Herr Dr. O. , ein studierter Germanist, schrieb für Tageszeitungen Kritiken. Sein Glaube an die Erziehbarkeit des Menschen war ungebrochen. Denn nur über das Wort kann sich eine Weltanschauung entwickeln! Da war sich Dr. O. sicher. Allein durch die Sprache sind wir in der Lage auf das zu reagieren, was uns täglich widerfährt. Warum sollen wir da also schweigen?
Ich gestehe jedem Menschen seine Einzigartigkeit zu, sagte er dann noch. Und ich unterstütze jeden, der seine Meinung vertritt. Selbst dann, wenn ich nicht seiner Meinung bin. Ich liebe die Freiheit des Denkens. Allerdings ist diese Art von Freiheit ein Kapital, das man gut anlegen sollte. Wenn sich aber einer mit diesem Freiheitsbegriff schmückt wie mit einer Gloriole, werde ich skeptisch.
Da Herr Dr. O. nur selten wissenschaftliche Literatur besprach, gab es für ihn nicht diese Kategorien von "richtig" und "falsch". Und falls er überhaupt in Kategorien dachte, standen für ihn ästhetische Begriffe im Vordergrund. Diese Begriffe entschieden darüber, ob er einen Text als gelungen empfand oder halt nicht. Wir brauchen eine neue "Ästhetik des Widerstandes", lächelte er dann. Aber gleichzeitig konnte er es nicht ertragen, wenn ein Leser alles nur abnickte, weil es gut klang. So brauche ich nicht zu erwähnen, dass sich Dr. O. nicht vor Fehlurteilen scheute. Was soll das? sagte er dann. Ein Fehlurteil ist immer ein Denkanstoß. Und welche Gesellschaft kann darauf verzichten?
Und doch, bei seiner Arbeit stand das Individuum im Vordergrund. Da musste Dr. O. hoffen, dass sich der Leser mit diesem Individuum identifizieren würde. Natürlich wusste unser Kritiker, dass seine literarischen Betrachtungen unter die subjektive Kategorie der Bewertung fielen. Seine Meinung war nicht das A und O, sondern der Versuch einer objektiven Bewertung. So konnte jeder Leser für sich das Objekt der Kritik erleben.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen