Es gibt Menschen, die können ihr Leben nur ertragen, wenn sie auf Reisen sind. Und natürlich sind sie immer nur dort glücklich, wo sie gerade nicht sind. Da wird das Leben schnell zu einem Konjunktiv zwischen Utopie und Wirklichkeit. Und wer in das Niemandsland seiner Sehnsucht reist, hofft vermutlich sich selbst zu begegnen. Da kann man nur den Daumen halten, dass diese Begegnung nicht zur Enttäuschung wird…
Obwohl, das Rückreiseticket garantiert dafür, dass Du Dich zu Hause wieder abliefern kannst. Diese Option muss sein, wenn Du Dich nicht mehr ertragen kannst. Denn wer gibt schon sonst freiwillig seinen Fluchtort auf?
Aber Deine Reisen zwischen Utopia und Wirklichkeit sind so sicher verplant, dass jedes Risiko kalkulierbar bleibt. Der Zufall hat keinen Platz in Deinem Gepäck. Denn bei diesen Entfernungen muss man sich schon auf die Koordinaten der Welt verlassen. Selbst dann, wenn aus der Perspektive des Flugzeuges das Mittelmeer zu einer Pfütze wird. Und die Talsperre vor Deiner Haustür nicht mehr zu sehen ist. Dafür ist das Himalayagebirge so schneebedeckt wie früher in Deiner Kindheit die Alpen.
Damals quälte sich unser VW über die Bergpässe bis das Kühlwasser brodelte. Da mussten wir eine Zwangspause einlegen. Wir kramten also unsere wackligen Campinghocker aus dem Auto, kochten Tomatensuppe und bestaunten das Bergpanorama. Und mein Vater erzählte von seinem „geliebten Goethe“, für den diese Reise nach Italien zum Höhepunkt seines Lebens wurde… usw. Ich, der kleine Junge, konnte schon lange nichts mehr von Goethe hören. Aber mich beeindruckte schon, dass er, Goethe, sich für diese Reise zwei Jahre Zeit nahm, wie mein Vater erzählte. Zwei Jahre, um sich auf die Veränderung der Vegetation einzustellen und auf die Ordnung der Sterne.
„So…,“ sagte dann mein Vater und sah auf die Uhr. „ Dann wollen wir mal…wir sind schon spät dran…“
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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