Der Querulant

Blog von Der Querulant

07.02.2012 | 03:14

Mensch und Gesellschaft - Teil III

In Teil I und II meines Blogs habe ich versucht, Thesen zu formulieren, die in meinen Augen fundamental für das Verhältnis zwischen Mensch und Gesellschaft sind. Bevor ich nun fortfahre, will ich diese Thesen nochmals kurz auf den Punkt bringen.

1. Jeder Mensch wird frei geboren.
2. Jeder Mensch hat dasselbe Recht auf die Erde und ihre Früchte.
3. Jeder Mensch hat denselben Wert, unabhängig seiner physischen, psychischen und intellektuellen Fähigkeiten und der daraus resultierenden Leistungsfähigkeit.
4. Die Leistungsfähigkeit eines Menschen darf keinen Einfluß auf seine Lebensqualität haben.
5. Diese Freiheitsrechte und ihre Folgen sind unveräußerlich und ihre Einschränkung bedingt im Sinne der Menschenwürde das bedingungslose Recht auf einen Ausgleich.

Was bedeuten diese in meinen Augen selbstverständlichen Thesen nun für eine Gesellschaft? Dazu vielleicht zunächst ein kleiner Rückblick, der zeigen soll, warum es eine derartige Gesellschaft wohl noch nie gegeben hat und vielleicht auch nie geben wird. Aber daß es sie nicht geben könnte, ist für mich eine haltlose Behauptung.

Der Mensch ist ein soziales Wesen, daß er in Gemeinschaften leben will und sich daraus Gesellschaften gebildet haben, war eine zwangsläufige Entwicklung. Während sich Naturvölker noch mehr oder weniger freiwillig zusammenschlossen, kann spätestens seit der Seßhaftwerdung und dem daraus resultierenden Anspruch auf Land von Freiwilligkeit keine Rede mehr sein. Denn mit dem Anspruch auf Land entstand auch der Anspruch, aus dem Landbesitz Rechte gegen andere Menschen abzuleiten. Damit verlor der besitzlose Mensch schlagartig so gut wie alle Rechte. Sklaverei und Leibeigenschaft war die Folge. Die Einführung des Privateigentums und der damit verbundenen Rechte war der erste Schritt des Menschen weg vom Allgemeinwohl, weg von der Gemeinschaft und hin zu einer Gesellschaft der Sklaverei, die heute auch gern als neoliberale Gesellschaft bezeichnet wird. Heute wird der durch jahrtausendelangen Zwang erreichte Verlust der Freiheit kaum noch bewußt wahrgenommen. Aus freien Menschen wurden Untertanen.

Das Perfide an dieser Entwicklung ist, daß der Mensch in guten Zeiten den Verlust der Freiheit durch die scheinbar gewonnene Sicherheit kompensiert und verdrängt. Je länger der Zeitraum relativer Prosperität anhält und je mehr Menschen davon profitieren, umso leichter fällt es den Machern der Gesellschaft, diese nach ihren Wünschen und zu ihrem Vorteil zu verändern. Erst wenn die Zeiten schlechter werden, die Unterschiede zwischen Reich und Arm, zwischen Besitzenden und Besitzlosen immer deutlicher zu Tage treten, wenn immer mehr Menschen einer existenzbedrohenden Armut anheim fallen, erst dann beginnen die Menschen damit, über Unterdrückung und Ausbeutung, über Gerechtigkeit und Gleichbehandlung nachzudenken. Zur Gegenwehr ist es dann aber meist zu spät, die Gestaltung der Gesellschaft meist so verfestigt, daß sie mit friedlichen Mitteln kaum noch zu verändern ist. Die Menschen haben verlernt, für ihre Rechte einzustehen, aber sie haben auch verlernt, was Solidarität und Gemeinschaft bedeuten.

Interessant ist, daß dies trotz immer breiterer Wissensbasis in der Gesellschaft geschah. Das zeigt, daß Wissen allein eben nicht ausreichend ist. Hinzugekommen ist in den letzten Jahrzehnten eine quasi unbegrenzte Flut an Informationen durch das Internet. Wenn die Menschen nun ihr Wissen und die zur Verfügung stehenden Informationen zusammenbringen, dann besteht noch eine gewisse Hoffnung, daß es für die Herrschenden dieser Erde eines Tages nicht mehr möglich ist, gegen das Allgemeinwohl zu handeln, da sie ihr Handeln nicht mehr glaubwürdig vermitteln können. Doch nun zu der Frage, wie aus einer Gesellschaft der Zwänge eine Gesellschaft der Motivation werden könnte, die funktionsfähig ist.

An erster Stelle wäre da die endgültige Abschaffung der Klassengesellschaft zu nennen. Es gibt keine nachvollziehbaren Gründe für die Existenz von privaten und gesetzlichen Krankenversicherungen oder Renten und Pensionen. Ebensowenig gibt es nachvollziehbare Gründe für ein Steuerklassensystem. Alle mir bekannten Gründe dienen nur dem Zweck, daß sich privilegierte Gruppen der Gesellschaft Vorteile verschaffen. Dazu zählen auch Studiengebühren und alles, wodurch eine ungleiche Behandlung der Menschen durch den Staat erfolgt. Die so entstandene Komplexität dient letztlich nur der Sicherung dieser zu Unrecht erlangten Pfründe. Diese Ungleichbehandlung ist Zwang und führt zu weiterem Zwang, verhindert jede Form von Chancengleichheit und demotiviert die Menschen. Daher ist das vorhandene Soziale Netz gänzlich abzuschaffen, insbesondere alle begleitenden Sozialleistungen, die vielfach doch nur Lohnersatzleistungen sind, bzw. nur Besserverdienenden zugute kommen. Renten, Pensionen, Arbeitslosenversicherung, Kindergeld etc. pp. sind durch eine Grundsicherung zu ersetzen, die von der Geburt bis zum Tod an jedes Mitglied der Gesellschaft gezahlt wird. Alle schulischen und vorschulischen Einrichtungen sind ebenso kostenfrei zu stellen, wie die Gesundheitsversorgung und Pflege. Selbstverständlich umfassen die Leistungen nur eine Grundversorgung in allen Bereichen, die aber ausreichend zu bemessen ist. Wer höhere Ansprüche hat, muß dies im Rahmen privater Vorsorge selbst erarbeiten. Sämtliche Steuern, Abgaben und Beiträge sind abzuschaffen und durch eine einzige prozentual gleich hohe Steuer auf alle Einkommen zu ersetzen. Durch diese Steuer sind alle Ausgaben des Staates zu decken.

Diese, sicherlich nicht abschließende Betrachtung einer menschenwürdigen Gesellschaft führt zu folgendem Ergebnis: Jedes Mitglied der Gesellschaft wäre lebenslang existenziell abgesichert und seine Teilhabe an der Gesellschaft wäre auf einem niedrigen aber angemessenen Niveau gesichert. Das alles ohne Anspruch der Gesellschaft auf irgendeine Gegenleistung. Darüberhinaus könnte jedes Mitglied der Gesellschaft jederzeit alle ihm möglichen Wege der schulischen und beruflichen Ausbildung nutzen. Arbeit müßte angemessen entlohnt werden, da sie sonst nicht getan würde und auch nicht erzwungen werden könnte. Alle Einkommen, ausgenommen die Grundsicherung, würden gleichermaßen besteuert, so daß insgesamt wirkliche Armut vermieden würde, Reichtum aber nicht mehr so leicht zu erlangen wäre, insbesondere nicht auf Kosten der Allgemeinheit oder ohne eigene Leistung. Der Wegfall jeglichen Zwangs auf die Menschen hätte zur Folge, daß Leistungen einzig durch Motivation und Wertschätzung der Leistung zu erlangen wären. Die Beschränkung auf eine einzige Steuer wäre nicht nur gerecht, sondern auch sehr leicht zu kontrollieren. Darüberhinaus würde sie zu einer freiwilligen sozialen Selbstkontrolle der Wirtschaft führen, die durch angemessene Gewinne die Gemeinkosten und damit die Steuer niedrig halten könnte. Denn überzogene Gewinne und vor allem Spekulationsgewinne würden nicht nur zu höherer Steuer für alle führen, sondern ganz sicher auch zu sozialer Ächtung, was sehr schnell in einer Pleite enden könnte. Letztlich, auch heute gibt es das alles im Grunde schon, sogar noch viel mehr, allerdings absolut ungerecht verteilt. Wer viel hat, bekommt auch viel, insbesondere an Sozialleistungen, wer wenig hat, bekommt im Zweifel nichts. Elterngeld und Rentenansprüche von Hartz-IV-Empfängern sind Paradebeispiele für ungerechte und unsoziale, in meinen Augen verfassungswidrige Regelungen. Ein auf die notwendige aber angemessene Grundversorgung reduziertes System wäre gerecht, sozial und mit Sicherheit preiswerter, um nicht zu sagen billiger.

So könnte eine auf Motivation beruhende Gesellschaft ohne Zwänge, mit maximaler Freiheit und Sicherheit aussehen. Gäbe es da nicht unsere Eliten, die sich sicherlich nicht kampflos die Butter vom Brot nehmen lassen würden. Übrigens ein Umstand, der jedes BGE von vornherein zum Scheitern verurteilt. Daher muß ein solches System dem Zugriff einzelner Interessensgruppen entzogen werden. Die Höhe der Steuer beispielsweise müßte sich automatisch den Kosten anpassen, die Höhe der Grundsicherung den Kosten der Lebenshaltung. Das würde die Politik samt Lobbyisten außen vor halten, es entstünde quasi eine vierte Gewalt, die dann nur noch durch Volksentscheid zu verändern sein dürfte.

Nun, ein System, eine Gesellschaft, das bzw. die gerecht, sozial und menschenwürdig sein soll, benötigt zwingend eine sehr simple Struktur, da jede Ausnahme, egal wie gut sie auch scheinbar begründet wird, dieses Ansinnen zunichte macht. Unnötige Komplexität führt nur zu vorgeblicher Alternativlosigkeit, was in Wahrheit immer nur dem Machterhalt zum eigenen Vorteil dient. Schließlich und endlich ist eine von mir hier skizzierte Form der Gesellschaft keine Frage des Könnens, sondern nur eine Frage des Wollens. Der freie Mensch, der wertgeschätzte Mensch, wird immer versuchen, sein Leben selbst und aus eigener Kraft zu bestreiten, wenn man ihn nur läßt. Das gebietet ihm schon die Selbstachtung. Das Gegenargument der sozialen Hängematte zieht in meinen Augen nicht, da Faulheit meist nur ein Zeichen und das Ergebnis vorhergehender Frustration und Resignation ist. Jeder Mensch will um seiner selbst geliebt werden, nicht um seiner Leistung oder sonstiger Gründe wegen. Liebe, Respekt und gegenseitige Achtung motivieren den Menschen, Zwang führt nur zu Ablehnung und Demotivation. Menschen in einer auf Augenhöhe funktionierenden Gesellschaft sind motiviert und leisten mehr, sie verlassen nicht das Land und sind glücklich, von der Gesellschaft dafür geliebt zu werden, etwas für die Gesellschaft zu tun. Wer das nicht glaubt, der sollte sich einmal die Kinder ansehen, die geliebt und respektiert aus eigenem Antrieb mit Spaß an der Freude lernen und leisten wollen. Bis wir, die Gesellschaft, ihnen das durch Zwänge, Leistungsdruck und Selektion abgewöhnen.

Sicher, es wird auch Menschen geben, die sich nicht motivieren lassen werden, die nicht mitmachen wollen, aber das werden weniger als heute sein und sie haben das Recht dazu. Denn, würden wir sie zwingen, würden wir sie versklaven.

 
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Kommentare
Lukasz Szopa schrieb am 07.02.2012 um 11:50
Ich lese Ihre Beiträge gerne und schätze sie sehr - erlauben Sie dennoch einen wirtschaftlichen kritischen Kommentar (auch wenn wir hier in Einzelheiten reingehen und weg von dem Thema "Gesellschaft").
Sie schreiben: "Sämtliche Steuern, Abgaben und Beiträge sind abzuschaffen und durch eine einzige prozentual gleich hohe Steuer auf alle Einkommen zu ersetzen."
Das bedeutet eine (hohe) Flat-Tax. Abgesehen von rechten/linken Bewertung dieses Steuermodells gibt es einen Grund der für eine unproportionalle Besteuerung, dieser ist fast schon statistisch/mathematisch: Je mehr ein Einzelner an Einkommen/Vermögen hat, desto mehr - unproportional mehr! - nutzt ihm die Gesellschaft, die vorhandenen Strukturen (Sicherheit, Infrastruktur, Bildungsstand, Umweltstandards). Es ist wie bei Oligopolen: Eine Firma mit 80% Marktanteil kontrolliert (und zieht daraus Vorteile) mehr als 80% des Marktes, eine Firma mit 2% Marktanteil hat dagegen weniger als 2% Einfluss und Vorteile. Genauso ist es bei Vermögen, Anlagen, Sparguthaben, ähnlich bei Nutzung der vorhandenen Güter (Strassen, Internet, Sicherheit). Anderes Beispiel: Jemand mit 1 Mio. Vermögen erhält einen niedrigeren Kredit-Zinssatz für 100.000, als jd. mit 100.000 Vermögen für einen 10.000 Kredit usw. Das alles spricht für eine progressive Besteuetung - schon alleine mathematisch, selbst wenn wir die Frage des sozialen Ausgleichs weglassen.

Zweitens: Manche Steuerarten dienen in der Gesellschaft nicht nur den Einnahmen, sondern auch der Steuerung (daher "Steuer"). D.h. die Höhe und die Änderung des Steuersatzes soll etwas fördern oder verhindern. Beispiele sind Steuern auf Alkohol & Tabak, auf Energieträger, Kfz, ebenso eine Tobin-Steuer (Finanztransaktionssteuer) oder die MwSt.
Der Querulant schrieb am 08.02.2012 um 00:35
Zunächst möchte ich mich, auch stellvertretend für die anderen KommentatorInnen meiner Beiträge, bei Ihnen für die wohlwollenden Kommentare bedanken. Das bin ich aus anderen Foren nicht gewohnt, daß derart fair aber selbstverständlich nicht kritiklos miteinander umgegangen wird. Sachliche Kritik ist unverzichtbar, will man sich ernsthaft mit einer Thematik auseinandersetzen. Daher bin ich für jede Kritik dankbar.

Die Realität des Steuersystems ist nicht wirklich progressiv. Theoretisch ist es zwar so, in der Realität wirkt die Progressivität jedoch nur bis zu mittleren Einkommen. Die Bezieher hoher und höchster Einkommen können im Gegensatz zu Beziehern kleiner und mittlerer Einkommen, die ihr Einkommen komplett verkonsumieren müssen, Steuerzahlungen durch allerlei legale Möglichkeiten vermeiden. Das führt dazu, daß Millionäre kaum oder keine Einkommenssteuer zahlen. Auch gibt es Einkommensarten, die kaum oder nicht besteuert werden, obwohl sie erheblich sind. Selbst Stiftungen dienen oft nur dazu, das Vermögen vor dem Fiskus in Sicherheit zu bringen und durch Vorstandspöstchen das Einkommen der Kinder zu sichern. Bill Gates hat dies in großem Stil genutzt und andere zur Nachahmung aufgefordert.

Wenn Sie neben den direkten Steuern einmal betrachten, was noch an Abgaben, Beiträgen und indirekten Steuern hinzukommt, dann zahlt ein "Normalverdiener" mittlerweile weit mehr als die Hälfte seines Einkommens an den Staat. Es fällt halt nicht so direkt auf, weil Mehrwertsteuer, Energiesteuern usw. überhaupt nicht mehr als Steuern wahrgenommen werden, zumindest nicht in ihrer tatsächlichen Höhe. Ein Grund, warum die Politik nicht wirklich daran interessiert ist, Energiepreise zu beeinflussen, zahlen wir an der Tankstelle doch mehr Steuern, als für das Produkt selbst.

Wenn ich mir unsere Straßen etc. ansehe, Folgen der Genußgifte usw., dann sehe ich nicht, daß diese zweckgerichtet verwendet werden. Aber ich sehe auch keine Steuerung beispielsweise bei den Strompreisen, da diese umso niedriger sind, je mehr Strom "verbraucht" wird. Das ist ökologisch kontraproduktiv und nur der Lobby der Großverbraucher geschuldet.

Bei Krediten bestimmt in der Regel das Ausfallrisiko den Zins. Aber auch das stimmt nicht generell, wie beispielsweise Mikrokredite in Entwicklungsländern zeigen. Es ginge also auch anders, brächte aber nicht genug Rendite für Ackermänner.

Immer, kaum wahrnehmbare Ausnahmen eingestanden, aber zeigt sich, daß alle Regelungen denen Vorteile verschaffen, die entweder das Kapital haben, oder an entsprechenden Machtpositionen sitzen. Das kann nur vermieden werden, wenn gleiches Recht für alle gilt. Daher sehe ich einen prozentual gleich hohen Steuersatz auf alle Einkommen als einzige praktikable, gerechte und soziale Lösung an. Millionäre, die 2.000 Euro Einkommenssteuer pro Jahr bezahlen, müssen der Vergangenheit angehören.

Schließlich noch etwas zur Finanztransaktionssteuer. Selbst in London gibt es eine Börsenumsatzsteuer. Die aber will man in Deutschland nicht einführen. Stattdessen soll eine in ihrer Höhe und Regulierungswirkung nur als lächerlich zu bezeichnende Steuer eingeführt werden. Auch das zeigt nur, wer hier im Land das Sagen hat. Die Politik ist es jedenfalls nicht. Und damit ist wiederum bewiesen, daß es keine Volksvertreter mehr gibt und Parteien und Politiker unfähig und/oder unwillig sind, im Sinne des Allgemeinwohls zu handeln. Und das hat mich letztlich dazu bewogen, mir Gedanken über eine Gesellschaft zu machen, in der der Mensch nicht mehr Spielball fremder Interessen ist.
Lukasz Szopa schrieb am 08.02.2012 um 10:08
Bei meiner Anmerkung zu Steuerprogression war mir natürlich klar, dass das derzeitige Steuersystem keineswegs progressiv ist. Da wir aber von Zukunftsideen reden, bezog sich mein Wunsch nach echter Steuerprogression auch auf Ihr Steuermodell - der Grund dafür waren eben mehrere "economy of scale"-Effekte, die meiner Meinung nach gedämpft werden sollten.

Was die "Sondersteuern" angeht - vielleicht haben Sie recht, und man sollte sie alle abschaffen, von KFz über MwSt etc. Weniger Bürokratie, und der Staat kann dann eher durch Gesetze oder durch gezielte Förderungen gewünschte Entwicklungen in der Gesellschaft anstossen (Umweltfreundlichkeit, Energiesparsamkeit, Gesundheit, etc.)

Ad "Börsenumsatzsteuer": Da liegen Sie aus meiner Sicht etwas falsch. Es stimmt, GB hat eine "Börsenumsatzsteuer". Doch diese umfasst leider nur die an der Londoner Börse (und sonst nirgends) getätigten Börsengeschäfte, meist Kauf/Verkauf gewöhlicher Aktien. In der Tat wird aber von Banken, Versicherungen, Hedgefonds der Großteil der Finanzgeschäfte (Aktien, Devisenspekulationen, Derivate, Optionsgeschäfte, Kreditausfallsversicherungen, Staatsanleihen) ausserhalb dieser Börsen getätigt - und somit weder versteuert, noch irgenwie kontrolliert. Es ist quasi ein riesiger, legaler, "Schwarzmarkt der Finanzindustrie". Was leider stimmt, dass die dt. Pläne zu einer "Finanztransaktionssteuer" lächerlich sind.

Offen bleibt aber auch die Frage nach der Besteuerung von Vermögen. Sie reden vor allem von einer Einkommenssteuer. Wie Sie richtig bemerken, können niedrige und mittlere Einkommen kaum was sparen, während die höheren Einkommen nur einen Bruchteil verkonsumieren können. Diesen Effekt hätten wir selbst bei der von Ihnen vorgeschlagen, "echten" proportionallen Steuer - und selbst bei der von mir vorgeschlagenen Progression. Somit summieren sich über die Zeit die Vermögen der "Reicheren", und die "Vermögensschere" (wie auch die "economy of scale"-Effekte!) wächst weiterhin.
Der Querulant schrieb am 09.02.2012 um 01:41
Auch wenn manche Leser mich sicherlich für einen Sozialisten oder sogar Kommunisten halten werden, so bin ich doch durch und durch Kapitalist im Sinne einer freien Marktwirtschaft. Einzig die kriminellen Auswüchse des Kapitalismus, Unterdrückung und Ausbeutung, die lehne ich ab. Der Mensch will nunmal immer gewinnen, im Sport genauso wie in der Wirtschaft. So gesehen liegt der Kapitalismus dem Menschen im Blut. Gäbe es eine soziale Marktwirtschaft, ich wäre ein Fan.

Eine Regulierung bzgl. der unvermeidbaren Skaleneffekte halte ich nur indirekt für möglich. Eine diesbezügliche Besteuerung dürfte mehr als kompliziert und damit ungerecht werden. Wieder würde der Lobbyismus auf Hochtouren arbeiten und Erfolge erringen. Überhaupt, solange das unternehmerische Risiko besteht, Risiko und Haftung zusammenfallen, soll es in meinen Augen auch belohnt werden. Ein sozialverträglich enstandener Gewinn, in welcher Höhe auch immer, stört mich wenig. Mir geht es nicht darum, Reichtum zu verteufeln, sondern darum, Armut zu beseitigen. Und das erreicht man in meinen Augen am besten, wenn das Einkommen, also der Gewinn, in Relation zu den Kosten gesetzt wird. Steigen die Allgemeinkosten, steigt die Besteuerung des Gewinns und steigen die Preise, steigt die Grundsicherung und ebenfalls die Besteuerung. Allein so wird erreicht, daß, egal wie hoch die Gewinne Einzelner sind, dadurch, durch ungerechte Verteilung, keine Armut entstehen kann. Denn zumindest theoretisch kann die Besteuerung auf 100% steigen, sollte sich am Verhalten krimineller Kapitalisten nichts ändern. Das Prinzip halte ich für extrem einfach, extrem sicher und erzieherisch wertvoll. Wer also unbedingt reich werden will, der kann das nur über sozial adäquates Verhalten erreichen, ansonsten wird er auf die Grundsicherung zurückfallen, da sein Einkommen, sein Gewinn komplett an den Staat fällt. Den, der sowieso nur die Grundsicherung erhält, wird das nicht stören, aber die Anderen. Und die werden schon auf Raubtierkapitalisten einwirken, um ihre eigenen Gewinne nicht zu verlieren.

Es ist richtig, daß die Börsenumsatzsteuer eine nationale Steuer ist. Die Amerikaner haben da die richtige Lösung. Die Koppelung der Steuerpflicht an die Nationalität. Und wieder sehe ich in der Besteuerung des Einkommens, egal aus welcher Quelle, die einfachste und wirkungsvollste Lösung. Denn das an oder außerhalb der Börse eingesetzte Geld ist ja bereits angemessen besteuert, die gegebenenfalls erzielten Gewinne werden als Einkommen ebenfalls besteuert. Die Verluste sind auch tatsächlich Verluste, denn Steuerabschreibungen gibt es ja nicht mehr. Zu beachten ist, daß Hedgefonds etc. letztlich doch auch nur dem Zweck dienen, Gewinne und damit Einkommen natürlicher Personen zu generieren. Und an der Stelle schlägt die Steuer zu. Die Frage der Besteuerung ausländischer Anleger muß gesondert betrachtet werden, sind sie doch keine Mitglieder dieser Gesellschaft. Ich räume ein, daß wir hier vor Problemen stehen, die nur global lösbar sind. Aber das macht insofern keinen Unterschied, als das unter jedem Gesellschaftssystem so wäre.

Die bestehenden Vermögen stellen ein echtes Problem dar, könnte ich mir vorstellen. Sozusagen die Erbsünde. Allerdings könnte ich mir vorstellen, daß sie bei Wegfall aller Vorteile, durch die sie letztlich so groß werden konnten, eher schrumpfen als weiter zunehmen. Denn wer es gewohnt ist, golddurchwirktes Eis, den Becher für 25.000 Euro, zu genießen, dessen Lebensstil wird sich durch ein entsprechend besteuertes Einkommen kaum noch aufrecht erhalten lassen. Wer also nicht bereit ist, seinen Lebensstil zu ändern, der wird wohl sein Vermögen angreifen müssen. Auch ein heilsamer erzieherischer Effekt.

Ideal wäre wohl ein Neustart der Gesellschaft bei Null, also eine Enteignung sämtlicher Vermögenswerte. Noch idealer der Wegfall des Privateigentums, ausgenommen der Konsumgüter. Denbar wäre auch der Rückfall des Privateigentums bei Tod, also der Wegfall von Schenkung und Vererbung. Vieles wäre denkbar und wer weiß heute schon was morgen geschieht, sollten die Gesellschaften sich nicht bald grundlegend reformieren.

Tja, es gibt noch jede Menge offener Fragen, deren Beantwortung mein begrenztes Wissen sicherlich nicht immer erlaubt. Dennoch bin ich für jede Kritik und Anregung dankbar. Aber mehr als ein prinzipielles Denkmodell nach der Top-Down-Methode kann ich leider nicht liefern.

Mein grundlegendes Anliegen ist es auch nur, das Verhältnis von Mensch und Gesellschaft unter Berücksichtigung der als allgemeingültig betrachteten Werte zu beleuchten. Aufzuzeigen, wie widersprüchlich Theorie und Praxis da doch immer noch sind. Das Bewußtsein dafür zu schärfen, diese Widersprüche zu erkennen und endlich einmal ernsthaft über praxistaugliche Lösungen nachzudenken. Insbesondere aus dem Grunde, da es mir so vorkommt, als entwickle sich unsere Gesellschaft stetig zurück und nicht weiter. Ethisch-moralisch nähern wir uns doch mehr der Steinzeit, als einer menschlichen und menschenwürdigen Gesellschaft der Zukunft.
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