dr.knoll

Blog von dr.knoll

18.02.2011 | 22:42

DER EXISTENTIALIST

Als ich ihn kennen lernte, war Horst Platzanweiser in einem vergammelten Vorstadtkino. Die „Kurbel“ wurde von Studenten besucht. Horst trug mit Vorliebe eine schwarze Sonnenbrille, abgeschabte Jeans und seinen Rollkragenpullover. Die Haare waren nackenlang und die Schuppen auf seinem schwarzen Pullover erinnerten an den ersten Schnee.

Horst war schon frühzeitig ergraut. Irgendwann hörte er einfach auf seine Haare zu färben. Nur noch im Ansatz waren seine Haare gebleicht. Irgendwie erinnerte mich diese Farbe immer an Urin.

Kurz, Horst war ein merkwürdig gealterter Mensch. Und doch war er unreif in seiner Art wie er sich inszenierte. Er glaubte, so wie er, könne nur ein Existentialist aussehen. Ich weiß nicht, wem das noch etwas sagt?!

Horst also schob seinen prallen Bauch vor sich her und stocherte ständig in seinen Zähnen herum. Wenn er lachte, dachte man an einen gutmütig grunzenden Bären. Nur seine Gesichtsfarbe erinnerte an synthetischen Vanillepudding, der sich ökologisch schlecht abbauen lässt. Na ja, vielleicht war dieser Pudding auch mit Mohnstreuseln durchsetzt. Denn Horst war immer schlecht rasiert. Trockenrasur. Das sah man sofort. Ich vermute sein Elektrorasierer hatte ein stumpfes Scherblatt. So klebte eigentlich immer irgendwo in seinem Gesicht ein Pflaster. Und wenn er sich schnäuzte, betrachtete er wohlgefällig sein Taschentuch, als sei er besonders produktiv gewesen.

Zugegeben, Horst stand unter Medikamenten. Denn eines Tages begann er Stimmen zu hören. Er litt schon lange unter diesem verhassten Studienfach, das er ursprünglich gewählt hatte. Physik. In diesem Studium sah er einfach kein Fortkommen. Geschweige, dass man von einem Ende oder gar Diplom sprechen konnte. So verlor sich Horst zunehmend in Illusionen. Da für ihn eine reguläre Arbeit sowieso nicht in Frage komme, müsse er sich um ein Stipendium bemühen.  Das war seine Logik. Nachdem er seine Anträge ausgefüllt hatte, bekam er Sozialhilfe.

 

 
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Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 19.02.2011 um 08:23
Wenn ich Ihre Texte lese, frage ich mich oft, wie schwierig es sein muss, so viele Jahre als Arzt zu arbeiten, wenn man die Menschen so sehr nicht mag...
dr.knoll schrieb am 19.02.2011 um 13:18
Meine Haltung den Menschen gegenüber, also auch zu mir, ist geprägt durch eine freundliche Distanz, die nach meiner Ansicht zur Empathie gehört.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 19.02.2011 um 21:50
Ja, das ist auch richtig so. Distanz (zumindest ab und zu) ist in jedem Verhältnis notwendig, auch dann, wenn es starke Anziehungskräfte im Spiel sind, z.B. in der Liebe... sei es leidenschaftliche Liebe oder Nächstenliebe. Die Probleme fangen da an, wo es Distanz doch gibt, aber die (Nächsten)Liebe eben nicht...
dr.knoll schrieb am 20.02.2011 um 15:22
Menschen, die das Abendland mit seinem Christentum geprägt hat, reagieren auf rhetorisch gestellte Fragen wie z.B. „Liebst Du die Menschen?“ mit einem reflexartigen „Ja.“ Bei einer geheimen Wahl allerdings würden vermutlich diese Ja-Bekenntnisse nicht so klar ausfallen.
Die Lebenserfahrung lehrt uns aber, dass die Wirklichkeit des Menschen so „gestrickt“ ist, dass ein Lebensmuster schon dann seine Struktur einbüßt, wenn man im Leben nur eine entscheidende „Masche“ verliert.
Der Arzt stellt bei diesen Fällen (hoffentlich) seine Diagnose. Warum soll aber nicht ein Arzt, der mit Worten umgeht, von diesen Fällen, hinter denen immer ein Individuum steht, berichten, wie gerade dieser Mensch trotz seiner „Luftmaschen“ sein Leben einrichtet? Denn wer einen Menschen akzeptieren will, muß ihn gerade in seiner Andersartigkeit verstehen lernen. Das hat nichts mit Zynismus o.ä. zu tuen.
Aber so oder so bleibt uns allen ein Trost: Die Fallgesetze gelten für jeden Menschen. Und das ist gut so.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 21.02.2011 um 09:39
Lieber Herr Doktor,

die Auseinandersetzungen mit der menschlichen Andersartigkeit gehören so oder so zur täglichen Kommunikation. Die Frage ist nur, ob man diese Andersartigkeit an den Menschen liebt und respektiert, ob man sie beobachtet, so etwa wie man eine Amöbe unter der Mikroskoplinse beobachtet oder ob man diese Andersartigkeit der Abartigkeit/Bösartigkeit gleichsetzt.

Ich wurde im Glauben erzogen, dass ich in allen meinen Facetten abartig bin, dass alle meine Taten, Äußerungen, Erscheinungen ekelhaft und peinlich sind, dass ich an allem Übel der Welt schuldig bin, vor allem aber daran, dass ich überhaupt existiere. Diese Angriffe fanden mehrmals täglich statt, und zwar in allen möglichen Formen: Leseverboten, Essensentzug, Einsperrungen, verbale Abfertigungen, Schlägereien usw., usf. Die Fantasie hatte keine Grenzen. Dass ich schon im Kinderalter jede Menge Neurosen mit mir herumschleppte und im Grunde gar nicht mehr lebensfähig war, braucht man nicht zu erklären.

Im Alter von 13 Jahren bin ich rein zufällig auf die Bücher von Wladimir Lewi gekommen. Das ist ein sehr berühmten Psychiater und Psychotherapeut in Russland. Seine Bücher sind zwar nicht für 13-Jährige Kinder bestimmt, sondern für Erwachsene... aber ich habe sie gelesen. Alle. Mehrfach. Nein, gelesen ist kein richtiges Wort... ich habe sie hysterisch reingezogen. Das war so ein Gefühl als würde man in der Wüste ein Schluck Wasser bekommen, wenn man schon beim Verdursten ist.

Diese Bücher haben zwar keinen gesunden und freudigen Menschen aus mir gemacht (das war gar nicht möglich, den ich blieb ja in meiner Umgebung und wurde mehrere Jahre lang nach wie vor den täglichen Repressalien ausgeliefert... das kann man nicht einfach so wegstecken), aber ich habe erst mal verstanden, dass meine Andersartigkeit nicht peinlich ist. Es wurde mir zwar in meinem "realen" Leben immer wieder etwas Anderes beigebracht... aber irgendwo in Tiefen meines Bewusstsein glimmerte der Gedanke, dass ich nicht abartig bin und dass man mich auch lieben kann. So richtig habe ich daran nicht geglaubt... und doch war der Gedanke da. Und die Hoffnung.

Die Bücher von Doktor Lewi waren von Nächstenliebe, Intelligenz und Kreativität durchtränkt und Sie haben mich am Leben gehalten.

Nun... Sie schreiben kreativ und intellektuell (was nicht unbedingt intelligent bedeutet)... aber wenn ich Ihre Texte lese, erinnere ich mich unwillkürlich an die Zeiten, als ich fest glaubte, dass ich abartig bin.

Wenn Sie über jemanden z.B. so schreiben: "Nur seine Gesichtsfarbe erinnerte an synthetischen Vanillepudding, der sich ökologisch schlecht abbauen lässt. Na ja, vielleicht war dieser Pudding auch mit Mohnstreuseln durchsetzt. Denn Horst war immer schlecht rasiert.", dann brauchen Sie mir nicht zu erklären, dass Sie diesen Menschen in seiner Andersartigkeit akzeptieren oder gar lieben.

Sorry. Ich weiß, dass es hart ist, was ich jetzt gesagt habe... hätten Sie ein Schönlüge bevorzugt?
dr.knoll schrieb am 21.02.2011 um 21:14
Lieber Herr Krem-Browing
Nein Schön-Lügen mag ich auch nicht. Und im Übrigen kann ich einiges vertragen. Also:
Wenn ich die Umstände zu Grunde lege von denen Sie berichten, kann ich mir vorstellen, dass die Bedeutung der Worte für Sie einen anderen Klang erhalten.
Wer aber den Wunsch hat seine Umwelt wie ein Maler mit Worten zu beschreiben, wird kaum die Mittel der Selbstzensur wählen, um sich anschließend zu beschweren, dass die „Welt“ eigentlich ganz anders ist.
In diesem Sinne halte ich es mit Flaubert:
„Ich ist ein anderer“. Da wird jeder Blick in den Spiegel spannend. Und frei nach „Gantenbein“ nicke ich mir zu und denke:
Ich stelle mir vor…
Gruß Mathias Knoll
Ehemaliger Nutzer schrieb am 21.02.2011 um 22:05
Lieber Herr Doktor,

ich weiß nicht, was an mir so männlich wirken sollte, dass ich von so vielen Foristen so konsequent als "Herr" bezeichnet werde. Mittlerweile bin ich an diesem Thema ausgebrannt und habe keine Lust mehr zu widersprechen. Von mir aus, nennen Sie mich "Herr". Es hat sogar unerforschte Reiz-Aspekte an sich.

Ich widerspreche aber Ihrer Behauptung, dass ein Maler seine Umwelt beschreibt. Es wäre ja total langweilig. Für die Beschreibung der Welt hätte eine Fotokamera völlig ausgereicht. Der Maler zaubert seine eigene Welt hin, die es vorher nicht gab. Selbst wenn es sich nur um das Abzeichnen eines Baums handelt oder so. Und die Worte BEschreiben die Welt auch nicht, sondern sie SCHREIBEN die Welt. Am Anfang war das Wort... danach entstand die Welt. Die Realität ist vielschichtig, mehrfach ineinander verschachtelt, aus der Ferne mit unbekannten Sinnen flimmernd, geisterhaft von einer Kante des Seins auf die andere übergehend, mit unerforschten Energien winkend... der Schreiber konstruiert daraus die neuen Facetten der Weltordnung. Also.

Herr Krem-Brownuing
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