtschaftlichen Krise kann diese Steuereinnahme einbrechen mit unmittelbaren Folgen auf die Zahlung eines BGE. Es ist nunmal leider so, dass Dienstleistungen nur dann finanziert werden können, wenn dem eine ausreichende Wertschöpfung, sprich Produktion gegenübersteht. Die Vorstellung, dass die Bürger durch ein BGE mehr Zeit für soziale Aufgaben hätten, also Dienstleistungen in ehrenamtlicher Tätigkeit übernehmen könnten, findet hier genauso ihre Grenze. Die heutigen sozialen Leistungen sind in aller Regel umlagefinanziert und stehen in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der Wertschöpfung. Wird dieser Zusammenhang aufgelöst, schafft man einen Widerspruch im ökonomischen System. So etwas ist unzulässig.
Allerdings könnte bei Hartz IV etliches verbessert werden, wie z.b. der Begriff der Arbeit. Auch im Rahmen von Hartz IV wären ehrenamtliche soziale Tätigkeiten denkbar, die den Anspruch auf Hartz IV erhalten, ohne im klassischen Sinne produktiver Tätigkeit zu entsprechen. |
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"Grundsätzlich hat aber jeder Mensch den verfassungsmässigen Anspruch auf diese Mindestleistung, wie sie durch Hartz IV garantiert wird und die nicht von der Haushaltslage, sondern vom Warenkorb, sprich den Lebenshaltungskosten abhängt."
Grundsätzlich vielleicht, aber die Praxis sieht doch ganz anders aus. Die Frage muß erlaubt sein, ob Reichtum trotz Armut ethisch und moralisch vertretbar ist. Wo liegt der Sinn, die Legitimation einer Gesellschaft, in Armut für Viele und Reichtum für Wenige? Erschöüft sich der Wert des Menschen in seinem Nutzwert - für die Eliten der Gesellschaft? |
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Abgesehen von moralischen Argumenten für und wider, sowie der Frage, in wie weit ein kapitalistisches System ein BGE erlauben würde: Aus meiner Sicht ist BGE nicht finanzierbar.
Dazu zwei Links auf meine "groben" Kalkulationen in zwar alten, aber immer noch aktuellen Blog-Beiträgen hier im Freitag: www.freitag.de/community/blogs/quarktasche/arbeit-ein-knappes-gut-warum-nicht-einkommen-und-arbeit-entkoppeln www.freitag.de/community/blogs/lukasz-szopa/hartz-20 Egal wie man es dreht und wendet, Steuern erhöht, andere Leistungen streicht (Hartz4, Renten, Kinderbeihilfen, Ehegattensplitting, etc. etc.) - es reicht nicht. Selbst bei einem BGE von 1000-1500 brutto. Einzig mögliche wäre aus meiner Sicht, das derzeitige Hartz4 zu einem BGE zu machen: also mehr oder weniger "Miete + Heizung + ca. 300 EUR", ohne Anträge, Arbeitsamt-Pilgerfahrten, Bürokratie, etc. - aber eben bei identischen Bezugshöhen und nur für diejenigen, die kein anderes (oder zu wenig - als Aufstockung) Einkommen haben. |
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Zwar habe ich bislang nur die Ausgangsbeiträge überflogen, sehe aber gewisse Gemeinsamkeiten. Allerdings ist ein BGE allein eben nicht zielführend. Näheres habe ich in meinen in der Antwort an Achtermann verlinkten Blogs ausgeführt.
Für mich ist eine soziale Gesellschaft keine Frage des Könnens, sondern einzig eine Frage des Wollens. Dabei halte ich Zahlenspielereien nicht für zielführend, da uns allen dazu wohl das notwendige Wissen fehlt. Nur soviel, eine Gesellschaft, die sich nicht finanzieren kann, die kann es nicht geben. |
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Ich finde Zahlenspielereien zwar nicht zielführend, doch entscheidend, denn man kann nicht etwas Unmögliches fordern. Es gibt eben gewisse Gesetzmäßigkeiten, sei es die Möglichkeiten der Staatseinnahmen (und somit der Ausgaben) oder die Schwerkraft (und somit des Fliegens). Egal wie "fair" die Einkommensverteilung in Deutschland strukturiert wäre - man muss einfach das Geld haben (=Summe aller Einkommen und somit Steuern), das man jd. wieder geben will. Daher halte ich Kalkulationen - bei denen nicht nur ich sehr wohl Ahnung habe - für mitentscheidend. Oder man verspricht ein großzügiges BGE - und verschuldet sich noch mehr. Doch auch dieses muss jd. irgendwann bezahlen.
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Götz Werner und Co. wollen die Verbrauchssteuern erhöhen und sich daraus einen zusätzlichen Steuerfreibetrag basteln. Die Transferleistungen für die Ärmsten sollen gleichzeitig auf Suppenküchen-Niveau sinken. Und die Mietmäuler der verschiedenen Initativen sorgen für die dazu nötige Desinformation.
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Nun ja, da haben wir wohl grundsätzlich unterschiedliche Auffassungen, oder?
Wohlgemerkt, ich bin kein Befürworter (s. o.) eines BGE, da es in meinen Augen überhaupt nicht funktionieren kann. Aber, Zahlen spielen nun wirklich überhaupt keine Rolle. Daß nicht mehr Geld ausgegeben werden kann, als eingenommen wird, das ist doch wirklich trivial. Nur, ich halte jede Wette, daß die Gesellschaft mit dem eingenommenen Geld, würde es sinnvoll verwendet, die Lebensqualität aller Bürger erheblich steigern könnte. Und mehr noch, ich bin der Meinung, daß die Einnahmen des Staates notfalls die Gänze aller Einkommen umfassen müssen, um ein Mindestmaß an Lebensqualität für alle zu sichern. Würde das einmal ernsthaft in Erwägung gezogen, würde vermutlich schon die "Drohung" reichen, Armut unterhalb eines bedingungslosen soziokulturellen Existenzminimums final zu beseitigen. Die Legitimation jeder Gesellschaft besteht nun einmal darin, das Allgemeinwohl über das Wohl des Individuums zu stellen - bedingungslos. |
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Ein Grund für die Fehlkonstruktion, wenn nicht der Grund, sind die Finanzierungsspielarten. Aber und vor allem, niemals kann ein BGE o. ä. funktionieren, solange es von denen abhängt, die am Allgemeinwohl kein wirkliches Interesse haben.
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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