dr.knoll

Blog von dr.knoll

07.12.2010 | 19:39

DAS FERNROHR

 

Als ich Rudi  in seiner kleinen Dachkammerwohnung besuchte, begrüßte er mich überschwänglich:
„Darf ich mich vorstellen?! Ich bin der Theaterdirektor meiner Träume. Wenn ich schlafe, rufe ich: Hereinspaziert ihr Träume. Und schon hänge ich am Narrenseil und halte dort oben am Himmel mein Schicksal in der Hand, um in die Nacht zu entschweben. “
Ich merke immer an seinem Tonfall, diesem Hauch von Drama in der Stimme, wenn Rudi Hilfe braucht. Er aber  lächelte nur verzweifelt wie ein Clown, während er das Dachlukenfenster heftig auf und zu klappte, als müsste er die Nachtluft in sein Zimmer pumpen.
“Das wahre Genie bahnt sich immer seinen Weg, “ grinste Rudi mit seinen nikotingelben Zähnen und installierte auf  einem Stativ ein Fernrohr, das er durch die Dachluke schob wie ein Präzisionsgewehr.
Der Glaube an die Sterne ist so alt wie die Menschheit, dachte ich nur und sagte:
„Und was wünschen Sie sich, wenn Sie eine Sternschnuppe sehen?“
Rudi grinste und zwinkerte mir zu wie ein Verschwörer. Unter der Dachschräge wirkte sein Körper noch massiger, als es sein Doppelkinn vermuten ließ. Und seine Stimme lag  tief unten in seinem Bauch verborgen. Dabei schaukelte Rudi mit seinem Oberkörper behäbig hin und her ohne sich eigentlich von der Stelle zu bewegen. Und doch hatte er den leichtfüßigen Schritt eines Tänzers, der auf der Stelle trat.
Ja, Rudi hatte mich zum Hausbesuch bestellt. Nein, er war nicht kränker als sonst. Er hatte sich nur verliebt. Und heute wollte er mir seine Freundin vorstellen, wie er mir am Telefon erzählte. Nun gut, ich war nicht schlecht erstaunt. Denn so weit ich wusste, verließ Rudi eigentlich nie seine Dachkammer. Der einzige Kontakt, den Rudi bisher immer pflegte, war der  Kontakt zum Pizzaservice.
„Ja,  wann kommt denn Ihre Freundin?“ fragte ich also irritiert. Rudi sah mich amüsiert an, während im Nebenzimmer der Wecker klingelte.
„Ich werde sie jetzt anrufen, “ sagte Rudi und setzte sich auf den Hocker, der  unter der Dachluke stand.
„Anrufen?“
Rudi nickte und wählte gewissenhaft eine Telefonnummer. Während er  das Handy an seine Wange hielt, sah er konzentriert durch das Fernglas in die Nacht. Irgendwie erinnerte er mich an einen Bengel, der durch ein Astloch blinzelte.
Plötzlich hörte ich eine wütende Frauenstimme, die Rudi ins Ohr brüllte, um im gleichen Augenblick aufzulegen.
„Zur Zeit haben wir eine Krise, “ sagte Rudi und lächelte verlegen.

 
Senden Bookmarken Drucken
dr.knoll
schreibender Hausarzt
Mitglied seit:
2 Jahre 18 Wochen
Zuletzt aktiv:
20.03.2011
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 200
Kommentare: 28
Mein Projekt:
Mein Web:
Logbuch
10:55
poor on ruhr hat gerade einen Kommentar geschrieben.
10:55
Ismene hat gerade einen Kommentar geschrieben.
10:51
Kunibert Hurtig hat gerade einen Kommentar geschrieben.
10:49
Konstantin Haensch hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
10:48
klute hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG