Gehören Sie noch zur Mittelschicht? Wahrscheinlich nicht. Denn nach Untersuchungen über die zu versteuernden Bruttoeinkommen in Deutschland in “Die Einkommensentwicklung steht Kopf” ist die sogenannte Mittelschicht in so gut wie ausgestorben. Aber Sie können das ja einmal ganz leicht selbst überprüfen.
Wenn Sie zur Mittelschicht gehören, dann verfügen Sie unter anderem über eine mittlere Kaufkraft. Kaufkraft ist nichts anderes als Geld, also das, was wir zum Bezahlen benutzen. Geld in diesem Sinne sind also Bargeld und Girokontenguthaben. Kreditkarten und Geldkarten sind nichts anderes als “Sonderposten” zu Girokonten und brauchen nicht extra mitgerechnet zu werden. Also ist eine mittlere Kaufkraft eine mittlere Menge an Bargeld und/oder Girokontenguthaben.
Wie hoch ist nun aber eine mittlere Kaufkraft? Die Deutsche Bundesbank weiß ziemlich genau, wie viel Geld in Deutschland vorhanden ist. Sie nennt die Menge des Geldes, das hier angesprochen ist, die Geldmenge M1. Die Guthaben auf Tagesgeldkonten zählen ebenfalls zu M1. Bei der sogenannten Geldmenge M2 sind außerdem Termin- und Spargelder und bei der Geldmenge M3 weitere geldähnliche Forderungen hinzugerechnet. Wir bleiben aber mal bei M1. Die Deutsche Bundesbank sammelt die ständigen Meldungen der Kreditinstitute hierzu und veröffentlicht ihr Wissen jeden Monat in ihren “Monatsberichten”. Zuletzt betrug die Geldmenge M1 im Januar 2010 1.233,7 Mrd. €.
Man könnte zur Ermittlung der mittleren Kaufkraft jetzt zwar mit der Bevölkerungszahl in Deutschland rechnen (zuletzt 82.217.837). Es macht aber wenig Sinn, Säuglinge und Kinder mitzurechnen. Rechnen wir daher lieber mit der Zahl der Haushalte in Deutschland. Die liegt nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Deutschland bei 40.076.000. Die Geldmenge geteilt durch die Zahl der Haushalte ergibt somit die durchschnittliche Kaufkraft pro Haushalt, sie beträgt danach 30.783 €.
Bei diesem Betrag handelt es sich nicht um ein Monats- oder Jahreseinkommen, sondern um das in dieser Sekunde vorhandene Geld. Geld verbrennt ja nicht, wenn man es ausgibt. Es wechselt lediglich den Besitzer. Die mittlere Geldmenge ist wie ein Wasserpegel eines Flusses. Das Einkommen ist das auf den Pegel zufließende Geld, die Ausgaben sind das vom Pegel wegfließende Geld. Das Geld ist aber — wenn man die Volkswirtschaft insgesamt betrachtet — stets vorhanden. Statistisch gesehen verfügt also in dieser Sekunde (Stand: Ende Januar 2010) jeder Haushalt über 30.783 €.
Nun werden Sie einwenden, dass es ja auch Staat, Kommunen und eine Unzahl von Unternehmen (allesamt juristische Personen) gibt, die man nicht einfach unterschlagen könne. Klar gibt es diese juristischen Personen. Aber die gehören ja letztlich irgendwelchen natürlichen Personen, sodass auch das Geld der juristischen Personen letztlich der jeweiligen natürlichen Person gehört — das gilt selbst in Bezug auf Staat und Kommunen. Bei Letzteren ist auch zu bedenken, dass die sich angesichts ihrer erdrückenden Verschuldung ohnehin keine nennenswerten Geldbestände leisten. (Im März 2007 wurde erstmals das “Finanzvermögen des Staatssektors” bekannt gegeben. Vater Staat besaß Ende 2005 ca. 58 Mrd. €, also etwa 1482 € pro Haushalt oder 704 € pro Einwohner, www.destatis.de/presse/deutsch/pm2007/p1140061.htm.)
Zählen Sie also einmal in Ihrem Haushalt zusammen: Ihr aktuelles Bargeld und Ihr aktuelles Guthaben (sofern vorhanden) auf Ihrem Giro- oder Tagesgeldkonto. Kein Sparkonto, kein Termingeld, keine Wertpapiere oder Ähnliches! Wenn Sie ein Unternehmen besitzen, dann zählen Sie auch das Geld dieses Unternehmens hinzu — bei Anteilen an einem Unternehmen nur den auf Sie entfallenden Anteil am Geld! Wenn Sie also zur Mittelschicht gehören, dann verfügt Ihr Haushalt in dieser Sekunde ungefähr über 30.783 € in Form von Bargeld, Girokontoguthaben und/oder Tagesgeld. Wenn Sie (wie etwa 95 % der Bevölkerung in Deutschland) weniger als diesen Betrag haben, dann gehören Sie zu den Verlierern in dieser Gesellschaft. Wenn Sie mehr haben, dann gehören Sie zu den Gewinnern.
Sie haben bestimmt schon von der Definition gehört oder gelesen, wonach “relative Armut” vorliege, wenn das Einkommen geringer als die Hälfte des Durchschnittseinkommens in dem betreffenden Land sei ( de.wikipedia.org/wiki/Armut#Relative_Armut ). In Anlehnung an diese Definition gehören Sie zu den Armen in Deutschland, wenn Ihr Haushalt im Moment weniger als 15.000 € Geld hat.
Natürlich muss so viel Geld nicht unbedingt in jeder Sekunde in ihrem Besitz sein. Sie sollten es aber wenigstens im Monats- oder Jahresdurchschnitt besitzen, also z. B. am Monatsanfang 60.000 €, in der Monatsmitte noch 30.000 € und am Monatsende 0 €. Dann gehören Sie – unter dem Gesichtspunkt der Kaufkraft – tatsächlich zur Mittelschicht.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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