Ich liebe Vollbäder und ihre Essenzen, dachte Helmut. Und wenn das Wasser so mild wird wie Eselsmilch und so leicht wie Helium, fühle ich mich wie ein träges Flusspferd.
Gerade deswegen konnte ich nie verstehen, dass Lucas Cranach davon träumte mit alten Männer und hinfälligen Frauen das Badewasser zu teilen. Nun gut, wenn bei Cranachs die Alten in die Wanne stiegen, um sie auf der anderen Seite wieder zu verlassen, dann waren diese Alten plötzlich wieder jung und begehrenswert.
Kurz, ich vermute bei den Cranachs stand die Badewanne Mitten im Raum. Das kann gar nicht anders gewesen sein. Denn sonst wäre diese Art von Baderei gar nicht möglich gewesen. Aber meine Wanne, dachte Helmut, wurde schon vor Jahren so eingebaut, dass man sie auch nur auf der Einstiegsseite wieder verlassen konnte. Also mit den alten Leuten hätte ich da so meine Probleme….
Und selbst, wenn ich mein Leben lang träumte, so musste ich trotzdem in meinem Leben immer funktionieren. Da hat man irgendwann schon gar keine Lust mehr von den Menschen überhaupt noch wahrgenommen zu werden. Und schon gar nicht im Badewasser.
Im Übrigen war ich schon immer für andere Menschen langweilig. Aber ich langweilte mich nie mit mir selber. Und das war mir immer am wichtigsten. Warum also sollte ich die restliche Zeit meines Lebens mit fremden Menschen vergeuden?
Denn seit gestern weiß ich, dass mir nur noch wenig Zeit bleibt. Weniger, als ich dachte. Aber der Tag hat ja gerade erst angefangen, lächelte Helmut bitter und verzog dabei sein Gesicht.
Dabei fühle ich mich gar nicht so schlecht. Aber wem soll ich das beweisen? Mit Tabletten kann man sich gut belügen.
Ich werde nicht jammern. Das verspreche ich mir. Im Übrigen bleibt die Summe von Glück und Unglück ohnehin gleich.
Also noch habe ich Zeit mich in meinem Badewasser auszuruhen. Ich werde keine größeren Wellen schlagen. Und irgendwann, wenn ich mich endgültig an meine Träume verloren habe, wird irgendeiner den Stöpsel ziehen, damit das abgestandene Badewasser abläuft. Dann wird man sehen, was von mir übrig blieb. Nichts bleibt von mir übrig. Nichts, außer Dreck. Aber dieser Dreck, der mein Leben zusammenhielt, war mir immer wichtig.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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