dr.knoll

Blog von dr.knoll

21.03.2010 | 16:16

DIE FRAU AUS DEM KIRCHENKREIS

 

 Frau C. organisierte in unserer Gemeinde den Bibelkreis. Natürlich war sie immer sehr beschäftigt.  Dabei erinnerte sie mich immer irgendwie an ein Wiesel. Sie redete ununterbrochen, als habe sie Angst vor Gesprächspausen. Natürlich war sie jeder Zeit bereit einzuspringen, wenn die Gemeinde ihre Hilfe benötigte.
Kurz, Frau C. war jeden Tag so beschäftigt, dass sie gar nicht bemerkte, dass sie grau wurde.  Bis dahin hatte sie immer geglaubt ihre Haare seien blond.
Aber Frau C. war auch eine „brutal“ mütterliche Frau. Das weiß ich von ihrer Tochter, die irgendwann einmal auszog, als sie den falschen Freund mit nach Hause brachte. Er war farbig. Nun gut, für Eltern mag das gewöhnungsbedürftig sein…
„Aber...," sagte die Tochter zu ihrer Mutter, „ ...bin ich für dich auch aussätzig, wenn ich in seinem Land die einzige Weiße wäre?“
Als die Mutter nicht antwortete, wurde der Tonfall ihrer Tochter schärfer:
„Ja, was dann?! Das frage ich dich! Sind wir nicht alle Ausländer? Das steht doch auch in eurem Kirchenblättchen…“
Da ihre Mutter immer sehr beschäftigt war, konnte dieses Thema weder heute noch morgen ausdiskutiert werden. Da war es schon praktischer  für die Mutter beim Einwohnermeldeamt nachzufragen, ob dieser junge Mann, der Freund ihrer Tochter, überhaupt gemeldet sei?! Und wenn ja… na ja, kurz und gut, er arbeite nebenbei… Sie verstehen schon…?!
Das Einwohnermeldeamt verstand  Frau C. Und plötzlich war der Freund ihrer Tochter verschwunden und Eva ausgezogen. Da wurde Frau C. von einigen Frauen aus der Gemeinde sehr bemitleidet. Denn schließlich hatte sie ja nur diese eine Tochter…usw. usw.
Anfangs machte auch ich mir Sorgen um Frau C. Aber als ich dann genauer hinhörte, wenn sie über ihre Tochter sprach, entdeckte ich, dass nicht jede Träne, die Frau C. vergoss, echt war. Als ich dann aber auch noch ihre akkurat geknickten Sofakissen sah, war mir klar, um Frau C. brauchte ich mir keine Sorgen zu machen. Und, das muss ich zugeben, ich machte mir auch keine Sorgen mehr um ihre Tochter. Denn die war ja schon lange ausgezogen.

 

 
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