Als ich Rudi in seiner kleinen Dachkammerwohnung besuchte, begrüßte er mich überschwänglich:
„Darf ich mich vorstellen?! Ich bin der Theaterdirektor meiner Träume. Wenn ich schlafe, rufe ich: Hereinspaziert ihr Träume. Und schon hänge ich am Narrenseil und halte dort oben am Himmel mein Schicksal in der Hand, um in die Nacht zu entschweben. “
Ich merke immer an seinem Tonfall, diesem Hauch von Drama in der Stimme, wenn Rudi Hilfe braucht. Er aber lächelte nur verzweifelt wie ein Clown, während er das Dachlukenfenster heftig auf und zu klappte, als müsste er die Nachtluft in sein Zimmer pumpen.
“Das wahre Genie bahnt sich immer seinen Weg, “ grinste Rudi mit seinen nikotingelben Zähnen und installierte auf einem Stativ ein Fernrohr, das er durch die Dachluke schob wie ein Präzisionsgewehr.
Der Glaube an die Sterne ist so alt wie die Menschheit, dachte ich nur und sagte:
„Und was wünschen Sie sich, wenn Sie eine Sternschnuppe sehen?“
Rudi grinste und zwinkerte mir zu wie ein Verschwörer. Unter der Dachschräge wirkte sein Körper noch massiger, als es sein Doppelkinn vermuten ließ. Und seine Stimme lag tief unten in seinem Bauch verborgen. Dabei schaukelte Rudi mit seinem Oberkörper behäbig hin und her ohne sich eigentlich von der Stelle zu bewegen. Und doch hatte er den leichtfüßigen Schritt eines Tänzers, der auf der Stelle trat.
Ja, Rudi hatte mich zum Hausbesuch bestellt. Nein, er war nicht kränker als sonst. Er hatte sich nur verliebt. Und heute wollte er mir seine Freundin vorstellen, wie er mir am Telefon erzählte. Nun gut, ich war nicht schlecht erstaunt. Denn so weit ich wusste, verließ Rudi eigentlich nie seine Dachkammer. Der einzige Kontakt, den Rudi bisher immer pflegte, war der Kontakt zum Pizzaservice.
„Ja, wann kommt denn Ihre Freundin?“ fragte ich also irritiert. Rudi sah mich amüsiert an, während im Nebenzimmer der Wecker klingelte.
„Ich werde sie jetzt anrufen, “ sagte Rudi und setzte sich auf den Hocker, der unter der Dachluke stand.
„Anrufen?“
Rudi nickte und wählte gewissenhaft eine Telefonnummer. Während er das Handy an seine Wange hielt, sah er konzentriert durch das Fernglas in die Nacht. Irgendwie erinnerte er mich an einen Bengel, der durch ein Astloch blinzelte.
Plötzlich hörte ich eine wütende Frauenstimme, die Rudi ins Ohr brüllte, um im gleichen Augenblick aufzulegen.
„Zur Zeit haben wir eine Krise, “ sagte Rudi und lächelte verlegen.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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