„ ... und wenn ich aus dieser Hölle hier herauskomme, dann schwöre ich Dir ewige Treue ...“ schrieb sein Großvater, der nicht nur aus Österreich-Ungarn stammte, sondern auch noch des Öfteren sein „arisches Blut“ befleckt hatte, wie seine Großmutter resignierend ihrem Tagebuch anvertraute, „…aber trotzdem glaube ich ihn zu lieben“.
Ob sich der Großvater jemals von seinen traumatischen Kriegserlebnissen erholte, konnte er heute nicht mehr beurteilen. Aber immerhin existierte noch ein Foto seines Großvaters im hochgeschlossenen Waffenrock. Trotz Stockflecken, die diese Abbildung übersäten, stemmte sein Großvater selbstbewusst seine rechte Hand in die Hüfte, während er sein bartloses Kinn stolz dem Betrachter entgegenstreckte. Dabei trugt er natürlich einen martialischen Kaiser Wilhelm Schnurrbart, den er vermutlich für diese Porträtaufnahme besonders hoch gezwirbelt hatte, während er sich draufgängerisch in die Brust warf. Seinen Haarschnitt trug er militärisch knapp, während seine Stirnknochen wie bei einem gehuften Luzifer hervortraten. Oder drohte sein Kopf nur aus Vaterlandsliebe zu platzen?
Seine Augen allerdings schienen noch unschlüssig zu sein, ob sie nun die hohe Schule der militärischen Ordnung anpeilen sollten? Oder sollte er doch lieber seinem persönlichen Glück zuzwinkern?
Der Ausdruck seiner Augen war eine Mischung aus schneidiger Borniertheit und Leichtsinn. Aber in dieser Art ihrer Unschlüssigkeit erinnerte dieses Foto auch irgendwie an eine Karikatur.
Da aber auch die Litzen seine Uniformrockes von Stockflecken nachhaltig angefressen waren, herrschte bei der Betrachtung des Bildes völlige Unklarheit darüber, welchen militärischen Rang der Großvater wohl eingenommen haben könnte. Mal hieß es, er sei Hauptmann gewesen. Dann wieder kursierte die Version, dass er sogar für den Generalstab vorgeschlagen worden war. Schließlich einigte man sich darauf, dass Großvater auf jeden Fall Offizier gewesen sein musste.
„Aber er hat nie einem etwas zu Leide getan,“ vergaß seine Großmutter nie zu erwähnen. Während sein Vater sagte:
„Natürlich nicht, Mutter.“
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen